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Votum für den Frieden in Kirgistan: Relativ hohe Beteiligung bei Verfassungsreferendum

Beim Referendum über eine neue Verfassung Kirgistans hat sich am Sonntag eine relativ hohe Wahlbeteiligung abgezeichnet. Um 15.00 Uhr Ortszeit lag die Beteiligung bei fast 43 Prozent, wie die Wahlkommission des zentralasiatischen Landes mitteilte.

Das Wahllokal befindet sich am Ende eines steinigen Wegs im Hof einer Schule, die den Namen Leo Tolstois trägt. "Krieg und Frieden" ist einer der großen Romane des russischen Schriftstellers. Krieg hatten sie hier in Osch auch gerade, oder fast so etwas wie Krieg. Die Spuren sind in der Stadt im Süden Kirgistans allgegenwärtig. Die meisten Häuser sind zerstört, rußschwarz die Mauern. Und obwohl Kirgisen und Usbeken sich noch Mitte Juni einen blutigen Konflikt geliefert haben, stimmen sie am Sonntag über eine neue Verfassung ab, die dem zentralasiatischen Land den Frieden wiedergeben soll.

Hoffnung und Wut sind konkurrierende Gefühle bei den im Schulhof Wartenden. Es ist heiß an diesem Tag, 32 Grad zeigt das Thermometer, aber die Wähler kommen dennoch zahlreicher als bei früheren Urnengängen. Fast die Hälfte der Wahlberechtigten des Bezirks hat gegen Mittag bereits sein Kreuzchen gemacht. Im ganzen Land zeichnete sich eine relativ hohe Beteiligung ab.

"Ich habe mit Ja gestimmt, damit es keinen Krieg mehr gibt, damit wir alle gleich sind vor der neuen Verfassung", sagt Israilowa Machbuba. Dann bricht sie in Tränen aus: "Bei uns ist alles abgebrannt, wir haben nichts mehr, keine Hilfe und wir haben Angst in die Stadt zu gehen", sagt die Mutter von drei Kindern. "Wir leben auf der Straße, haben kein Geld und die Kinder haben Hunger. Wir wollen Frieden, das ist alles." Andere Frauen, die aus den gleichen Gründen zur Abstimmung gekommen sind, trösten sie.

In der Region um Osch war es Mitte Juni zu schweren ethnisch motivierten Auseinandersetzungen gekommen, bei denen nach offizieller Einschätzung bis zu 2000 Menschen getötet wurden. Insgesamt waren laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) eine Million Menschen von der Gewalt "direkt oder indirekt betroffen". Rund 300.000 Menschen flohen demnach ins benachbarte Usbekistan, 700.000 verließen ihr Zuhause, um woanders im Land Zuflucht zu suchen. Seit sich die Lage wieder beruhigt hat, sind zehntausende wieder zurückgekehrt.

"Stabilität" und "Legitimität" des Staates erhofft sich Suchurdin Abdulasis, Lehrer an der Tolstoi-Schule, von der neuen Verfassung. Derzeit wird Kirgistan von einer Übergangsregierung gelenkt. Der Verfassungsentwurf der seit dem Sturz des autoritären Staatschefs Kurmanbek Bakijew amtierenden Interimsregierung sieht eine Beschneidung der Machtbefugnisse des Staatschefs vor und würde das Land zur ersten parlamentarischen Republik in Zentralasien machen. Wahlen könnten dann im September stattfinden. "Man muss Optimist sein", sagt Abdulasis, der das Glück hatte, dass sein Hab und Gut verschont blieb.

Nicht alle in Osch teilen diese Zuversicht. Gulbachor Redschapowa sieht in dem Referendum keinen Sinn. "Ich habe nicht abgestimmt", sagte die junge Mutter. "Zu welchem Zweck?" Reschapowa sagt, sie habe in niemandem mehr Vertrauen. Die kirgisischen Behörden hätten ihnen versprochen, dass sie ein neuen Haus bekämen. Seit dem Gewaltausbruch ist sie mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern bei Verwandten untergekommen. "Wir glauben ihnen nicht mehr."

Benoît Finck, AFP / AFP