Very British Oberschicht entdeckt Lidl und Co.


Wenn die Londoner Makler auf ihre Gebühren verzichten und die Oberschicht verschämt bei deutschen Discountern einkauft, dann ist die Krise mehr als reine Theorie. Und trotzdem: Zweidrittel aller Banker erwarten auch dieses Jahr wieder Bonuszahlungen, 32 Prozent sogar die gleiche Summe wie 2007.
Von Cornelia Fuchs, London

Die Wirtschaftskrise ist allgegenwärtig in London. Und das nicht nur auf den täglich wechselnden Postern der Verkaufsstellen der Nachmittagszeitung "Evening Standard", die seit zwei Wochen die finanzielle Apokalypse in ihren Schlagzeilen herbeiredet. Gestern verkündete der Standard: "Makler verkaufen Häuser ohne Gebühren". Und mit diesem Satz haben sie wohl mehr ausgesagt über die prekäre Situation der Londoner Finanz- und Wirtschaftswelt als jede Milliarde oder Billiarde, die in den vergangenen Wochen durch die Nachrichten gegeistert ist. Denn Maklerbüros sind so etwas wie ein Fieberthermometer des Londoner Wohlstands: Haben sie viel zu tun, geht es allen gut. Müssen sie Geschäfte machen, ohne richtig Geschäft zu machen, dann wird bald auch in anderen Bereichen das Geld knapp.

Die Krise ist nicht mehr eine theoretische Bedrohung. 300.000 Jobs sollen schon verloren sein, weitere werden nach dem Weihnachtsgeschäft folgen. Es ist nur die Frage, wie sich jeder Einzelne für die drohende Rezession einrichtet.

Die Preise waren nicht das Wichtigste

Da ist zum Beispiel der Supermarkt Budgens in einem Nordlondoner Stadtteil, ausgezeichnet für seine vielen Bio-Produkte und seine große Auswahl an Brot und Käse. Erst vor einigen Monaten hat Budgens mit Stolz eine Kampagne gegen Plastiktüten eingeführt. Die Kunden kauften hier für das gute Gewissen, die Preise waren, wenn nicht egal, dann doch nicht das Wichtigste. Jetzt bewerben Tafeln vor dem Supermarkt-Eingang den "Credit Lunch" für 2,99 Pfund und ein Plakat, so groß wie ein Bus, wirbt über der Tür mit dem Spruch: "Die Preise sind hier besser als Sie denken".

Es sind Läden wie dieser Nachbarschafts-Supermarkt, die als erste die neue Angst bemerken. Die Londoner wollen sparen, weil sie nicht wissen, was noch kommen wird. Die Gewinner sind die Discounter, wie die deutschen Ketten Aldi und Lidl. Ihr Ruf war bisher in Großbritannien nicht gerade gut. Aldi und Lidl fand man vor allem in der Nähe von öden Sozialghettos und auf Ausfallstraßen. Jetzt kommen ihre Kunden aus den reichen Gegenden - Aldi hat von Juni bis September in ganz Großbritannien elf Prozent Umsatz-Zuwächse verzeichnet, Lidl sogar 20 Prozent.

Aldi-Einkäufe in der Marks-and-Spencer-Tüte

Die Hälfte der neuen Kunden kommt aus der begehrten Gruppe der Besserverdienenden, der ABC1-Werbegruppe. Die wurden bisher selten in Discountern gesehen. Das war in England anders als in Deutschland, wo jeder sich mit einem Aldi-Olivenöl sehen lassen konnte, nachdem "Stiftung Warentest" es als "sehr gut" ausgezeichnet hatte. So gibt es manchen britischen Neu-Kunden bei den Discountern, der seine Einkäufe noch verschämt in einer Marks-and-Spencer-Tüte verschwinden lässt. Die Nachbarn sollen nur nichts merken vom Ausflug in die Tiefen der billigen Lebensmittel.

Während also immer mehr Briten auf deutsche Discounter setzen, wirbt die Boulevard-Zeitung "The Sun" um den Kampfgeist der Inselbewohner: "BBB" heißt die gerade gestartete Kampagne, "Backing British Business - Stützt britische Geschäfte". Britisch soll ab sofort gekauft werden, sagt die Sun, und druckt "Sie brauchen Deine Hilfe" auf den Union Jack einer Sonderbeilage. Darin wird ein Haustier-Stall-Hersteller aus Hull zitiert, der sich wünscht, dass die Leute nicht mehr billige Hunde-Hütten aus China kaufen, sondern "Qualität aus Großbritannien".

Eine Art Krisen-Nostalgie

Das Ganze klingt ein bisschen wie eine Art Krisen-Nostalgie, ein Schwelgen in guten, harten Zeiten, in denen, so zumindest die Legende, die Insel immer besonders gut war. In der Tageszeitung "Daily Telegraph" rät der Kolumnist und Dickens-Biograph Robert Douglas-Fairhurst, in Zeiten des Verzichts wieder den Viktorianer Charles Dickens zu lesen. Der Roman "Little Dorrit" sei zum Beispiel "der perfekte Begleiter zur Kreditkrise", sagt Douglas-Fairhurst: "In einer Welt voller dunkler Stimmen, die prophezeien, dass der Kapitalismus das alte gesellschaftliche Vertrauen zerstört, arbeiten Dickens Romane leise und vorsichtig daran, wieder eine Verbindung herzustellen zwischen Geld und Moral."

Während zwischen Aldi und Dickens nach Alltags-Lösungen gesucht wird, beschäftigen sich die Bankmanager weiter mit sich selbst. 68 Prozent der Angestellten in der Londoner City, darunter auch die der Deutschen Bank, erwarten Bonus-Zahlungen in diesem Jahr. 32 Prozent davon gehen davon aus, dass sie gleich oder höher ausfallen als im vergangenen Jahr. Dazu hatte der Vorstand der HSBC-Bank, Stephen Green, auf einer Konferenz in London an diesem Wochenende zu sagen: "Die Kultur der Entschädigungen hat Banken ermutigt, exzessive Risiken für kurzfristige Gewinne einzugehen." Diese schlecht abgestimmten Anreize hätten zu der finanziellen Krise beigetragen, sagte Green. Seine Bank ist bisher einige der wenigen großen Geldinstitute Großbritanniens, die wohl keine Gelder aus dem staatlichen Nothilfe-Topf brauchen wird.


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