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"Jenseits des Protokolls" von Bettina Wulff: Eine taffe Frau? Von wegen.

Auf 217 Seiten klagt Bettina Wulff über die Zumutungen des Politikbetriebs. Diese späte Beschwerde ist feige. Hätte sie Mut gehabt, hätte sie die Rolle der First Lady revolutioniert.

Von Laura Himmelreich

Bettina Wulffs Buch hat mich beim Lesen ein bisschen verstört. Nicht weil es so platt ist, so voller Intimitäten, die ich so genau gar nicht hätte wissen wollen. Mich hat das Buch vielmehr irritiert, weil die Kluft so groß ist, zwischen dem Selbstbild, das Bettina Wulff von sich hat und der Art und Weise, wie sie sich verhält. Bettina Wulff klammert sich an die Vorstellung, eine "selbständige", "eigenständige" und "selbstbestimmte" Frau zu sein. So beschreibt sie sich. Doch so ist sie nicht.

Ihr Buch ist eine 217 Seiten lange Klageschrift über ihre vermeintliche Persönlichkeitsdeformation: Sie sei eine selbstbewusste junge Frau gewesen. Bis ihr Mann, das Bundespräsidialamt und die Medien sie gezwungen hätten, nur noch das hübsche Püppchen an seiner Seite zu sein. "Hineingedrängt", habe Christian Wulff sie in die Rolle der First Lady. Sie musste "einfach funktionieren", sonst hätte man sie "medial zerrissen".

Nicht selbstbewusst, eher verunsichert

Sie war nicht selbstbewusst, sie war verunsichert. "Ich hatte nicht wirklich einen Schimmer davon, was mich als Frau des Bundespräsidenten erwartet", schreibt sie. Also handelte sie in ständiger Angst, sich zu blamieren. Den Erwartungen der Leute wollte sie entsprechen, schreibt sie. Selbst wenn einer ihrer Söhne mit Fieber im Bett gelegen sei, habe sie sich nicht getraut, mal einen Termin abzusagen: "Das hätte dann gleich wieder für Gesprächsstoff gesorgt, ob denn die werte Frau Wulff sich über die Aufgaben einer Bundespräsidentengattin im Klaren sei."

Sie litt an der Aufmerksamkeit für ihr Äußeres. Ihre Kleider seien "fast schon zu einer Verkleidung geworden, die ich über mein eigentliches Ich stülpte", schreibt sie. Viel lieber trage sie Jeans und Bluse. Darüber, dass sie freiwillig Modeshootings für Frauenzeitschriften gemacht hat, verliert sie übrigens kein Wort.

Ihre Angst vor schlechter Presse ging so weit, dass sie sich nicht einmal getraut im Urlaub am Strand einen Kopfstand zu machen, obwohl sie darauf Lust hatte.

Vorauseilender Gehorsam

Ich finde es verständlich, dass es einen überfordern kann, plötzlich im Rampenlicht zu stehen. Aber das Deutschland, das ich erlebe, ist nicht so bieder und intolerant, wie Bettina Wulff denkt. Es fällt mir schwer, mir vorzustellen, dass die Menschen kein Verständnis gehabt hätten, wenn der Bundespräsident bei einem Auftritt gesagt hätte: "Meine Frau wäre gerne gekommen, aber unser dreijähriger Sohn liegt krank im Bett."

Die Deutschen haben schon Abgeordnete mit Turnschuhen und selbstgestrickten Pullovern in den Bundestag gewählt. Sie hätten auch eine First Lady im adretten Jeans-Bluse-Ballerina-Outfit verkraftet. Und vermutlich hätten es die meisten ziemlich cool gefunden, eine sportliche First Lady zu haben, die sogar Kopfstand kann. Bettina Wulff passte sich in vorauseilendem Gehorsam Normen an, die so nicht existieren. Sie hat ihr Glück nicht in die Hand genommen. Nun macht sie andere dafür verantwortlich. Mit ihrer Wehleidigkeit macht sie es sich einfach. Mutiger wäre es gewesen, hätte Bettina Wulff die Rolle der Präsidenten-Gattin neu definiert. Dafür wäre es an der Zeit, denn es wird in Zukunft kaum mehr eine First Lady geben, die als Hausfrau ohne eigenen Beruf ins Schloss Bellevue einzieht. Bettina Wulff hat diese Chance verpasst.

Kein Versuch der Rebellion

Sie hat nie versucht zu rebellieren. Ihr ging es vor allem darum, dass "die Fassade stimmt", wie sie schreibt. Sie hat die Rolle der First Lady öffentlich gespielt und angeblich heimlich gelitten. Selbst ihrem Mann hat sie nur "in Andeutungen und in Nebensätzen" ihr Unglück offenbart. Ihre Unsicherheit in der neuen Rolle ist verständlich, ihre verspätete Larmoyanz ist es nicht. Dass sie sich erst Monate später beschwert, ist schlicht feige.

Das Buch ist bar jeder kritischen Selbstreflexion. Die politische Dimension des Bundespräsidenten bleibt Bettina Wulff bis zuletzt völlig fremd. Ihre Welt dreht sich um gelungene Fotos, hübsche Kleider und Käsehäppchen mit der Kanzlerin. Selbst als ihr Mann seine Rücktrittserklärung vorliest, erkennt sie nicht, dass sie mitten in einer Staatskrise steckt. Vielmehr ist sie irritiert, dass er jedes Wort abwägt: "Warum konnte er nicht einfach nur sagen: 'Ich trete zurück', und der Drops war damit gelutscht", schreibt sie.

Unverständnis für die Politik

Für die Aufregung um politisch Relevantes, wie die Skandale um den Hauskredit, das kostenloses Upgrade bei einem Langstreckenflug und gesponsorte Familienurlaube, fehlt ihr jedes Verständnis. Ihre Haltung ist: Wo ist denn eigentlich das Problem?

So wie ihr Mann, so war auch Bettina Wulff nicht dem Amt gewachsen. Sie war nicht die taffe, reflektierte Frau, als die sie sich gerne sehen will. Sie war einfach nur naiv.

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