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"Die Patin" über Angela Merkel: Gertrud Höhlers Furor

Germanistikprofessorin Höhler beschreibt Angela Merkel als kommende Diktatorin. Und eiert auf konkrete Nachfragen herum. Eine Buchpräsentation in Berlin.

Von Lutz Kinkel

Nochmal. Zum allerletzten Mal. Klare Frage, Bitte um kurze Antwort. Halten Sie, Frau Höhler, Angela Merkel für eine Antidemokratin, die darauf hinarbeitet, die Demokratie abzuschaffen? Oder für eine Demokratin, die gelegentlich antidemokratische Mittel nutzt, um ihre Macht abzusichern? "Genau das ist die Frage", sagt Literaturprofessorin Gertrud Höhler, 71, die im cremefarbenen Hosenanzug, weißer Bluse und blinkenden Ohrclips seit gut einer Stunde ihr neues Buch in einem Saal der Berliner Bundespressekonferenz präsentiert. "Ich möchte auf etwas aufmerksam machen", sagt sie. "Es ist ein Ruf nach Kommunikation." Erschöpfte Gesichter im Publikum.

"Die Patin" heißt das Buch. Untertitel: "Wie Angela Merkel Deutschland umbaut." Auf dem Cover ist ein Schattenriss der Kanzlerin zu sehen, die blutroten Buchstaben des Titels sind auf Augenhöhe über ihr Gesicht gelegt. Auf den folgenden, knapp 300 Seiten sind Sätze zu lesen, die einem den Atem stocken lassen. Demnach hat "das Mädchen Angela, herübergeweht aus dem deutschen Begleitboot des Supertankers UdSSR", nicht nur die Werte der CDU zerlegt und Themen anderer Parteien geklaut, sondern auch das Parlament ausgebootet und mit der Energiewende die Planwirtschaft etabliert. Diese Kanzlerin, raunt Höhler, bewegt sich im Illegalen. Sie etabliere eine "leise Variante autoritärer Machtentfaltung ", eine Art "autoritären Sozialismus", der nach ganz Europa ausgreife. Ist Merkel, nach Hitler und Honecker, der nächste Diktator Deutschlands?

"Es ist kein Krawallbuch"

Einen Vorabdruck ihres Buches hatte Höhler Anfang August in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" (FAZ) veröffentlicht. Die Auswahl des Mediums war nicht zufällig, denn Merkel hatte ihrerseits 1999 eine Abrechnung mit Altkanzler Helmut Kohl in der FAZ publiziert. Schlag und Gegenschlag, zwei Kämpferinnen auf Augenhöhe - diesen Eindruck wollte Höhler offenkundig erwecken. Die journalistische Reaktion darauf verlief jedoch ganz anders, als von ihr erwartet. Der "Spiegel" interpretierte Höhlers Buch als Rache einer Frustrierten, die unter Kohl noch eine geschätzte Beraterin und Anwärterin auf einen Ministerposten war, von Merkel aber nicht weiter beachtet wird. Die "Süddeutsche Zeitung" legte nach, und beschrieb auf der Reportageseite, wie Höhler zwei Mal kurz davor war, ein Interview abzubrechen, nur weil sie nach ihrem persönlichen Verhältnis zu Merkel gefragt wird.

Den Vorwurf, sie schlage allein aus persönlicher Eitelkeit um sich, empfindet Höhler als Beleidigung. Diese Deutung will sie unter allen Umständen unterbinden. Deswegen lobt sie bei der Buchpräsentation Merkel groteskerweise auch. Sie habe mehrfach mit ihr gesprochen, es handele sich um eine "sympathische" und "disziplinierte" Persönlichkeit. "Es gibt diese Fehde nicht. Es gibt sie nicht", beteuert Höhler mit Haupt- und Nachsatz. Sie wolle ja nur das "System Merkel" beschreiben, und überhaupt: "Es ist kein Krawallbuch."

Stürzt Merkel!

Kein Krawallbuch? Höhler wird mehrfach danach gefragt, ob sie Merkel für kriminell hält, so wie es der Titel dokumentiert. Ob sie tatsächlich glaubt, eine künftige Diktatorin vor sich zu haben. Müsste sie dann nicht Anzeige erstatten? Oder zumindest öffentlich vor der Wiederwahl der "Wölfin" warnen? Höhler eiert in ihren Antworten herum, sie tänzelt vor dem Tisch des Moderators, schraubt sich ins Nebulöse. Plötzlich sollen es nur noch "Tendenzen" sein, die sie beobachtet haben will. Und die Aussagen, die sie im Buch noch kategorisch und gleichsam mit Ausrufezeichen formuliert, kommen jetzt in Frageform daher. "Ich spreche die Chefin an. Lässt die Chefin das nur zu? Oder treibt sie das an?" Das sind Fragen, die dem Rechercheniveau ihres Buches angemessen gewesen wären.

Aber so hat es Höhler nicht formuliert. Ihr Buch ist eine Kampfschrift, die nur eine Schlussfolgerung zulässt: Stürzt Merkel! Sofort! Geschrieben hat sie es, so steht es in der Widmung, "für alle, die die Faust in der Tasche haben". Derer gibt es viele in der Union, darunter die abservierten Altstars, von Friedrich Merz bis Roland Koch. Josef Schlarmann, Chef der CDU-Mittelstands- und Wirtschaftsvereinigung, zeigt gelegentlich die Faust, hat aber in seiner Partei nur wenig Einfluss. Der vor einem Jahr gegründete "Berliner Kreis", in dem sich die Konservativen engagieren, hat bis heute nicht das lang angekündigte Gründungsdokument vorgelegt, betont aber prophylaktisch, dass es sich keinesfalls gegen Merkel richten werde. Höhler kennt diesen meist verdeckten Unmut in der Partei, der sich vor allem daran entzündet, dass Merkel die ideologischen Heiligtümer geschleift hat, von der Wehrpflicht über die Atompolitik bis zum Familienbild. Gerne würde sie, die Westdeutsche, aus den Verzagten und Zerknirschten eine Bewegung formen. Sie sollten die Faust aus der Tasche nehmen und ihren Zorn artikulieren, fordert sie noch zu Beginn der Buchpräsentation.

Im Furor verrannt

Allein: Das wird nicht passieren. Und das liegt nicht nur daran, dass es zu Merkel derzeit in der Union keine personelle Alternative gibt und sie hohe Beliebtheitswerte in der Bevölkerung hat. Höhler hat in ihrem Buch ihre Thesen so weit über die Kante getrieben, dass sie unglaubwürdig wirkt. Das nachträgliche Beschwichtigen in der Bundespressekonferenz hat ihre Position nur weiter verschlechtert. Zudem ist "Die Patin" ermüdend zu lesen, die Seiten raunen mehr als dass sie belegen, Stil und Sprachbilder ("Tarnkappenbomber sprengen ethische Kastelle") sind einer Germanistikprofessorin unwürdig, und die gefühlt 100-fache Wiederholung der immer gleichen Thesen ("Bindungslosigkeit", "Werteabstinenz", "egomanischer Politikstil") erzeugt nur Überdruss. 300 Seiten Kommentar - das hält kein Leser aus.

Höhler hat sich in ihrem Furor verrannt. Schade, denn das diskreditiert auch ihre teils wichtigen und richtigen Erkenntnisse über Merkels Politikstil. Wer es mit der Kanzlerin aufnehmen will, braucht einen kühlen Kopf - so viel ist sicher.