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Chinas "Soft Power" Wie Peking als Sieger aus der Corona-Krise hervorgehen will

In Myanmar treffen Hilfsgüter und Spezialisten aus Peking ein.
In Myanmar treffen Hilfsgüter und Spezialisten aus Peking ein.
© Sai Aung / AFP
Als die Pandemie in Wuhan ausbrach, schien China kurz zu wanken. Doch inzwischen hat das Land sich gefangen. Die Wirtschaft fährt hoch, es werden kaum Neuinfektionen gemeldet. Die USA, die westliche Führungsmacht, haben das Tal der Krise noch nicht durchschritten – daraus schlägt Peking weltweit politisch Kapital.

Am Anfang des Jahres sah es so aus, als hätte ein Virus Chinas Höhenflug gestoppt. Das Land, das unübersehbar nach Weltgeltung strebt, strauchelte über eine Krankheit, die offenbar auf einem Markt ausgebrochen war, auf dem hygienische Bedingungen wie im Mittelalter herrschten. Überdies kochte die Katastrophe so hoch, weil die regionale Führung zuerst versuchte, den Ausbruch zu vertuschen. Dann riss Peking das Ruder herum, und verhängte einen nie gesehenen Lockdown über das Land, mit unvorhersehbaren Folgen für die Wirtschaft.

Der rote Riese schien zu wanken. Im Westen erschienen triumphierende Leitartikel, welche die Bewältigung der Krise zur Systemfrage stilisierten und sich sicher waren, dass die offenen liberalen Systeme die Krise besser beherrschen würden als die Ein-Parteien-Diktatur in Peking.

Es kam anders

Heute wissen wir, was wirklich passierte, als die Infektionswelle die westlichen Länder erreichte. Zwei Monate später hat sich die Lage gedreht. Zentrale Länder der westlichen Allianz wurden vom Virus überrollt. Und Peking propagiert das eigene System, als erfolgreicher Krisenbekämpfer. Einige Staaten wie Deutschland führen ein erfolgreiches Krisenmanagement durch, doch Italien, Spanien, Frankreich und Großbritannien sind von der Pandemie schwer getroffen.

Vor allem aber wird die westliche Führungsmacht unter ihrem irrlichternden Präsidenten Trump vom Virus heimgesucht. Peking fährt das eigene Land seit Wochen langsam wieder an, öffnet Fabriken und sogar die Strände. Um die Zuversicht zu betonen, wurde mit dem Bau des größten Fußballstadions der Welt, des "Blumenstadt"-Stadions, begonnen. Geschätzte Kosten: 1,6 Milliarden Euro.

Ein Ende des zumindest teilweisen Stillstands der Wirtschaft im Westen ist dagegen nicht abzusehen. Es gibt guten Grund, den offiziellen Zahlen über Tote und Infizierte aus Peking zu misstrauen. Aber auch, wenn die offiziellen Zahlen geschönt sind, besteht kein Zweifel, dass der Westen weit mehr Tote als China zu beklagen hat. Hinzu kommt, dass auch die gemeldeten Zahlen demokratischer Staaten wenig vertrauenswürdig sind. In der vergangenen Woche stellte sich etwa heraus, dass an Corona verstorbenen Heimbewohner in Großbritannien nicht in die offizielle Statistik aufgenommen wurden. An einen Zufall mag man kaum glauben.

Weltpolitik mit Hilfsgütern

Während die Länder des Westens von der Krise gelähmt sind, macht Peking erneut Weltpolitik. Noch nicht durch Demonstrationen militärischer Kraft in der südchinesischen See, aber es lässt die Muskeln der gigantischen Volkswirtschaft spielen. Denn China hat, was die ganze Welt jetzt braucht. Das Land produziert medizinische Hilfsgüter, Medikamente, Schutzanzüge und Atemmasken im Maßstab der Großindustrie.

Und nicht im Rahmen freiwilliger Nähgruppen. Sondern einer Industrie, deren Kapazitäten anfangs des Jahres massiv hochgefahren wurden. Kein Land auf der Welt kann derzeit ohne den Nachschub aus China auskommen. Tatsächlich liefern sich die westlichen Verbündeten wüste Streits und werfen einander vor, sich gegenseitig die knappen Güter aus China wegzuschnappen.

Selbst setzt Peking die medizinische Hilfe direkt in politische Münze um. Kein Tag vergeht, an dem die Staatsmedien nicht großzügige Lieferungen von Hilfsgütern in die armen Länder der Welt vermelden. Peking ist zudem bereit mit Know-how und Spezialisten auszuhelfen. Bei manchen Lieferungen ist das PR-Getöse größer als die Hilfe. Doch in der Summe sind die Leistungen beeindruckend. Gleichzeitig sind die Länder des Westens damit beschäftigt, weltweit den Markt für Masken und Schutzanzüge leerzukaufen und die Preise in für arme Länder unerschwingliche Höhen zu treiben.

Medizinische Hilfe ist derzeit die "Soft Power", mit der Peking seinen Einfluss nicht nur in Afrika zementiert. So füllt China das Vakuum aus, das die "America First"-Politik Trumps hinterlassen hat. Nur selten wurde die Rücksichtslosigkeit einer Supermacht so dreist verkündet wie von Donald Trump in der Corona-Krise. Ein für den Westen verheerendes Bild ergibt sich: China hilft und die USA kaufen anderen Ländern die Hilfsgüter weg und zerlegen nebenher auch noch die Weltgesundheitsorganisation, indem sie die Zahlungen einstellen.

Die Pandemie ist auch ein Geschäft

Noch ist es zu früh, das Ende der Krise vorherzusagen und zu behaupten, dass China so glimpflich davonkommen wird, wie es derzeit aussieht. Vielleicht droht dem Land eine zweite Infektionswelle. Und auch wenn Peking die eigene Wirtschaft wieder hochfährt, wird das exportorientierte Land Einbußen hinnehmen müssen, wenn der Rest der Welt wirtschaftlich am Boden liegt.

Doch Stand heute verdient China bereits an der Krise. Ein Teil der Hilfsgüter wird umsonst abgeben, doch die entwickelten Staaten bezahlen, was sie in chinesischen Fabriken bestellen. Und die Preise sind weit höher als vor der Pandemie. Auch vom derzeitigen Ölkrieg profitiert das Importland China, während der Preisverfall für die Ölindustrie der USA ein schwerer Schlag ist. Vor allem aber ist in der großen Auseinandersetzung der Supermächte USA und China nicht zu erkennen, wie Donald Trump weltweit Punkte sammeln könnte oder wie seine Strategie aussieht, mit der er dem Erstarken der Soft Power Pekings entgegentreten will.


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