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Krieg in der Ukraine Wenn in Kiew Raketen auf dem Spielplatz einschlagen

Spielplatz Kiew Rakete
Kinderspielplatz in Kiew nach den Raketenangriffen.
© Hannah Wagner / DPA
Russland beschießt die Ukraine mit Raketen. Womöglich wahllos und trifft dabei sogar Spielplätze – wie in Kiew. Eindrücke aus der ukrainischen Hauptstadt unter Schock.

Über dem hübschen, bewaldeten Taras-Schewtschenko-Park im Zentrum von Kiew steigt noch immer weißer Rauch auf. Im Boden klafft ein tiefer Krater, Äste sind abgebrochen, ein Spielplatz verwüstet. Kurz nach acht Uhr am Montagmorgen schlugen direkt nacheinander zwei Raketen in dem wohlhabenden Viertel ein – die eine im Park, die andere 300 Meter weiter entfernt an einer Straßenkreuzung.

Autos sind nur noch verkohlte, verbogene Wracks

Die Fensterscheiben der Häuser am Rand des Parks sind geborsten, auf dem Boden liegen Glasscherben. Die Wucht der Explosion hat die Tür eines Restaurants herausgerissen, die Angestellten kehren bereits die Trümmer zusammen.

Auch an der Straßenkreuzung klafft ein Loch im Asphalt. Die daneben parkenden Autos sind nur noch verkohlte, verbogene Wracks. Unweit davon liegt eine Leiche, die mit einer Plane abgedeckt wurde. Auch eine Wasserleitung wurde getroffen, das Wasser stürzt die Straße hinunter, die ins Stadtzentrum führt. Experten untersuchen den Krater, der mit rot-weißem Band abgesperrt ist. Bewaffnete Polizisten stehen Wache.

"Ich habe Kinder und Frauen weinen sehen"

Iwan Poljakow sitzt auf einer Bank gegenüber dem Park. Der 22-Jährige ist noch immer kreidebleich, das Sprechen fällt ihm schwer. Er steht unter Schock. "Ich bin erst heute Morgen in Kiew angekommen. Ich bin die Straße entlang gegangen, und dann gab es die Explosionen", sagt er. "Ich habe Kinder und Frauen weinen sehen. Ich liebe Kiew, die Menschen sind gut, sie sind mutig. Und dann kommt da von einem Augenblick auf den anderen der Tod."

Ksenia Riasanzewa und ihr Mann wohnen in der Straße am Park gegenüber dem Spielplatz. Die erste Rakete, die die Kreuzung traf, riss sie aus dem Schlaf. "Als wir nachsehen wollten, gab es schon die zweite Explosion", berichtet die 39-jährige Lehrerin. "Wir verstanden erst nicht, was passiert war. Wir sahen den Rauch, die Autos und dann merkten wir, dass wir keine Fenster mehr hatten.  Zum Glück wohnen wir auf der Hofseite."

"Ja, das ist Rache"

Riasanzewa kann nicht nachvollziehen, warum ausgerechnet dieses Viertel angegriffen wurde. "Es gibt hier eine Universität, zwei Museen, aber keine militärischen Ziele oder dergleichen. Sie töten einfach nur Zivilisten", sagt sie voller Wut. Es waren die ersten Angriffe auf die ukrainische Hauptstadt seit dem 26. Juni.

Für Serhij Agapow, der gerade die Umrahmung einer Büste an einer Fassade gegenüber dem Park strich, besteht kein Zweifel: Der Raketenbeschuss ist die Vergeltung für die Explosion auf der Krim-Brücke am Samstag. "Nach der Krim-Brücke hat alles angefangen. Gestern Saporischschja, heute Kiew. Ja, ich denke, das ist die Rache – schrecklich und grausam, weil Zivilisten leiden", sagt er. "Wir verstehen nicht, warum sie uns das antun, was ist der Zweck des Ganzen?"

Russland weist Vorwürfe zurück

Ein russischer Abgeordneter weist unterdessen Vorwürfe zurück, dass Russland absichtlich zivile Ziele wie Spielplätze in der Ukraine bechießt. "Wenn Sie einige Raketen und Angriffe auf Kinderspielplätze sehen, so waren diese das Ergebnis der Arbeit des Raketenabwehrsystems, des ukrainischen Systems", sagte Jewgeni Popow von der kremltreuen Partei Geeintes Russland. "Unsere Raketen zielten alle auf Energieinfrastruktur, Kommunikationszentren und militärische Hauptquartiere."

nik AFP

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