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100 Tage Barack Obama: Wie Weltbürger Obama die Krise meistert

General Motors vor der Pleite, die Wirtschaft auf Talfahrt, die Taliban auf dem Vormarsch in Pakistan: In den ersten 100 Tagen seiner Amtszeit musste Barack Obama auf vielen Baustellen gleichzeitig schaffen. Aber mit seiner unverklemmten Art kann der neue US-Präsident viele Konflikte entkrampfen.

Ein Gastbeitrag von Wolf von Lojewski

Noch immer ist die freundliche, viel versprechende Erscheinung des Mannes an der Spitze der größte Trumpf seiner Regierung. Die Begeisterung der Amerikaner für ihren neuen Präsidenten Barack Obama ist ungebrochen. Über seine Politik ist sie nicht ganz so groß. Zu viele Krisen hat er geerbt, und so hat er – um ein Bild aus der Fischerei zu gebrauchen – an vielen Gewässern die Angel ausgeworfen, aber noch nirgendwo hat ein größerer Fisch angebissen. Die Aufgaben, vor denen er steht, sind einfach zu gewaltig.

So viele Teller sind in der Luft. Soll er General Motors in den Konkurs treiben lassen oder soll er das aufgeblähte Imperium retten? Auch nach dem dritten Restrukturierungsplan mit schmerzhaften Einschnitten bei der Belegschaft ist keineswegs garantiert, dass der Rest des Konzerns nun rosigen Zeiten entgegensieht. Aber was auch immer an Zweifeln bleibt: Da geht es nicht um irgendeine Firma. Ich bin noch aufgewachsen in dem Bewusstsein, dass General Motors und die Vereinigten Staaten zwei Begriffe für dasselbe seien: Was gut war für GM, war auch gut für die USA... General Motors war ein Symbol für Amerikas Vorherrschaft in der Welt. Wenn nun der Staat bei dem Autobauer als Aktionär einsteigen sollte, stimmt der alte Spruch natürlich noch heute. Aber doch auf eine etwas ironische Art. Wahrscheinlich bleibt Barak Obama ja keine Wahl. Dieses Imperium zu opfern, würde Wunden im amerikanischen Selbstbewusstsein schlagen wie einst die Niederlage in Vietnam.

Obama muss eine soziale Katastrophe vermeiden

An der Front der Immoblien -, Kreditkarten- und Finanzkrise sehen die Heilungsperspektiven ähnlich düster aus. Fast wird von einem neuen Präsidenten erwartet, dass er zaubern kann. Uns Deutschen ist ja kaum bewußt, warum die kleinen Plastikkarten das Wort „Kredit“ in ihrem Namen tragen. Wir kaufen ein, und dann wird der Betrag doch ein- oder zwei Wochen später vom Girokonto abgebucht. In den USA bekommt man eine Rechnung vom Kreditkarteninstitut, dann schickt man einen Scheck. Wer keinen Scheck in den Briefkasten wirft, hat automatisch einen Kredit aufgenommen. Und Millionen Amerikaner haben in den letzten Jahren und Jahrzehnten ihre Schulden nur sehr unregelmäßig zurückgezahlt - und dabei nicht nur mit einer Kreditkarte sondern mit zehn oder zwanzig herumjongliert. Da hat sich etwas aufgehäuft, das schon in besseren Zeiten niemand so recht sehen wollte. Und nun steigt die Zahl der Arbeitslosen auf einen lange nicht mehr gekannten schmerzhaften Rekord. Es wäre eine soziale Katastrophe, jetzt rigoros mit dem Heer der Schuldner umzugehen.

Wieviele Millarden aus der Staatskasse – oder sind es Billionen? – zur Rettung der Banken benötigt werden, kann ohnehin kein Experte präzise errechnen. Politiker gehen ja geradezu beschwörend davon aus, dass die Zauberer des Geldes in Zukunft brav sein werden: solide Einlagen sammeln, keine undurchsichtigen Spekulationen mehr, dafür günstige Kredite vergeben – idealerweise an kleine Handwerksfirmen. Eigentlich genau das, was ein deutscher Finanzfürst einmal als "peanuts" bezeichnet hat. An Banken müsssen wir einfach glauben – und das ja nicht nur in den USA.

Problemfall Pakistan

In der Außenpolitik sind die Herausforderungen für Obama nicht geringer. Ein kluger Schritt ist es sicherlich gewesen, das Verhältnis zu Kuba endlich zu entspannen. Seit einem halben Jahrhundert ist der Versuch, die Insel der Castro-Brüder in die Knie zu zwingen, nichts weiter als Trotz gewesen. Aber Iran, Nordkorea, Venezuela... Es gehört viel Glaubenskraft dazu, davon auszugehen, dass die Herren Kim Jong Il und Ahmadinedschad sich einfach nur nach der Liebe und Zuwendung der Amerikaner sehnen. Ihre Macht stützt sich auf andere Mechanismen und Emotionen. Da passen Atomwaffen eher ins Kalkül als ein Mehr an Demokratie.

Wo geht das düstere Spekulieren weiter? Nahost, Irak, Afghanistan... Pakistan könnte ein Problemfall werden, der alle anderen Sorgen überstrahlt. Wenn es für irgendeine dieser vielen Krisen einen Erfolg versprechenden Zehn-Punkte-Plan gebe, sozusagen eine TÜV-geprüfte „Roadmap“ zum Frieden, dann wäre es für einen amerikanischen Präsidenten leichter, all die geweckten Hoffnungen zu erfüllen. Der feste Zeitplan für den Truppenabzug aus dem Irak ist in den USA wie in Europa mit großer Zustimmung aufgenommen worden. Aber wer glaubt schon fest daran, dass sich die Großmacht im Jahre 2010 oder 2011 mit erhobenem Haupte von diesem Schlachtfeld zurückziehen kann?

Obama ist kein John Wayne

Was Obama auch angepackt hat in den ersten 100 Tagen: Alles ist irgendwie vernünftig, und nichts ist ohne Risiken und Nebenwirkungen. Aber der neue Präsident will ja nicht wie einst John Wayne oder wie sein Amtsvorgänger als einsamer Held über die Leinwand oder die Fernsehschirme schreiten. Er baut auf den guten Willen seiner Landsleute, der Europäer und aller Erdenbewohner – sozusagen auf jeden von uns, bis hin zu den "moderaten Taliban". Vielleicht gibt´s die ja wirklich. Obama folgt keiner verklemmten Ideologie und ist frei von dem Verdacht, nur einer bestimmten Schicht oder Interessensgruppe verpflichtet zu sein. Vielleicht klappt ja sein Konzept, vielleicht kann er ja doch den einen oder anderen Konflikt entkrampfen, von dem wir Journalisten annehmen, dass er eigentlich unlösbar sei. Natürlich wandelt er noch über den Wassern, aber es ist nun einmal auch niemand in Sicht, dem wir mehr vertrauen könnten als ihm.