Wahlen in Frankreich Die Stunde der Wahrheit


Frankreich erwartet die Stunde der Wahrheit. Wenn am Sonntag um 20 Uhr die Wahllokale schließen, hat die Republik die Weichen für einen neuen Präsidenten gestellt. Oder für eine Präsidentin? Ein Drittel der Bürger weiß immer noch nicht, wem sie ihre Stimme geben soll.
Von Tilman Müller

Es wird alles ganz schnell gehen am Sonntagabend um 20 Uhr - da schließen die Wahllokale, und kurz darauf werden auch schon die Zahlen über die Mattscheiben flimmern, denen die Franzosen seit Monaten entgegenfiebern. Ziffern, die etwas Erlösendes haben werden nach der unerträglich hohen Dosis von Umfragen in den letzten Monaten. Etwa 100 solcher mehr oder weniger nebulösen Prognosen bekam das 60-Millionen-Volk seit Jahresbeginn verabreicht, fast täglich eine neue, doch Sonntagabend um 20 Uhr schlägt die Stunde der Wahrheit, die Stunde des Wählers.

Schon jetzt ist klar, dass am Sonntagabend nur die Vorentscheidung fällt, wer am 6. Mai in die Stichwahl kommt. Nicholas Sarkozy, der seit Wochen in den Umfragen führt, wird wohl auf jeden Fall die Endrunde erreichen; alles andere wäre eine Überraschung. Die große Frage bleibt indes, ob es auch die Sozialistin Ségolene Royal schafft oder ob ihr die Wähler ein ähnliches Waterloo bereiten wie vor fünf Jahren ihrem Parteikollegen Lionel Jospin, der bei den letzten Präsidentschaftswahlen schmachvoll und entgegen allen Prognosen hinter dem Rechtsradikalen Jean-Marie Le Pen nur auf Platz drei landete.

Len Pen wählen?

Das Gespenst Le Pen ist auch diesmal mit von der Partie. Zwar liegt der Unbelehrbare, der den Euro eine "Besatzungswährung" nennt, laut Umfragen seit Monaten lediglich an vierter Stelle, deutlich hinter dem Drittplazierten François Bayrou. Möglich jedoch, dass viele, die in den Umfragen für Sarkozy stimmten, sich nicht offen zur "Front National" bekennen wollten und am Sonntag Len Pen wählen. Präsident kann der Rechtsradikale allerdings auf keinen Fall werden; sollte er wider Erwarten in die Stichwahl kommen, wird er - wie schon im Jahr 2002 - dort haushoch verlieren, egal gegen welchen Kontrahenten oder welche Gegnerin es dann geht.

Bei Bayrou, der je nach Umfrage zwischen drei und acht Prozent hinter Royal liegt, sieht es aus anders. Wenn der liberale Zentrist am Sonntag den Einzug in die Stichwahl schafft, wird er womöglich Frankreichs nächster Präsident. Denn geht es am 6. Mai gegen Sarkozy, scharen sich die Linken um ihn, und falls er auf Royal trifft, die Rechten. Am wahrscheinlichsten ist indes ein Finale Sarkozy-Royal, und wer dabei gewinnen könnte, ist noch völlig offen.

Das Image der Kandidaten

Noch nie war ein französischer Präsidentschaftswahlkampf so spannend und so stark von ausländischer Anteilnahme begleitet wie diesmal. Im Fernsehen, im Radio, auf den Marktplätzen und in den Bistros - alles dreht sich um die Wahl am Sonntag, um das Image der Kandidaten. Ein beherrschendes Thema gab es nicht bei dieser Kampagne, die heute offiziell zu Ende geht, und irgendwie spüren die Franzosen, dass es diesmal mehr denn je um ihre Zukunft geht. Sie sind nervös und beunruhigt.

Zuletzt ging es immer mehr bergab mit der stolzen Republik, die noch vor ein paar Jahrzehnten in Überflieger-Laune war, dann aber abstürzte wie ihre Prestigemaschine "Concorde". Im Pro-Kopf-Einkommen sackte die Nation im globalen Vergleich von Platz 8 auf Platz 19, ihre Handelsbilanz weist ein jährliches Minus von 30 Milliarden Euro auf, die Olympischen Spiele 2012 wurden statt an Paris nach London vergeben. Durch die Ost-Erweiterung geriet das Land, in dem fast 10 Millionen Menschen an der Armutsgrenze leben, an der Rand der EU, und die US-Investmentbank Morgan Stanley erklärte Frankreich kürzlich gar zu "Europas neuem kranken Mann."

Die Anwärter

Das Volk sucht bei diesen Wahlen verzweifelt einen Retter aus all der Not. Das Problem dabei: Die drei ernsthaften Elysée-Anwärter sind sämtlich ehemalige Minister, die am offenkundigen Niedergang keineswegs unbeteiligt waren. Allen voran Sarkozy, der als Innenminister mit heißmacherischen Sprüchen nicht unwesentlich zu den Banlieue-Unruhen im Herbst 2005 beitrug und als Wirtschaftsminister einen wenig wegweisenden "Wirtschaftspatriotismus" betrieb. Als mehrfache Ministerin unter dem sozialistischen Staatschef François Mitterrand war Royal, die sich heute gerne als strahlende Landesmutter präsentiert, mitverantwortlich für den Ausbau des Staatsbürokratismus und einer Reihe von wirtschaftspolitischen Flops, wie etwa der 35-Stunden-Woche. Auch Bayrou, für viele ein Hoffnungsträger zwischen dem Konservatismus der Rechten und dem Schlendrian der Linken, war einst als Bildungsminister nicht gerade eine große Leuchte.

Wähler haben sich noch nicht entschieden

Keiner der "großen Drei" ist sonderlich beliebt; viele Wähler, die einem von ihnen ihre Stimme geben, tun das zähneknirschend. Die allgemeine Unsicherheit ist groß. Fernseh-Debatten zwischen den Kandidaten fanden keine statt. Die beiden aussichtsreichsten Kandidaten, Sarkozy und Royal, sagten in den vergangenen Tagen sogar bereits abgemachte Interviews ab, verhalten sich wie eine Fußballmannschaft, die ihren Zittersieg nicht noch in letzter Sekunde gefährden will. Und 48 Stunden vor der Wahl haben sich ein Drittel der Wähler immer noch nicht entschieden, wem sie denn nun ihre Stimme geben.


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