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US-Wahlkampf: Duell vor laufender Kamera

Die Fernsehdebatten zwischen US-Präsident George W. Bush und seinem demokratischen Herausforderer John Kerry stehen kurz bevor. Jedes Wort, jede Geste kann wahlentscheidend sein.

Die erste von insgesamt drei TV-Debatten beginnt am 30. September in Miami mit einem außenpolitischen Schlagabtausch. Die beiden Kandidaten Bush und Kerry haben sich bereits seit Wochen akribisch auf ihren Auftritt vorbereitet.

TV-Duell als Quotenrenner

Es wird erwartet, dass doppelt so viele Amerikaner die TV-Duelle auf dem Bildschirm verfolgen werden wie dies bei den Nominierungsparteitagen - im Kern nichts anderes als kostspielige Werbeshows - der Fall war. Nach Einschätzung von Analytikern waren die Fernsehdebatten bei fünf der sieben vorausgegangenen Präsidentschaftswahlen ein "wichtiger Faktor" und vor vier Jahren wahrscheinlich sogar wahlentscheidend.

Bloß nicht seufzen

So studiert vor allem Kerry intensiv die Videoaufnahmen der Duelle 2000, als sich Bush und der Demokrat Al Gore gegenüber standen. Eines hat Kerry ganz gewiss schon daraus gelernt: Bloß nicht seufzen, wie dies Gore während einer der Debatten so häufig getan hatte, dass dies nach Meinung nicht weniger Experten zum Wahlverlust beitrug. Dazu wurde dem Demokraten seinerzeit angelastet, dass er sein Erscheinungsbild bei jedem Auftritt änderte - je nachdem, was ihm Freunde rieten. "Sei konsistent, bleibe bei deiner Linie", gehört denn auch zu den Ratschlägen von Experten wie dem demokratischen Berater Greg Schneiders, der früher für Präsident Jimmy Carter arbeitete.

Nichts dem Zufall überlassen

Bush-Helfer ihrerseits haben schon vor Monaten ein dickes Heft zusammengestellt, das alle möglichen Angaben über frühere von Kerry bestrittene Debatten, über den Redestil des Kontrahenten und über Gegensätze in den Positionen enthält. Der Präsident hat dieses Lehrbuch im Wahlkampf stets dabei und "paukt", wann immer er Luft dafür hat.

Zur Routine vor den Fernsehdiskussionen gehören auch Probedebatten mit einem "Trainingspartner". Mit Kerry streitet als Bush-Double der Washingtoner Anwalt Greg Craig, der seinerzeit Clinton im Amtsenthebungsverfahren zur Seite stand. Bushs Ersatz-Kerry ist Senator Judd Gregg aus New Hampshire, der schon vor vier Jahren in den Probeläufen Al Gore verkörperte.

Noch kein Rededuell verloren

Und das hat sich nach allgemeinem Urteil bewährt. Bush schien sich damals in den TV-Debatten wohlzufühlen und trat sicher auf - "wenn auch nicht gerade sprühend vor Intellekt", wie es die Zeitung "USA Today" formuliert. Insgesamt sind sich Experten einig: Beide - Bush und Kerry - sind gute Debattierer, die noch in keinem Diskussionszweikampf ihrer Karriere verloren haben. Als vorteilhaft für Bush gilt, dass er als "sympathische Person" wirkt, während Kerry auch unter Druck "cool" bleibt.

"Wer bin ich? Warum bin ich hier?"

Frank Donatelli, früher Berater von Präsident Ronald Reagan, meinte in "USA Today", jeder Kandidat sollte einen "wirklich bemerkenswerten" Satz im Kopf haben, um ihn im geeigneten Moment "anzubringen". Das bleibe nämlich besser im Gedächtnis haften und tauche später häufiger auf als nachdenkliche Debattenbeiträge. So brachte 1984 der damals 73-jährige Ronald Reagan seinen Kontrahenten Walter Mondale zum Lachen, als er auf eine Frage bezüglich seines Alters antwortete, er wolle seinem Herausforderer dessen Jugend nicht anlasten. Mondale war damals 56. Und dann war da 1992 jene denkwürdige - freilich nicht geplante - Debattenäußerung von James Stockdale, "Vize" des damaligen Reformpartei-Spitzenkandidaten Ross Perot, der auf Fragen hilfos antwortete: "Wer bin ich? Warum bin ich hier?"

Gabriele Chwallek/DPA / DPA
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