VG-Wort Pixel

Eine journalistische Bilanz Vier Jahre "Shitshow": Bei Trump haben wir alle versagt

Donald Trump
Die Amtszeit des Donald Trump war faszinierend zu beobachten – ob nun aus der Perspektive des Voyeurs oder des Politikwissenschaftlers
Donald Trump hat in seiner Amtszeit stets versucht, die Medien zu Marionetten seines autoritären Zirkus zu machen. Und wir Journalisten konnten unsere Wut darüber allzu häufig nicht verbergen. Das bittere Zwischenfazit einer Ära, die auch nach dem Abgang des US-Präsidenten nicht vorbei sein wird.

Der legendäre US-Rapper Eminem hat vor knapp zwei Jahrzehnten ein Album mit dem Titel "The Eminem Show" veröffentlicht, in der er sich quasi als Hauptdarsteller der Reality-Show seines eigenen Lebens inszenierte. Dabei machte er keinen Hehl daraus, dass er sich bewusst war, wie jeder Satz und jede Handlung von ihm entscheidenden Einfluss auf die Show nahmen, weil sie medial entsprechend weiterverwertet wurden. Jede Reaktion war demnach mitgedacht, ob bewusst oder nicht.

Rund zwei Jahrzehnte später hat Donald Trump dieses fiktive Kunstkonzept schließlich als trojanisches Pferd in die kalte Realität des politischen Zirkus geschleust – und die Konsequenzen dieses Coups waren ohne Zweifel faszinierend zu beobachten, ob nun aus der Perspektive des Voyeurs oder des Politikwissenschaftlers. Eine über vier Jahre andauernde "Shitshow".

Donald Trump und die "linken" und "rechten" Medien

Es soll hier nicht darum gehen, die Rolle der Medien zu überschätzen. Und natürlich grenzt es bald an eine Binsenweisheit, dass Trump und die impotente Interpretation seines Autoritarismus nicht Ursache des Problems sind, sondern Folge, genau genommen die Kulmination einer Entwicklung, die in der von Rassismus und sozialer Ungerechtigkeit geprägten Reagan-Ära begann und von den Lügnern und Kriegstreibern der Bush-Administration weiterentwickelt wurde.

Aber diese Wurzeln mildern weder Trumps Schuld am Niedergang der US-Demokratie, noch sprechen sie den Journalismus davon frei, seine Machenschaften seriös einzuordnen. Und in dieser Hinsicht haben wir alle versagt. Das wurde uns nicht erst am 6. Januar vor Augen geführt. 

Die ideologische Spaltung des US-Journalismus in "linke" und "rechte" Medien lässt sich exemplarisch am Zweikampf zwischen den Trump-freundlichen Fox News und dem linksliberalen CNN ablesen, der sich seit Trumps Kandidatur im Jahr 2015 sukzessive so unversöhnlich verschärft hat, dass er heute bloß noch die starre Spaltung im Land widerspiegelt und deshalb nicht mehr in der Lage ist, mit der eigenen Berichterstattung eine mögliche Veränderung zum Besseren anzuschieben.

Selbstverständlich hat sich auch der Autor dieser Zeilen aus der Ferne immer wieder zu wutschnaubenden Kommentaren über den Wahnsinn in Washington hinreißen lassen. Meinungsstücke, die alles andere als zielführend waren, wovon nicht zuletzt die rasenden Rückmeldungen deutscher Trump-Fans zeugten. Die Mechanismen des Empörungspingpong waren eben immer und überall nachzuvollziehen. Die Frage ist, warum wir darauf nicht wirksamer reagieren konnten.

Trump als Herausforderung für den Journalismus

Die Aufgabe von Journalisten in einer Demokratie ist es, den Politikern "auf die Finger zu schauen". Es mag nicht mehr ganz zeitgemäß sein, aber neben Legislative, Exekutive und Judikative werden die Medien immer noch als Vierte Gewalt im Staat gesehen. Und so barg Trumps Aufstieg von Anfang an zwei Probleme: Zum einen wurden wir Journalisten quasi gezwungen, einen so reichen wie simpel gestrickten Erben, der als mäßig erfolgreicher Immobilienhai und reichweitenstarker Reality-TV-Star bekannt wurde, plötzlich wie einen Politiker zu bewerten. Zum anderen wurde quasi in Echtzeit deutlich, dass dieser Typ für eine solche Herausforderung in jeder Hinsicht so unqualifiziert war, dass man ihn theoretisch nicht ernst nehmen konnte, es praktisch allein aufgrund seiner neuen Macht aber musste.

Diese Herausforderung musste uns bisweilen überfordern. Ein Schaden, der nur potenziert wurde durch die nicht zu entschuldigende Unsitte, noch jeden Wahnwitz, den Trump via Twitter in die Welt posaunte, qua Vermeldung und einhergehender Analyse immer und immer wieder zu vervielfältigen, ohne dass vorher allzu oft eine Art inhaltlicher Qualitätskontrolle griff.

Nun könnten wir zu unserer Ehrenrettung anführen, dass es ebenso zur Aufgabe von Journalisten gehört, alles aufzugreifen, was gerade in Politik und Gesellschaft diskutiert wird, und dazu gehörten Trumps Tweets spätestens seit November 2016 allemal. Allerdings sollen Journalisten diese Dinge aufgreifen, damit sich jeder ein eigenes Bild von der Lage machen kann – und spätestens hier begann allzu häufig das Versagen, weil diesem eigenen Bild des Rezipienten vorgegriffen wurde. Die Wut darüber, zur Marionette eines Clowns zu verkommen, war einfach zu groß.  

Ein Hauptproblem dieser unseligen Ära war sicher, dass Trump seinen Kritikern wie ein Mantra die Verbreitung von Falschinformation vorwarf, während er jene Berichte, die sich auch nur neutral mit ihm auseinandersetzten, beinahe reflexartig retweetete – womit er letztlich alle Journalisten zu Passagieren in der Achterbahn seiner Präsidentschaftskirmes gemacht und damit wie beiläufig ihre Integrität angekratzt hat. Wie so vieles bei Trump eine Taktik, die nur vermeintlich diese Bezeichnung verdient, weil bei ihm nichts wirklich durchdacht, sondern stets die Konsequenz mangelnder Impulskontrolle und überbordender Egozentrik ist.

Den Sturm auf das Kapitol haben viele Menschen kommen sehen, sie waren besorgt und haben diesen Moment gefürchtet – oder wie es Twitter-User Ed Stern treffend formuliert hat: "Well that escalated steadily for four years."

Unabhängig davon, dass jene Republikaner, die Trump über Jahre geschützt und unterstützt haben und mindestens gewähren ließen, die Hauptschuld für die Ereignisse vom 6. Januar tragen, muss der Kontrollverlust von Washington auch allen Journalisten wie die Quittung für die Verfehlungen ihrer Arbeit in den letzten Jahren vorkommen – sozusagen wie die Vorführung der eigenen Grenzen.

Das Ringen der Reporter mit dieser Regierung

Wenn jemand so beratungsresistent ist wie Trump und zugleich so offensichtlich an einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung leidet, sollte man infolge dieser Erkenntnis nicht mehr an ihn appellieren, sondern an die Parteigenossen des Präsidenten, an seine Möglichmacher. Aber jene Vertreter der Presse, denen die Wahrung demokratischer Zustände ein wichtiges Anliegen ist, haben sie nicht erreicht. Eindrucksvoll nachzuempfinden ist diese Machtlosigkeit gegenüber der erratischen Macht in der Dokumentation "Mission Wahrheit", die einen Blick hinter die Kulissen der "New York Times" und damit auf die Verzweiflung ihrer Reporter im Ringen um den Umgang mit dieser Regierung freilegt.

Diese Regierung wird in wenigen Tagen Geschichte sein, aber das Ringen um den Umgang mit den Kräften, die sie getrieben und befeuert hat, wird weitergehen. Und so wird die Binse von Trump als Folge des Problems, und damit eben nicht seiner Ursache, zum einzigen Trost einer ansonsten bitteren Bilanz dieser Amtszeit, einer Parabel schwindender Macht und wachsender Ohnmacht der "alten" Medien: dass wir weiter die Chance haben werden, es besser zu machen. Dass wir den richtigen Umgang immer noch finden können.

Denn Trumps Vermächtnis ist, dass die unheilvolle Zwietracht natürlich nicht mit seiner Ablösung als Präsident verschwinden wird. Ein Vermächtnis, das der US-Demokratie – und damit traditionell auch dem westlichen Verständnis von Demokratien – immer noch zum Verhängnis werden kann. Aber das wird auch davon abhängen, wie wir darüber berichten.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker