US-Wahl Schlange stehen mit Schirm und Stuhl


Angesichts des offenen Ausgangs im Rennen um die Präsidentschaft haben offenbar so viele Amerikaner wie nie zuvor von ihrem Wahlrecht Gebrauch gemacht. Lange Schlangen wurden aus vielen Orten der USA gemeldet.

Das spannende Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen US-Präsident George W. Bush und seinem Herausforderer John Kerry hat offenbar die meisten Wähler seit 40 Jahren an die Wahlurnen getrieben. Schätzungsweise 117,5 bis 121 Millionen Menschen wollten ihre Stimme am Dienstag abgeben, eine Quote von 58 bis 60 Prozent der Wahlberechtigten. Damit würde die Wahlbeteiligung an den Rekord von 1960 heranreichen, als John F. Kennedy den Kampf ums Weiße Haus gegen Richard Nixon gewinnen konnte.

Höhere Beteiligung als vor vier Jahren

Es zeichnete sich eine deutlich höhere Beteiligung ab als vor vier Jahren. Für George W. Bush und seinen damaligen demokratischen Herausforderer Al Gore gaben insgesamt 105,4 Millionen Menschen ihre Stimmen ab; eine Beteiligung von 51 Prozent. Bei der Wiederwahl von Bill Clinton 1996 gingen nur 49 Prozent zur Wahl. 1960 wurde die Höchstmarke der jüngeren Geschichte erreicht, wie Curtis Gans vom Komitee für die Studie der amerikanischen Wahlen erklärt. Damals gaben 65 Prozent der Wahlberichtigten ihre Stimme ab. Der neue Einfluss des Fernsehens trug in den 60er Jahren zum großen Interesse der Bevölkerung bei.

Mit Schirmen und Regenmänteln haben sich zahlreiche Wähler rüsten müssen - einige brachten sogar Stühle mit. Lange Schlangen wurden aus vielen Orten schon vor Öffnung der Wahllokale gemeldet. "Ich habe mich sonst noch nie in einer Reihe anstellen müssen", sagte der 72-jährige Fred Flugger in Pittsburgh. Dutzende Menschen standen bereits an, als er kurz nach Abstimmungsbeginn eintraf. "Sonst, wenn ich warten musste, dauerte es höchstens drei bis vier Minuten", erklärte Flugger. "Es besteht einfach ein großes Interesse an dieser Wahl."

"Nie so einen großen Ansturm erwartet"

Sie seien extra früh zur Stimmabgabe gegangen, berichtete Linda Russell in Raleigh in North Carolina. Trotzdem musste sie sich noch vor Öffnung ihres Wahllokals in eine Schlange wartender Wähler einreihen. "Wir hätten nie so einen großen Ansturm erwartet."

Auch der republikanische Senatskandidat E. J. Pipkin musste sich am Dienstag in Stevensville in Maryland anstellen - und zeigte sich begeistert. "Wir haben die Botschaft forciert, dass die Wahl wichtig ist, dass es wichtig ist, wer gewählt wird, und ich denke, dass wir in der Wahlbeteiligung heute ein direktes Resultat daraus sehen können", sagte Pipkin. "Das ist ein gutes Zeichen für unsere Demokratie."

Vor der Dent Middel School in Columbia in South Carolina warteten vor Wahlbeginn um 07.00 Uhr rund 200 Wähler vor der Tür. "Das ist nicht normal", sagte der langjährige Wahlhelfer Timothy Evans. "Vor vier Jahren hatten wir etwas mehr als 100 Wähler. Das ist fast das Doppelte."

An der Mount-Zion-Kirche in Miami standen am Morgen rund 150 Wähler an. Darunter seien aber nur wenige in seinem Alter gewesen, berichtete der 21-jährige Robert Thomas. "Ich habe mich umgeschaut und einige gesehen, aber es sollten mehr sein."

"Gehässigster Wahlkampf der jüngsten Geschichte"

Mit Blick auf die Kampagnen von Amtsinhaber George W. Bush und Herausforderer John Kerry, die mit Angriffen auf den jeweiligen anderen Kandidaten zu punkten suchten, ist der Präsidentschaftswahlkampf nach Ansicht von Norman Ornstein vom American Enterprise Institute für Politikforschung der gehässigste der jüngsten Geschichte gewesen. Während viele Amtsinhaber diesen Job gerne ihren Vertretern überließen, habe Bush es sich nicht nehmen lassen, Kerry höchstpersönlich als schwach und unentschlossen darzustellen. "Dieser Präsident war der oberste ’Bad Cop’", sagt Ornstein. Wenn einem die Politik am Herzen liege, sei es schwer gewesen, diesen Wahlkampf zu beobachten, "ohne dass es einem übel wurde".

Das Land scheint seit Monaten gespalten: Noch am Wahltag galt die Sympathie der Hälfte der Amerikaner Bush, die andere Hälfte hielt es mit Kerry. Die politische Polarisierung bedeutet aber auch, dass der Sieger nun nur schwer einen gemeinsamen Nenner mit der Anhängerschaft seines Konkurrenten finden wird. Von vornherein stand fest: Egal, wer das Rennen machen wird, 50 Prozent der Amerikaner sind enttäuscht. "Unter diesen Bedingungen ist es wahrscheinlich, dass die Flitterwochen für den nächsten Präsidenten - selbst wenn er klar gewinnt - höchstens ein verlängertes Wochenende sind", meint Ornstein.

Roger Petterson und Terrence Hunt/AP AP

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