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"Brigitte live" mit Ursula von der Leyen: Bis der Gegner zurücklächelt

In der Debatte um die Frauenquote hat Ursula von der Leyen Sympathien eingebüßt. Ihre Position in der Partei wackelte. Im "Brigitte"-Gespräch verließ sie sich auf ihre alte Strategie - lächeln.

Von Nikola Sellmair

Wer permanent angelächelt wird, der lächelt irgendwann zurück: So funktioniert die Kommunikation der Ursula von der Leyen. Sie spricht laut und leise zu ihrem Publikum, sie rollt das "R" und die Augen, gestikuliert und stöhnt, manchmal hält es sie kaum auf ihrem Stuhl.

Vor allem aber lacht sie viel und gern. Zu Beginn des "Brigitte"-Gesprächs in den fast bis zum letzten Platz gefüllten Hamburger Kammerspielen sogar doppelt: Live auf der Bühne und auf einem Foto, eingeblendet im Hintergrund. In der ersten Viertelstunde des Interviews geht es um das Lächeln der Arbeitsministerin: Wie kriegt man es hin, ist es manchmal aufgesetzt? "Nein, alles echt", antwortet von der Leyen. Schon ihr Vater, der ehemalige niedersächsische Ministerpräsident Ernst Albrecht, sei oft "Strahlemann" oder "Lächelkeks" genannt worden, und auch sie trage eine "Grundfröhlichkeit" in sich.

Ein Wespennest und das ewige Lachen

Härter werden die Fragen an diesem Freitagnachmittag nicht mehr. Zwar wird als zweites Foto ein Schnappschuss von Angela Merkel, Kristina Schröder und Ursula von der Leyen eingeblendet: Die Bundeskanzlerin und die Familienministerin gucken darauf angespannt, Ursula von der Leyen blickt die beiden milde lächelnd an. Vor wenigen Wochen wäre die Koalition fast am Streit über die Frauenquote in Aufsichtsräten zerbrochen: Ursula von der Leyen wollte die Frauenquote unbedingt, aber der Widerstand in der FDP und in Teilen der CDU/CSU war zu heftig. Am Ende einigte man sich auf einen Kompromiss, eine Forderung im CDU/ CSU-Wahlprogramm: Bis 2020 sollen 30 Prozent der Aufsichtsräte mit Frauen besetzt sein.

Quoten-Befürworterinnen sagten danach, Ursula von der Leyen habe ihre Prinzipien verraten. Parteigegner warfen ihr einen egoistischen Alleingang vor. "Solistin, Putschistin, Ministerin Machiavella" hieß es danach in der Presse über Ursula von der Leyen. Sie selbst sagt beim "Brigitte"-Gespräch: "Neuland betritt man oft im Alleingang". Immer noch sei ihr Credo: "Greife niemals in ein Wespennest, doch wenn du greifst, dann greife fest." Sehr einsam sei es während des Konflikts um sie gewesen. Sie habe sich "unendlich gewünscht", dass "Menschen aus der Wirtschaft, auch Frauen, aufstehen und mich unterstützen". Doch sie blieb alleine. Sie lächelt, als sie davon erzählt und deutet das Ergebnis der Quoten-Debatte dann positiv: Eine Frauenquote werde kommen und es sei gut, dass nun lange Zeit sei, sie vorzubereiten.

Politik gespickt mit Privatem

Auf die Frage einer Frau aus dem Publikum, warum sie denn immer noch in der CDU sei, sie sei doch viel zu modern für ihre Partei, antwortet von der Leyen optimistisch-führungsstark: "Die CDU verändert sich mit mir."

Ein Ziel der bundesweiten "Brigitte"-Gesprächsreihe "Frauen wählen" ist es, den Menschen hinter der Politikerin zu zeigen. Bisher stellten sich Katrin-Göring Eckardt von den Grünen, Sarah Wagenknecht von der Linken und zuletzt Bundeskanzlerin Angela Merkel den Brigitte-Leserinnen und –Lesern vor.

Bei Angela Merkel waren die Zuschauer überrascht, dass sie sehr pfiffig sein kann, dass sie mit feiner Ironie erzählt. Die Kanzlerin wirkt in der Öffentlichkeit sonst oft fade. Angela Merkel trat auch nicht bei "Wetten dass" auf und stieg dort zu einem Wettkandidaten in eine Mülltonne; es gibt kein Foto, in dem Hollywood-Schauspieler Hugh Jackman sie auf Händen trägt. Von Ursula von der Leyen werden in den Kammerspielen Fotos eingeblendet: Die Arbeitsministerin mit Hugh Jackman und auch mit George Clooney, charmant lächelnd. Ursula von der Leyen hat ihre Unterhalter-Qualitäten nie versteckt, politische Forderungen untermalt sie gern mit Anekdoten. Schon immer war ihre Politik von ihren privaten Überzeugungen und Erfahrungen getragen.

Das Publikum lächelt zurück

Auch heute erzählt sie Geschichten von Rückschlägen und Siegen: Wie sie als junge Frau gleichzeitig eine perfekte Mutter und eine perfekte Ärztin sein wollte und so überfordert war, dass sie Asthma bekam, nicht mehr "durchatmen konnte". Heute schaffe sie es, mit dem Stress umzugehen. Wie sie auch später als Ministerin mit dem schlechten Gewissen der berufstätigen Mutter kämpfte – und ihre Kinder ihr aufbauende SMS nach Berlin schickten: "Kopf hoch, Mama! Du bist die beste Mama auf der ganzen Welt." Wie sie sich gegen männliches Dominanzgebaren durchsetzte: Als sie neu war in Berlin, habe sie ein Kabinettskollege am Telefon angeschrien, bis sie kühl sagte: "Wenn Sie nicht aufhören zu schreien, schicke ich Ihnen die Rechnung meines Ohrenarztes".

Sie erzählt, wie sie erst Scham und Abwehr empfand, als ihr Vater ihr von seiner Alzheimer-Erkrankung erzählte und wie sie sich gleichzeitig für diese Reaktion schämte. Heute lebt ihr Vater mit ihr in einem Haushalt: "Ich habe gelernt, dass man mit Alzheimer leben kann. Aus seiner Sicht ist mein Vater glücklich und nur das zählt." Das politische Projekt dazu: Ihr Eintreten für Mehrgenerationenhäuser, in denen Junge den Alten helfen – und umgekehrt. Von der Leyen berichtet auch, wie sie im Medizinstudium ihren Mann kennenlernte und ihn gleich "schnuckelig" fand. Sie spricht über ihre Ehe, diese "tiefe Bindung" und lehnt sich ganz kurz in ihrem Sessel zurück. Einen Moment wirkt sie angerührt.

Da lächeln die meisten im Publikum schon lange zurück. Eine Frau flüstert ihrer Freundin zu: "Ich mochte sie nie. Siebenfache Mutter, Medizinerin, Ministerin, schlank, hübsch, charmant. Zu perfekt. Aber die ist ja total nett." Ein Mann meldet sich und sagt, er bewundere von der Leyens "sympathische Natürlichkeit".

Man muss ihr nicht alles glauben

Nur eine Frage stört: Eine Frau aus dem Publikum sagt, sie sei alleinerziehend, müsse sich mühsam durchschlagen und fühle sich dabei von der Politik allein gelassen. Ursula von der Leyen verweist auf den Ausbau der Kinderbetreuung und das stärkere Engagement der Jobcenter für Alleinerziehende. Es klingt nicht so überzeugend wie vorher ihr Plädoyer für das Recht von Müttern und Vätern auf Kinder und Karriere. Die Welt der sozial Schwachen war nie die Welt der Ursula von der Leyen. Sie macht vor allem Politik für moderne Mittelschichtsfamilien.

Ansonsten zeigt sich Ursula von der Leyen an diesem Nachmittag als Überzeugungstäterin, als sympathische Widerständige, die auch mit Konfrontation und Krawall Politik macht – ganz anders als Angela Merkel. Ihre auch hier wiederholte Erklärung, sie wolle nicht Kanzlerin werden, muss man ihr nicht glauben.