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Krieg im Gaza-Streifen: Heftiger Kampf um Gaza-Stadt

Israelische Soldaten und Hamas-Kämpfer liefern sich erstmals seit Beginn der Bodenoffensive schwere Kämpfe in Gaza-Stadt. Augenzeugen berichten von heftigen Explosionen und Feuergefechten. Während Israel eine Waffenruhe weiter strikt ablehnt, droht die Hamas mit Anschlägen weltweit.

Zum ersten Mal seit Beginn der Bodenoffensive haben sich israelische Soldaten und Kämpfer der Hamas schwere Kämpfe in Gaza-Stadt geliefert. Schwere Explosionen und heftige Feuergefechte hätten den Stadtteil Schedschaija am späten Montagabend erschüttert, gaben palästinensische Augenzeugen und israelische Militärkreise übereinstimmend an. Am Nachthimmel über Gaza waren demnach Kampfhubschrauber zu sehen. Israel hatte die Bodenoffensive am Samstagabend nach einwöchigen Luftangriffen auf Ziele im Gaza-Streifen begonnen.

Bei den Kämpfen im Gaza-Streifen wurden am Montag nach Angaben palästinensischer Rettungskräfte 50 Palästinenser getötet, darunter zwölf Kinder. Laut dem Chef des ärztlichen Notdienstes, Muawija Hassanein, kamen seit Beginn der israelischen Offensive gegen die radikalislamische Hamas insgesamt 555 Palästinenser ums Leben, 2700 weitere wurden verletzt.

Hamas droht mit Anschlägen weltweit

Die Hamas drohte indes mit Anschlägen auf israelische Zivilpersonen und Einrichtungen in der gesamten Welt. Die Tötung von Palästinensern im Gaza-Streifen rechtfertige das Töten von Israelis, sagte Hamas-Führer Mahmud Sahar.

Er forderte, die Kämpfer der Hamas sollten "den Feind vernichten". Angesichts der israelischen Taten sei es legitim, auch israelische Kinder zu töten, sagte Sahar. Das Problem seien nicht die Kassam-Raketen, sondern die israelische Besatzung. Israel habe mit seinen Taten in Gaza "den Niedergang seines schwachen Staates in Palästina begründet".

Es blieb indes unklar, wann die am Montag im Hamas-Fernsehen Al Aksa ausgestrahlte Botschaft aufgenommen wurde. Seit Beginn der israelischen Offensive am 27. Dezember ist die Hamas-Führung abgetaucht. Sahar gilt als Hintermann der Machtübernahme der Hamas im Gaza-Streifen im Juni 2007.

Israel erteilte den Bemühungen der Europäischen Union um eine rasche Waffenruhe am Montag einen Dämpfer. Außenministerin Zipi Livni sagte nach einem Treffen mit einer hochrangig besetzten EU-Vermittlungsdelegation in Jerusalem, der Kampf gegen die Hamas werde weitergehen. Mit der Militäroffensive wolle Israel die bisherige Gleichung im Verhältnis zu Hamas ändern.

Die radikale Palästinenserorganisation habe vor der Offensive Israel mit Raketen angegriffen, wann immer sie wollte. Dies habe so nicht weitergehen können. "Wenn Israel angegriffen wird, wird Israel zurückschlagen", betonte Livni. Der tschechische Außenminister Karel Schwarzenberg sagte, die Delegation habe mit der Ministerin eine "sehr offene und ehrliche Unterhaltung" geführt.

Schwarzenberg war mit Frankreichs Außenminister Bernard Kouchner, EU-Außenkommissarin Benita Ferrero-Waldner, EU-Chefdiplomat Javier Solana sowie dem schwedischen Außenminister Carl Bildt nach Israel gekommen, nachdem die sogenannte EU-Troika zuvor in Ägypten Möglichkeiten für eine Friedenslösung ausgelotet hatte. Schwarzenberg forderte eine Öffnung der Grenzen nach Gaza. "Es ist unerträglich, dass alle Grenzübergänge nach Gaza geschlossen sind", sagte er.

Sarkozy warnt Israel vor Fortsetzung der Offensive

Nach der Troika will der ägyptische Präsident Husni Mubarak in dem Sinai-Badeort Sharm el Sheikh auch den von einer Delegation aus Paris begleiteten französischen Präsidenten Nicholas Sarkozy empfangen. Zuvor rief Sarkozy Israel eindringlich zum Ende der Gewalt auf. "Die Welt würde nicht verstehen, wenn Israel eine Verschlimmerung der humanitären Lage zuließe", sagte Sarkozy nach einem Treffen mit dem palästinensischen Präsidenten Mahmud Abbas in Ramallah. Zugleich warf er der Hamas vor, unverantwortlich und unentschuldbar zu handeln. "Wir wollen so schnell wie möglich einen Waffenstillstand", sagte Sarkozy auf einer Pressekonferenz. Die Zeit arbeite gegen den Frieden.

Hamas-Unterhändler nach Ägypten

Nach Angaben der staatlichen ägyptischen Nachrichtenagentur Mena sollten am Montagabend auch Angehörige des Politbüros der Hamas zu Gesprächen über "ein Ende der israelischen Aggression" in Kairo eintreffen. Wegen der fortgesetzten Angriffe im Gaza-Streifen würden nur Hamas-Mitglieder aus dem Exil erwartet, hieß es.

Auch zwei Tage nach Beginn der israelischen Bodenoffensive im Gaza-Streifen dauerte der Raketenbeschuss Israels an. Der israelische Polizeisprecher Micky Rosenfeld teilte am Montag mit, im Verlauf des Tages seien 24 Kassam-Raketen in Israel eingeschlagen, darunter im Bereich der Städte Sderot und Aschkelon. Immer wieder unterbrach der israelische Rundfunk seine Sendungen, um Einwohner zu warnen und in die Schutzräume zu rufen. Es gab keine Berichte zu Opfern. Vier Israelis wurden seit Beginn der Militäroperation durch Raketenbeschuss militanter Palästinenser getötet, ein Soldat kam bei der Bodenoffensive ums Leben.

Der Chef des israelischen Auslandsgeheimdiensts Mossad, Amos Jadlin, warnte unterdessen vor einem Angriff der libanesischen Schiitenmiliz Hisbollah an der Grenze zu Israel. Der Armeerundfunk zitierte den Mossad-Chef mit den Worten, die proiranische Hisbollah könne im Norden Israels eine "zweite Front" eröffnen.

Islamischer Dschihad kündigt blutigen Straßenkampf an

Die radikale Palästinensergruppe Islamischer Dschihad drohte Israel am Montag mit einem blutigen Straßenkampf in den Städten des Gazastreifens. Ein Sprecher des militärischen Dschihad-Arms Saraja al-Kuds sagte: "Tausende von Kämpfern stehen auf den Straßen und in den Gassen bereit, um die feindlichen Streitkräfte anzugreifen und zu besiegen."

"Der echte Kampf hat noch nicht begonnen, er wird anfangen, wenn (die israelischen Soldaten) in die Städte vordringen", sagte er. Hamas-Führer Sahar sagte dem Hamas-Fernsehsender Al-Aksa-TV, die Raketenangriffe auf Israel zeigten Erfolg. Es sei ein "heiliger Auftrag", "eine Welt ohne Zionisten, ohne Ungerechtigkeit, Unterdrückung und Aggression aufzubauen".

Der israelische Staatspräsident Schimon Peres verteidigte unterdessen die Offensive als notwendigen Einsatz gegen die Hamas. Israel werde "nicht dem Gedanken zustimmen, dass die Hamas weiterhin (Raketen) abschießt und wir eine Waffenruhe erklären sollen", sagte Peres dem US-Sender ABC. Die Regierung wolle weder den Gaza-Streifen erneut besetzen noch die Hamas vernichten, sagte er. Ziel des Einsatzes sei lediglich, "den Terror zu vernichten".

Hoffnung auf eine Resolution des Weltsicherheitsrates

Mehrere arabische Außenminister drängen den Weltsicherheitsrat in New York, umgehend einen völkerrechtlich bindenden Aufruf zu einer sofortigen Waffenruhe im Gazastreifen zu verabschieden. Die Außenminister, unter ihnen auch der Palästinenser Riyad al-Malki, trafen am Montag zu Gesprächen am Hauptsitz der Vereinten Nationen ein. Sie wollten unverzüglich einen Entwurf für eine Gaza-Resolution vorbereiten. "Wir hoffen, dass der Sicherheitsrat zu einer Sitzung am Dienstagnachmittag zusammenkommt und die Resolution verabschiedet", sagte Al-Malki.

Zuvor hatte bereits UN-Generalsekretär Ban Ki Moon den Sicherheitsrat zu raschem Handeln aufgerufen. Er bedauere, dass sich das höchste UN-Gremium nicht darauf einigen konnte, die Gewalt zu stoppen, erklärte Ban am Montag in New York. "Ich fordere alle Mitglieder der internationalen Gemeinschaft auf, Einigkeit und Pflichtgefühl zu zeigen, damit diese eskalierende Krise beendet werden kann."

Die USA hatten in der Nacht zum sonntag eine Erklärung des 15-Länder-Gremiums blockiert, in der "große Sorge" über die Bodenoffensive der Israelis geäußert und eine sofortige Waffenruhe gefordert werden sollte.

AFP/DPA/AP/Reuters / AP / DPA / Reuters