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Schlag 12 - der Mittagskommentar aus Berlin: Kopflos in Pjöngjang

Niemand hat die Absicht, Nordkoreas Diktator Kim Jong Un den Kopf abzureißen... Oder doch? Am Ende war's doch wieder die CIA. Ein Kommentar über einen Kampf der Kulturen an der Grenze zum Absurden.

von Axel Vornbäumen

Das Plakat zum Film: Sony will "The Interview" zurückziehen. Den Mann am rechts unten lässt das kalt

Das Plakat zum Film: Sony will "The Interview" zurückziehen. Den Mann am rechts unten lässt das kalt

In dem wunderbaren Sergio Leone- Film "Once upon a time in America" gibt es eine wunderbare Szene, in der ein Gangsterboss am Ende den Satz sagt "Das Leben ist manchmal verrückter als Scheiße"! Rückblickend betrachtet - der Film wurde 1984 gedreht und spielt im Amerika der Prohibitions-Zeit - kann man sagen: Da war damals schon sehr viel Wahres dran. Es ist dann aber noch verrückter geworden, das Leben.

In den USA hat jetzt der Filmkonzern Sony Pictures den Kinostart der Nordkorea-Komödie "The Interview" wegen tatsächlicher oder vermeintlicher Terrordrohungen abgesagt. Eine Hackergruppe mit dem schönen Namen "Guardians of Peace" hatte nach einem Diebstahl von Hunderten von Gigabyte geschrieben: "Wir werden Ihnen klar zeigen, welch bitteres Schicksal jene erleiden, die Spaß am Terror haben". In den USA wird nun gemutmaßt, dass dahinter Hacker aus Nordkorea stecken könnten - obwohl man bislang eigentlich dachte, dass ein nordkoreanischer Hacker ein Widerspruch in sich ist. Nordkorea oder nicht, in jedem Fall handelt es sich bei den "Guardians" um mutmaßlich humor-resistente Menschen. Das macht den Fall - man muss leider sagen: mal wieder - zu einem aus der Kategorien Kampf der Kulturen. Dieser Kampf macht, bedauerlicherweise, auch vor den Grenzen des Absurden nicht halt.

US-Präsident Barack Obama hat den Fall mittlerweile sogar zu einer Angelegenheit der "nationalen Sicherheit" erklären lassen - viel mehr Punkte kann man sich gar nicht mehr vorstellen auf der nach oben offenen Skala der Bedeutungsschwangerschaft. Der Republikaner Newt Gingrich legte nach und kritisierte das Einknicken von Sony Pictures: "Diese Woche haben die USA ihren ersten Cyber-Krieg verloren". Brasiliens Starautor Paulo Coelho sieht in der ganzen Sache einen "Präzedenzfall" und bietet Sony 100.000 Dollar, um den Film auf seinem Blog zu veröffentlichen, was auf den ersten Blick engagiert wirkt, sich als Summe aber eher bescheiden ausnimmt.

Wer war's? Die CIA natürlich

In der Komödie "The Interview" geht es um ein fiktives Mordkomplott gegen Nordkoreas Diktator Kim Jong Un. Zwar wird Kims Leinwand-Tod, angeblich mit Rücksicht auf den japanischen Mutterkonzern Sony, weniger brutal dargestellt als ursprünglich, es reicht aber immer noch für den Hausgebrauch: Kims Haare fangen Feuer bevor am Ende der Kopf des Diktators explodiert. Im Film steckt die CIA dahinter - und, bei allem Respekt vor dem verrückten Leben an sich -, so scheiße kann der Streifen eigentlich gar nicht mehr sein, als dass einem beim Betrachten nicht der Gedanke kommen könnte, dass zumindest an den Plänen auch ein Fünkchen Wahrheit ist.

Wahrscheinlich war's am Ende tatsächlich die CIA - also alles! Lässt eine Komödie über den Mord an Nordkoreas Diktator drehen, damit vermeintliche nordkoreanische Hacker vermeintliche Terrordrohungen aussprechen können, die man dann praktischerweise zum Anlass nehmen kann, vor der Bedrohung Nordkoreas zu warnen. Das Leben ist manchmal verrückter als Scheiße? Nein, öfter als man denkt!

Axel Vornbäumen wird sich "The Interview" nicht anschauen, hat aber "Once upon a time in America" schon siebenmal gesehen. Seine Lieblingsszene: Als Robert de Niro nach 35 Jahren einen Freund von früher trifft und auf die Frage, was er in all der Zeit gemacht hat, sagt: "Ich bin früh schlafen gegangen". Man kann dem Autor auf Twitter folgen unter @avornbaeumen