Völkermord in Ruanda Mein schwerer Weg vom Hass zur Vergebung


Der Völkermord von Ruanda jährt sich zum 15. Mal. 800.000 Menschen fielen 1994 einem Massaker zum Opfer. Hundert Tage lang bekämpfte die Hutu-Miliz den Volksstamm der Tutsi. Floride Gakuru überlebte den Genozid, verlor aber ihren Mann. Auf stern.de erzählt sie ihre Geschichte.
Von Didier Habimana, Rukomo

Meine Kindheit war durch schwere Unterdrückungen gekennzeichnet, zum Teil aufgrund meines ethnischen Hintergrunds, zum Teil aber auch wegen meines familiären Hintergrunds, der manchen im Dorf Anlass gab, neidisch auf uns zu sein.

Von 1981 bis 2001 arbeiteten mein Mann und ich als Grundschullehrer in unserem Ort. Mein Mann war zugleich Schulleiter. Wir lebten auf dem Lande in Rukomo in Nord-Ruanda, wo die meisten Menschen sich ihren Lebensunterhalt als Bauern verdienten. Als Lehrerfamilie ging es uns besser als den meisten Leuten, was dazu führte, dass manche Leute uns nicht mochten.

1984 erkrankte mein Mann an einer seltsamen Krankheit. Er verlor sein Lesevermögen, hörte seltsame Stimmen, die niemand sonst hören konnte. Es hieß, neidische Nachbarn hätten ihn vergiftet. Man riet uns, einen Schamanen aufzusuchen, der ihn heilen könne. Verwandte brachten uns nach Uganda, weil wir unbedingt Hilfe brauchten, und er wurde tatsächlich wieder gesund. Diese Erfahrung zeigte uns jedenfalls, dass wir viele Feinde hatten und vorsichtig sein mussten.

Blut an den Wänden

1990 starb mein sieben Jahre alter Sohn an Vergiftung. Das war der Anfang eines Jahrzehnts großer Not. 1993 begannen einige Nachbarn damit, uns als Verräter an unserem eigenen Land zu beschimpfen und beschuldigten uns der Unterstützung von Rebellen. 1990 war im Norden Ruandas ein Befreiungskrieg ausgebrochen, bei dem Rebellen aus Uganda Angriffe starteten, die den Zweck hatten, die Regierung von Präsident Habyarimana zu stürzen. Diese Angriffe verschärften den schon seit langem bestehenden Hass zwischen Hutus und Tutsis, der dann zum Völkermord von 1994 führte. Vorher waren bereits einige Mitglieder unserer Familie angegriffen und getötet worden. Wir als Tutsis lebten in einem von Hutus dominierten Gebiet und wurden deshalb zur Zielscheibe aggressiver Aktivitäten.

Im Februar 1993 wurde unser Heim von einer Gruppe Milizen und Soldaten angegriffen. Ich saß auf der Terrasse vor unserem Haus. Eine Bekannte kam vorbei und warnte uns davor, dass eine Gruppe Gewalttätiger auf uns zukäme, uns zu überfallen. Ich stand sofort auf, ging ins Haus, sagte allen meinen Kinder, dass sie sofort fliehen sollten. Mein Mann war krank und konnte nicht laufen. Mit den Kindern und einigem Vieh liefen wir mehrere Kilometer weit fort, meinen Mann allein zurück lassend.

Später erfuhr ich, dass die Soldaten meinen Mann getötet und ein Teil unseres Hauses zerstört hatten. Wir waren sehr traurig, konnten ihn aber noch nicht einmal beerdigen. Wir hatten große Angst. Wir blieben sieben Monate Flüchtlinge, verbargen uns bei Verwandten in einem Gebiet, wo es keine Gewalt gab. Später gingen wir dann wieder zurück nach Hause, wo wir nur Chaos vorfanden. An den Wänden befand sich das Blut meines Mannes, ein Teil des Hauses war zerstört und viel von dem, was sich im Haus befand, war gestohlen worden.

Auf sich allein gestellt

Zu jener Zeit hatte ich acht Kinder. Wir lebten allein, getrennt von den übrigen Dorfbewohnern, hatten Angst und fast nichts zum Leben.

Ich bat meine Kinder, die Wände zu reinigen, doch sie weigerten sich. Also musste ich es tun. Als ich Wasser auf die Wand spritzte, vermischte sich das Wasser mit dem Blut, und einige Tropfen fielen auf meine Füße. Dieses Erlebnis hatte bald negative Folgen für mich. Jedes Mal, wenn ich Blut sah oder Fleisch aß, wurde mir schwindelig. Ich entwickelte Ausschlag an den Füßen und musste mich immerzu dort kratzen. Mein ganzes Leben veränderte sich. Ich litt an schlimmen Kopfschmerzen und hatte das Gefühl, einen viel zu großen Kopf zu haben, der in zwei Hälften geteilt sei, so als ob der obere mit Wasser gefüllt war. Als ich den Ärzten das erklären wollte, konnten sie das nicht nachvollziehen und mich auch nicht entsprechend behandeln.

Von jener Zeit an bis Ende 1994 wurden wir viele Male bedroht. Man drohte damit, mich zu töten, man bewarf unser Haus nachts mit Steinen, wir wurden verspottet und fühlten uns sehr allein gelassen.

Ich hasste mein eigenes Leben

Auch empfand ich Schuld dafür, dass ich meinen Mann allein gelassen hatte. Ich hörte in meinem Kopf immer wieder seine Stimme, die sagte: "Weil du mich verlassen hast, haben sie mich getötet." Andere Stimmen drohten: "Wir werden auch dich noch töten." Ich befand mich in einer schrecklichen Situation und weinte oft tagelang.

Aufgrund dieser Anspannungen wurde ich gegenüber meinen Kindern immer aggressiver, verlor meine Liebe und Freundlichkeit. Meine Beziehungen zu den Nachbarn verschlimmerten sich ebenfalls, und ich behandelte sie hart und herzlos. Meine Worte waren von Hass geprägt. Ich konnte nicht länger meinen Zorn zügeln. In meiner Seele vermischten sich Schmerz und Schuld. Mir fehlte innerer Frieden, und so litt ich weiterhin an Kopfschmerzen. Ich hasste mein eigenes Leben, plante nicht mehr für die Zukunft, lebte nur noch in den Tag hinein wie ein kleines Kind.

Ich versäumte es, meine Kinder in der Schule anzumelden, weil ich den Sinn von Bildung nicht mehr erkennen konnte. Ich sagte mir, dass meinem Mann seine Schulausbildung auch nichts genützt hatte und er trotzdem gestorben sei. Ich betrachtete Bildung in Ruanda als ein nutzloses und sinnloses Unterfangen.

Zwei meiner Töchter gingen illegale Beziehungen ein, und auch das machte mich zusätzlich traurig. Ich fragte mich: "Warum muss mir das alles passieren? Warum befinde ich mich in dieser Lage?" Ich war verbittert.

Konfrontation mit dem Schmerz

In diesem Zustand befand ich mich, als ich 2006 Illuminee Kanazayire traf. Sie arbeitete für World Vision und lud mich ein, einen Workshop zur Persönlichkeitsentwicklung zu besuchen. Zunächst war ich skeptisch, zweifelte daran, ob mir ein solcher Workshop wirklich helfen könnte. Aber sie war sicher, dass er das könnte, und so nahm ich die Einladung an.

Der Workshop hat mein Leben total umgewandelt. Man half mir, über den Tod meines Mannes zu trauern und ihn zu beweinen. Ich hatte es nicht für möglich gehalten, dass man Verstorbene auch betrauern könne, ohne ihre sterblichen Überreste auch zu beerdigen. Ich lernte, wie ich das tun konnte, und nach einiger Zeit erlebte ich, wie der innere Schmerz von mir wich.

Während des Workshop durfte ich mich an all mein Leid und all meine Schmerzen erinnern und mit den andern Teilnehmern teilen. Es war ein schrecklicher, schmerzlicher Augenblick. Wut und Leid kamen hoch, ich litt sehr darunter und musste sehr viel weinen. Aber später lernte ich auch, mit meinen Gefühlen umzugehen, und der Schmerz fiel von mir ab. Was mir besonders gut getan hat, war die Art und Weise, wie die Mitarbeiter mit mir umgingen. Sie waren so liebevoll und einfühlsam, dass ich mich mit meinem Schmerz aufgehoben fühlte.

Ein neuer Anfang

Ich habe mich nun auf den Weg der Vergebung begeben. Ich kann nun sagen, dass ich mich nicht mehr über die Maßen fürchte. Ich habe gelernt, mit Angst, Stress und anderen negativen Gefühlen umzugehen, und die fürchterlichen Kopfschmerzen und das Schwindelgefühl sind auch gewichen. Ich kann inzwischen auch wieder Fleisch essen, aber der Anblick von Blut erschreckt mich immer noch.

Ich weiß, dass ich mich manchmal immer noch schwer tue, normale Beziehungen zu andern Menschen einzugehen, aber ich tue mein Bestes, harmonische Beziehungen aufzubauen.

Wichtig ist, dass ich meine Hoffnung wiedergewonnen habe; und für meine Kinder hege ich den Wunsch, dass sie ohne die psychischen Probleme aufwachsen, mit denen ich es zu tun hatte. Ich spreche auch anders mit ihnen und habe jetzt ein gutes Verhältnis zu ihnen. Wir besprechen alles miteinander, bevor wir gemeinsame Entscheidungen treffen. Neulich haben wir gemeinsam neue Sitzmöbel für unser Wohnzimmer gekauft. Ich habe jetzt das Gefühl, dass wir Freunde sind.

Hätte ich nicht den Workshop besucht, wäre ich vielleicht inzwischen verrückt oder psychisch richtig krank geworden. Nun habe ich den Kopf frei, um über die Zukunft nachzudenken und sogar über die Entwicklung unserer Dorfgemeinschaft. Ich habe inzwischen die Aufgabe einer Mentorin für drei kindgeführte Haushalte übernommen, nachdem die Eltern dieser Haushalte an Aids gestorben waren.

Ich bin nicht völlig geheilt

Ich will nicht vorgeben, völlig geheilt zu sein, und ich habe immer noch emotionale Wunden, aber ich versuche, mit ihnen auf einer Tag-für-Tag-Basis umzugehen. Heilung ist ein Prozess, eine Schule. Es gibt immer noch viele Herausforderungen, es gibt immer noch gewalttätige Menschen, immer noch Armut und Ungerechtigkeit. Aber ich habe mir vorgenommen, mit einer positiven Haltung und Denkweise durchs Leben zu gehen.


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