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Animationsvideo des "Guardian" Was in Guantánamo wirklich passiert


Guantánamo Bay ist das bekannteste und umstrittenste Gefängnis der Welt. Gesehen hat es kaum jemand. Der "Guardian" wirft einen Blick hinter die Mauern – mit einem außergewöhnlichen Animationsfilm.
Von Ulrike Drevenstedt

Es ist kaum vorstellbar, wie es sich anfühlt, unschuldig und ohne Aussicht auf einen Prozess oder Entlassung eingesperrt zu sein. Wie es sich anfühlt, mit einem Schlauch durch die Nase zwangsernährt zu werden. Wie es sich anfühlt, Tag und Nacht malträtiert zu werden. Die Insassen des US-Gefangenenlagers Guantánamo Bay, dem wohl umstrittensten und berüchtigtsten Gefängnis der Welt, wissen es nur zu gut. Der britischen Tageszeitung "The Guardian" ist es gelungen, einen Blick hinter die Stacheldrähte und Mauern des hermetisch abgeriegelten und überwachten Militärgefängnisses zu werfen – mit einem außergewöhnlichen Animationsfilm, der auf den Aussagen von fünf Guantánamo-Häftlingen beruht.

Das Video ist trotz der Trickfilmzeichnungen nichts für schwache Nerven: Die von zwei britischen Schauspielern nacherzählte Geschichte vom Leben in Guantánamo schockiert, weil sie nie gesehene Einblicke ins Detail ermöglicht. Fotos, Ton- oder gar Videoaufnahmen aus Guantánamo Bay gibt es nicht.

Der Animationsfilm des "Guardian" jedoch zeigt Bilder, die sich ins Gedächtnis einbrennen: Davon, wie der gefangene Younous Chekkouri im Hungerstreik gegen die Bedingungen im Gefängnis 16 Monate lang eine Zwangsernährung über sich ergehen lassen muss, durch die Nase und zweimal am Tag. Wie er in einem Stuhl festgeschnallt wird, damit er sich während der Prozedur nicht vor Schmerzen winden kann. Oder davon, wie die Schritte, das Gelächter und Gerede der Wächter von den Gefängnismauern widerhallen wie ein nie aufhörendes Echo, das den Insassen Nerven und Schlaf raubt.

Informationen werden aus dem Gefängnis geschmuggelt

Die Einblicke sind möglich, weil Clive Stafford Smith - Gründer und Direktor der Charity-Organisation Reprieve, die sich für die Rechter der Guantánamo-Inhaftierten stark macht – während des Hungerstreikes seine Klienten im Gefängnis besuchte, wie der "Guardian" selbst berichtet. Stück für Stück schmuggelte er Informationen in hastig aufgekrizzelten Protokollen der Treffen nach draußen.

Als eines der Protokolle mit Erzählungen des gefangenen Shaker Aamer in der britischen Wochenzeitung "The Observer" erscheint, sind Tausende vom Schicksal des inhaftierten Briten berührt – darunter Mustafa Khalili und Guy Grandjean vom "Guardian". Sie sind sich schnell einig, dass diese Zeugnisse der Tortur in Guantánamo nicht ungehört bleiben dürfen und auch bildlich umgesetzt werden müssen.

Tausende Stunden Arbeit investieren die Journalisten schließlich gemeinsam mit der unabhängigen Produktionsfirma Sherbet und schaffen ein einmaliges Werk: Allein um die nasale Zwangsernährung so original wie möglich darzustellen, braucht es 25 gezeichnete Bilder – pro Sekunde. Entstanden ist ein großartiger Animationsfilm über das Leid in Guantánamo Bay und unschuldig Inhaftierte auf der ganzen Welt, der aufrüttelt, zum Nachdenken animiert und zum Handeln auffordert.

Ulrike Drevenstedt

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