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US-Staatssekretär Joseph: "2010 hat Iran die Atombombe"

In Berlin verhandeln derzeit EU-Chefdiplomat Javier Solana und Irans Unterhändler Ali Laridschani über das Atomprogramm. Im stern.de-Interview sagt US-Staatssekretär Robert Joseph, warum der Diplomatie die Zeit davonläuft.

Herr Joseph, was wissen Sie über den Umfang des iranischen Atomprogramms?

Der Iran arbeitet daran seit fast 20 Jahren. Heimlich, mit ständigen Täuschungsmanövern. Das jetzige Anreicherungsprogramm hat nur ein Ziel: Iran will die Fähigkeit erlangen, Atomwaffen zu bauen. Schon produzieren 164 Gaszentrifugen angereichertes Uran in einer Kaskade. Diese Kaskade ist das Kernstück für Anreicherung in großem Maßstab - und zwar auch für die Produktion von Atomwaffenmaterial.

Immer wieder ist von einem zweiten geheimen Waffenprogramm die Rede. Was wissen Sie darüber?

Daran arbeitet der Iran seit beinahe 20 Jahren. Heimlich, mit ständigen Täuschungsmanövern. Das jetzige Urananreicherungsprogramm hat nur ein Ziel: Iran will die Fähigkeit erlangen, Nuklearwaffen zu bauen.

Wie viel Uran wurde bislang überhaupt angereichert? Man braucht rund 25 Kilo hochangereichertes Uran für eine Bombe.

So weit wir wissen, und so weit es von Inspektoren der Internationalen Atomenergiebehörde IAEO überprüft werden konnte, ist es eine sehr kleine Menge.

Man spricht von wenigen Dutzend Gramm.

Wir müssen das Gesamtprogramm betrachten. Es sind bereits 164 Anreicherungszentrifugen in einer so genannten Kaskade installiert. Und sie produzieren angereichertes Uran.

Es handelt sich um eine kleine Test-Einheit in der Fabrik Natanz. Doch für eine Bombe würde man Tausende solcher Zentrifugen benötigen.

Diese Kaskade ist das Kernstück für Anreicherung in großem Maßstab - und zwar auch für die Produktion von Atomwaffenmaterial. Eine Kaskade mit weiteren 164 Maschinen soll im Oktober in Betrieb gehen. Und am Ende dieses Jahres sollen es 3000 sein, das hat der Iran angekündigt. Außerdem wurden bereits bedeutende Mengen des gasförmigen Uran-Hexafluorids produziert. Angereichert würde es das nukleare Brennmaterial für mindestens ein Dutzend Bomben liefern.

Immer wieder ist von einem zweiten, geheimen Waffenprogramm die Rede. Was wissen Sie darüber?

Das wahre Ausmaß des Nuklearprogramms ist eine offene Frage. Der Iran hat Informationen verheimlicht, die Atomenergiebehörde getäuscht. Wir haben allen Grund, besorgt zu sein. Es gibt Anzeichen, dass der Iran an einer Bombe baut.

Welche?

Etwa Arbeiten mit angereichertem Uranmetall. Dafür gibt es nur eine Verwendung: die Produktion von Atomwaffen. Oder etwa auch die Verknüpfung des Nuklearprogramms mit dem iranischen Militär, etwa bei Tests mit Hochgeschwindigkeitssprengstoffen. All das beunruhigt uns sehr. Die Atomenergiebehörde in Wien möchte jetzt auch wissen, wie Spuren hoch angereicherten Urans auf bestimmten Geräten zu erklären sind. Es ist unklar, woher diese Verschmutzung kommt. Der Iran treibt das Programm sehr aggressiv voran.

Ist der Iran eine direkte Bedrohung für die Sicherheit der Vereinigten Staaten?

Ja. Sogar ohne Atomwaffen ist das Land eine Bedrohung für die USA - und für die internationale Gemeinschaft. Die iranische Führung unterläuft den Nahost-Friedensprozess ebenso wie alle Anstrengungen, Stabilität im Irak zu herzustellen. Sie unterstützt die Hezbollah im Libanon. Der Staat ist der zentrale Sponsor des Terrors in der ganzen Welt. Und jetzt stellen Sie sich vor, was es bedeuten würde, wenn der Iran auch noch Atomwaffen besitzt.

Was würde dann passieren?

Mit Atomwaffen würde sich der Iran doch nur noch mehr ermutigt fühlen. Würde Proliferation, die Weiterverbreitung von Massenvernichtungswaffen in dieser sehr wichtigen Region in Gang setzen. Damit stünde die Zukunft des Vertrages für die Nichtweiterverbreitung auf dem Spiel. Und Israel soll von der Landkarte getilgt werden - eine existentielle Bedrohung für das Land. Der Iran ist eine Bedrohung für die ganze Welt.

Ist der Iran gefährlicher als der Irak unter Saddam Hussein?

Ein nuklear bewaffneter Iran ist die zentrale strategische Herausforderung unserer Zeit. Unter allen Umständen muss die internationale Gemeinschaft den Iran stoppen, bevor er die entsprechenden Kenntnisse erlangt.

Die internationale Gemeinschaft, allen voran die Europäer, will verhandeln. Man bietet Wirtschaftshilfe und Technologie an. Ist diese Politik gescheitert?

In diesem Sommer haben wir, die Vereinigten Staaten, sogar angeboten, uns an Verhandlungen zu beteiligen. Wir sind bereit, die extra Meile, den zusätzlichen Schritt, zu gehen - wenn der Iran die Urananreicherung einstellt. Das geschah nicht. Dann setzte der UN-Sicherheitsrat eine Frist. Sie verstrich. Der Iran stoppte nicht. Und es gibt keinerlei Anzeichen, dass er seinen Kurs ändern wird.

Was soll jetzt passieren?

Der UN-Sicherheitsrat muss jetzt Sanktionen verhängen. Die iranische Führung muss die Konsequenzen der ständigen Täuschungen tragen.

Wie sollen wirksame Sanktionen aussehen?

Es sind noch keine Entscheidungen gefallen. Wir beraten noch. Es gibt Vieles, über das wir uns noch nicht geeinigt haben.

Die USA denken an Finanzsanktionen. Konten sollen gesperrt werden, und man will auch verbieten, dass iranische Geschäfte über amerikanische oder internationale Banken abgewickelt werden.

Es gibt eine Reihe von Ideen. Reisebeschränkungen, Unterbrechung iranischer Finanzaktivitäten. Oder auch Waffen-Embargos, wie etwa gezielte Sanktionen in Bezug auf ihr Raketenprogramm.

Aber Sanktionen funktionieren fast nie. Und der Iran kann leicht mit der Ölwaffe drohen.

Wir müssen auf alles vorbereitet sein, auf alle Gefahren. Die Ölwaffe ist allerdings ein zweischneidiges Schwert. Es ist gar nicht so einfach, den Verkauf von Öl einzustellen. Und der Iran braucht die Einkünfte aus seinem Ölgeschäft. Unsere Position ist vollkommen klar: Wir müssen jetzt Sanktionen verhängen. Und wenn der Iran seine Anreicherungsaktivitäten einstellt, dann kann man verhandeln.

Und die USA sitzen mit am Tisch?

Das haben wir gesagt.

Iranische Unterhändler schlagen eine eventuelle zeitweilige Einstellung des Anreicherungsprogramms vor ...

... nein, darauf werden wir nicht eingehen. Der Iran hat dieses Spiel auf Zeit schon in den vergangenen drei Jahren erfolgreich betrieben.

Doch Europa, Russland und China ziehen Verhandlungen offenbar vor.

Wir können es uns nicht erlauben, dem Iran noch mehr Zeit zu geben. Zu ihrer Strategie gehört doch, Fakten zu schaffen. In diese Falle tappen wir nicht. Die Glaubwürdigkeit des UN-Sicherheitsrates ist bedroht.

Viele Experten glauben, man habe noch genügend Zeit für Verhandlungen. Wann könnte der Iran die Bombe haben?

Die Geheimdienste glauben zum Ende dieses Jahrzehnts. Doch der "point of no return" könnte früher kommen. Der Tag, an dem der Iran unwiderruflich das Wissen hat, eine Atomwaffe zu bauen. Danach gibt es kein Zurück mehr.

Wann könnte das sein?

Sobald es dem Iran gelingt, die jetzige 164- Zentrifugen-Kaskade in Natanz über einen längeren Zeitraum ohne Fehler, ohne Pannen laufen zu lassen. Dies ist die entscheidende technologische Barriere. Wenn dieses Hindernis einmal überwunden ist, dann werden die Iraner solche Zentrifugen jenseits aller Kontrollen durch Waffeninspekteure betreiben können. Man muss den Iran stoppen, bevor er Kenntnisse und Technologie erwirbt, die ihn in den Besitz von Nuklearwaffen bringen - und zwar, ohne dass wir etwas davon überhaupt ahnen.

Warum verhandeln die USA nicht direkt mit dem Iran? Vor drei Jahren bot Teheran den USA umfangreiche Verhandlungen an, auch über die nukleare Frage. Die US-Regierung lehnte das Angebot ab.

Ich weiß nicht, ob es sich um ein wirklich ernst gemeintes Angebot handelte.

Fordern Sie "Regime Change", einen Regierungswechsel, im Iran?

Im Moment konzentrieren wir uns auf die nukleare Frage. Aber Sie hören doch die Rhetorik dieses Regimes, das den Holocaust leugnet. Dieses Regime unterstützt Terrorismus und gesteht seiner Bevölkerung nicht einmal grundlegende Menschenrechte zu.

Sollten die USA bereit sein, auch gegen den Iran in den Krieg zu ziehen, etwa mit Luftschlägen, wie es einige Kommentatoren bereits fordern?

Ich glaube, ein nuklear bewaffneter Iran kann nicht toleriert werden. Im Moment sind Sanktionen die beste Möglichkeit, den Iran zu überzeugen, sein Nuklearprogramm zu stoppen.

Interview: Katja Gloger