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"Jenseits des Protokolls": Die Entblößung der Bettina Wulff

Es gibt viele gute Gründe, mit Bettina Wulff solidarisch zu sein. Schade nur, dass sie jeden Ansatz von Verbundenheit selbst zunichte macht - mit der Veröffentlichung ihres Buches.

Ein Gastkommentar von Alice Schwarzer

Bettina Wulff

Der Wiederherstellung der Ehre von Bettina Wulff dient diese indiskrete Plapperei der ehemaligen First Lady nicht. Aber deswegen haben ihre Kritiker noch lange nicht in allen Punkten recht.

"Nur" 19 Prozent der Bevölkerung haben laut einer Umfrage vor der Veröffentlichung des Buches überhaupt von dem Gerücht gehört, dass Bettina Wulff früher als Prostituierte gejobbt habe. Sie solle sich also nicht so anstellen.

Nur? Das wäre immerhin jeder und jede Fünfte in diesem Land. Von den zwei, drei Dutzend Menschen, auf die es einem im Leben ankommt, ganz zu schweigen. Im Leben von Bettina Wulff waren das: der achtjährige Sohn, der im Internet surft, die Eltern, der Bruder, die Nachbarn, die Freundinnen.

Die Eltern jedenfalls waren so beklommen, dass sie die Tochter in all den Jahren, in denen das Gerücht via Internet dräute und wuchs, nicht einmal darauf angesprochen haben. Bis heute nicht. Vielleicht fürchteten sie die Antwort. Denn wo Rauch ist, ist ja auch Feuer. So sagt der Volksmund. Und so denkt er auch. Der Frau des so ruhmlos entsorgten Bundespräsidenten schien es darum angemessen, zu ihrer Verteidigung dieses Buch zu veröffentlichen: "Jenseits des Protokolls". Darin stellt sie unmissverständlich klar: An diesem Gerücht ist nichts dran. Nicht nur die Eltern werden erleichtert sein.

Eigentlich war Christian Wulff mit dem Gerücht gemeint

Was den Ehemann angeht: Dem war die Wahrheit offensichtlich immer schon klar. Eigentlich war ja er gemeint mit dem entehrenden Gerücht über seine Frau. Schließlich haben Frauen traditionell keine Ehre, sie haben höchstens eine zu verlieren. Nein, ihn wollte man verunsichern, erniedrigen, einschüchtern. Und das scheint gelungen zu sein.

Für Bettina Wulff selber muss es zumindest in den letzten Monaten der Amtszeit ihres Mannes die Hölle gewesen sein. Eine Frau, deren Name bei Google in Sekundenbruchteilen mit der Ergänzung "Prostituierte" auftaucht - eine solche Frau möchte doch irgendwann am liebsten morgens gar nicht mehr aufwachen.

Also hat Bettina Wulff auch Google verklagt. Der Konzern aber weist jegliche Verantwortung zurück und darauf hin, diese "Autovervollständigung" sei nur die mechanische Anzeige der Häufigkeit von Suchanfragen zu den jeweiligen Personen. Doch selbst wenn Wulff den Prozess gegen den Internetriesen nur schwer gewinnen kann, hat sie damit eine wichtige Debatte angestoßen: die der Verantwortung von Google speziell und des Persönlichkeitsschutzes im Internet generell.

Übrigens: In anderen Fällen von Diskriminierung hat Google sogar freiwillig die Bereitschaft zum Eingriff erklärt. So erscheint bei der Autovervollständigung in Frankreich nicht mehr der Begriff "Juif" (Jude). Wiegt die Brandmarkung eines Menschen als "Jude" also schwerer als die einer Frau als "Nutte"? Oder liegt es nur an der Macht der jeweiligen Lobby, die Druck macht - und haben Frauen sich bisher nicht angemessen gewehrt?

Die Frau steht im Schatten ihres Mannes

Doch Bettina Wulff geht es leider um mehr. Sie beklagt in ihrem Buch breit, so lange zurückgesteckt zu haben in ihrer Beziehung. Und sie kündigt an: "Ich will mich endlich einmal um meinen eigenen Kern kümmern, um mich selbst, meine Träume und Wünsche."

Was immer der Kern der 38-Jährigen sein mag - das sind immerhin neue Töne in Deutschland. Im Ausland ist es schon seit Jahren so, dass Ehefrauen von Spitzenpolitikern nicht automatisch zu relativen Wesen regredieren. So blieb die Frau des britischen Premierministers Tony Blair aktive Juristin und die des französischen Ministerpräsidenten Lionel Jospin lehrende Philosophin.

Währenddessen versank hierzulande die beruflich hoch qualifizierte Hannelore Kohl neben dem Kanzler im Licht bis zur Selbstvernichtung im Dunkeln. Und auch die nächste Generation, Doris Schröder, gab Eigenständigkeit und Beruf prompt auf. Bettina Wulff nun behauptet, sie würde das nicht noch mal so machen - auch wenn sie es in der Amtszeit ihres Mannes genau so getan hat. Das nehmen ihr jetzt manche übel. Sie sei illoyal mit ihrem Mann, heißt es. "Warum tut eine Frau ihrem Mann so was an?", jammert "Bild". Klar, wenn so was erst mal die Runde machen würde …

Mit einem fundierten Interview wäre der Gekränkten allerdings mehr gedient gewesen. Oder mit der Beschränkung auf drei von 16 Kapiteln: der Zurückweisung der infamen Rotlichtgerüchte sowie der Schilderung der dramatischen letzten Monate in Schloss Bellevue aus ihrer Sicht. Zu Recht beklagt Bettina Wulff sich über ihre Entblößung im Internet und in manchen Medien. Nun aber entblößt sie sich selber. Und den Politiker Wulff gleich mit.

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