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Krieg in der Ukraine "Putin ist ein Idiot": Russische Soldaten geben in abgehörten Telefonaten erschütternde Einblicke

Ein russischer Soldat im April auf Patrouille in Mariupol
Ein russischer Soldat im April auf Patrouille in Mariupol
© Alexander Nemenov / AFP
Russische Soldaten dürfen eigentlich nicht von der Front aus telefonieren – und tun es trotzdem. Die "New York Times" hat abgehörte Telefonate von der Front veröffentlicht. Darin lassen Soldaten an Putin und der Armee kein gutes Haar.

Russische Soldaten haben laut "New York Times" gegen das Verbot verstoßen, von der Front aus zu telefonieren. Anfänglich hat die russische Armee den Soldaten ihre Mobiltelefone abgenommen, doch es scheint mehr als genug Soldaten zu geben, die trotzdem zu Hause anrufen. Der Ukraine hat tausende Anrufe mitgehört und die Mitschnitte aus dem März – also dem ersten Kriegsmonat – der "New York Times" zur Verfügung gestellt. Die Telefonate geben einen ungeschönten Einblick in die russische Armee. 

Die Telefonate bestätigen etwa noch einmal die Berichte, dass vielen Soldaten gar nicht wussten, in welcher Art Einsatz sie sich befinden. "Niemand hat uns gesagt, dass wir in den Krieg ziehen", sagte demnach ein Soldat namens Sergej seiner Mutter. "Einen Tag vorher haben sie uns gewarnt."  Ein "Nikita" erzählt einem Freund: "Wir sollten alle für zwei oder drei Tage zum Training. Sie haben uns verarscht wie kleine Kinder."

Soldaten kritisieren Putin und Militärführung

Auch mit Kritik am russischen Präsidenten Wladimir Putin und der militärischen Führung halten die Soldaten – laut der Zeitung vor allem Mitglieder der Luftwaffe und der Nationalgarde – am Telefon nicht hinterm Berg. "Mama, ich denke, dieser Krieg ist die dümmste Entscheidung, die unsere Regierung je getroffen hat", sagt ein "Sergej" seiner Mutter. "Putin ist ein Idiot. Er will Kiew einnehmen. Wir haben keine Chance, das zu schaffen", sagt "Aleksandr". "Wir können Kiew nicht einnehmen. Wir erobern Dörfer. Und das war es." Seiner Mutter sagt ein "Sergej": "Von 400 Fallschirmjägern haben nur 38 überlebt. Weil unsere Kommandeure Soldaten zur Schlachtbank schicken."

Seiner Freundin berichtet "Sergej": "Sie wollen im Fernsehen nur die Menschen an der Nase herumführen: 'Alles in Ordnung, es gibt keinen Krieg, nur eine Spezialoperation.' Aber in Wahrheit ist es ein echter, verdammter Krieg."

Russlands Angriff läuft schnell schlechter als geplant

Schnell realisieren die Soldaten an der Front, dass die russische Offensive nicht so läuft, wie von Moskau erhofft. "Unsere Position ist sozusagen scheiße", sagt  "Sergej" seiner Mutter. "Wir sind zur Defensive übergegangen. Unsere Offensive ist ins Stocken geraten." Ein anderer berichtet: "Panzer und gepanzerte Truppentransporter brannten überall. Sie haben einen Damm und eine Brücke gesprengt. Die Straßen wurden überschwemmt. Nun können wir weder vor noch zurück."

Auch über die Ausrüstung und militärische Fehler beklagen sich die Frontsoldaten. "Unsere eigene Artillerie hat uns beschossen. Sie dachten, wir seien verdammte Ukrainer. Wir dachten, wir wären erledigt", berichtet ein "Nikita" seiner Freundin. "Manche Jungs haben ukrainischen Gefallenen ihre schusssicheren Westen abgenommen und tragen sie selbst. Deren Nato-Schutzausrüstung ist einfach besser als unsere", sagt "Sergej" seiner Freundin. Ein "Roman" beklagt sich: "Unsere ganze Ausrüstung ist altmodisch. Nicht so modern, wie sie es im Staatsfernsehen zeigen."

Soldat schildert Kriegsverbrechen in Ukraine

"Sergej" gesteht seiner Freundin ein Kriegsverbrechen: die Erschießungen von Zivilisten. Sie waren offenbar der russischen Stellung zu nahe gekommen. "Wir haben sie gefangen genommen, ausgezogen und ihre Kleidung durchsucht. Dann musste eine Entscheidung gefällt werden, ob wir sie gehen lassen. Wenn wir sie laufen lassen, können sie unsere Position verraten ... also wurde entschieden, sie im Wald zu erschießen." Seine Freundin fragt nach: "Habt ihr sie erschossen?" Sergej antwortet: "Natürlich haben wir sie erschossen." Auf ihr Frage, warum sie sie nicht als Gefangene behalten haben, antwortet er: "Wir hätten ihnen Essen geben müssen und wir haben nicht einmal genug Verpflegung für uns selbst."

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Die Zeitung schreibt, sie habe die Echtheit der Telefonate überprüft, indem sie die russischen Telefonnummern mit Messaging-Apps und Social-Media-Profilen abgeglichen habe, um Soldaten und Familienmitglieder zu identifizieren. Der stern konnte die Telefonate nicht unabhängig von der Zeitung verifizieren.

Quelle:"New York Times" (Bezahlinhalt)

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