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Übungsmanöver: Muskelspiele der Militärs

Zum ersten Mal in der Geschichte veranstalten Russland und China ein gemeinsames Militärmanöver. Vehement bestreiten Moskau und Peking, die Übung sei eine Generalprobe für die Besetzung Taiwans.

Tausende russische und chinesische Soldaten marschieren im Auftrag der Vereinten Nationen in einem dritten Land ein, um einen brodelnden ethnischen Konflikt zu beenden. Auf den ersten Blick erscheint das Szenario des gemeinsamen Manövers "Friedensmission 2005" glaubwürdig. Die erste Militärübung der über Jahrzehnte verfeindeten und jetzt befreundeten Mächte beginnt am Donnerstag in Wladiwostok und endet am 25. August auf der chinesischen Halbinsel Shandong im Gelben Meer. Zu Beginn der Übung legten die Kommandeure beider Seiten in Wladiwostok, wo sich das Hauptquartier der russsichen Pazifikflotte befindet, Kränze an einem Mahnmal für die Opfer des Zweiten Weltkriegs nieder.

Einige Details muten seltsam an, so der Einsatz von U-Booten und russischen Langstreckenbombern bei der simulierten Vertreibung einer dritten Flotte aus der Konfliktzone. "In diesem Fall erinnert die Friedensmission an eine Standardoperation zur Besetzung eines fremden Territoriums", kommentiert der russische Militärexperte Alexander Golz. "Es ist nicht schwer zu erraten, wessen Territorium gemeint ist - es handelt sich ohne Zweifel um Taiwan."

Berichten zufolge sind rund 10.000 Soldaten, darunter 1800 aus Russland, und 140 Schiffe beteiligt. Moskau und Peking bestreiten aber, dass das Übungsmanöver eine Generalprobe für die Besetzung der Insel darstellt. Die Übung solle die Fertigkeiten der Streitkräfte bei der "gemeinsamen Bekämpfung von Terrorismus, Extremismus und Separatismus" verbessern, hieß es kürzlich in einer Stellungnahme der chinesischen Regierung. Allerdings sieht China Taiwan als abgespaltene Provinz und droht, sich die Insel notfalls mit Gewalt wieder einzuverleiben. Bislang steht der Drohung die Garantie der USA gegenüber, Taiwan notfalls zu verteidigen. "Unsere Übungen bedrohen kein Land", beschwichtigte sodann der russische Stabschef General Juri Balujewski. Sein chinesischer Kollege General Liang Guanglie sprach von einem historischen Ereignis in den Beziehungen beider Länder.

Kritik an "fortschreitender Monopolisierung"

Beobachter deuten die Übung auch als Versuch, ein chinesisch-russisches Gegengewicht zu der Weltmacht USA aufzubauen. Im Juli veröffentlichten die Präsidenten Hu Jintao und Wladimir Putin in Moskau eine Erklärung, die von Beobachtern als anti-amerikanisch eingestuft wurde. Sie kritisierten die "fortschreitende Monopolisierung" in globalen politischen Fragen und traten für eine "multi-polare Weltordnung" ein. Moskau wie Peking zeigen sich äußerst empfindlich gegenüber der Präsenz der US-Truppen und dem wachsenden amerikanischen Einfluss in den ehemaligen sowjetischen Republiken in Zentralasien. Washington reagiert indes gelassen auf das gemeinschaftliche Muskelspiel im Fernen Osten. Das Manöver werde sicherlich dazu beitragen, das gemeinsame Ziel der Stabilität in diesem Gebiet zu erreichen, erklärten die USA.

Einen anderen Aspekt der Übung ist Russlands Wunsch, lukrative Waffenlieferungen nach China fortzusetzen. In den vergangenen Jahren hat der Umsatz eine Milliarde US-Dollar erreicht. Daher könnte der Einsatz der atomar bestückbaren Bomber vom Typ Tu-22M und Tu-95 dazu dienen, das Interesse der Chinesen an diesen Fliegern zu wecken.

Im Oktober will Russland mit seinem anderen engen Partner in Asien, nämlich Indien, militärisch üben. Das Manöver soll dann in der nordwestlichen indischen Provinz Rajastan und im Indischen Ozean stattfinden.

Nick Allen/DPA / DPA