VG-Wort Pixel

"Markus Lanz" zur Flut "Ach was, uns passiert schon nichts" – Experten über einen fatalen Irrglauben und die richtigen Schlüsse daraus

ZDF-Talker Markus Lanz mit einem Teil seiner Gäste
ZDF-Talker Markus Lanz mit einem Teil seiner Gäste
© Screenshot / ZDF
Unwetterereignis oder Klimakatastrophe? Vor Ort stellen sich die Betroffenen der Flutkatastrophe ganz andere Fragen. Bei Markus Lanz machten Lokalpolitiker deutlich, dass es gerade keine "akademischen Debatten" brauche, sondern gemeinsames Anpacken. Und zudem ein größeres Bewusstsein in der Bevölkerung für Naturkatastrophen.
Von Sylvie-Sophie Schindler

So gehen gute Talkshows. Wieso kann es nicht immer so sein? Markus Lanz, der uns mit Corona-Talks völlig übersättigte, sendete am Dienstagabend ein Spezial zur Hochwasserkatastrophe in Deutschland – und tauschte sich mit seinen klug ausgewählten Gästen auf eine inzwischen leider immer seltener gewordene Weise aus: ohne Blabla, ohne Phrasendrescherei, ohne Profilierungswillen und ohne ideologische Mantras. Es ging um die Sache. Und die Sache ist ernst. Sehr ernst. Das Ausmaß in den überfluteten Gebieten ist erschütternd. Hätte es wirklich soweit kommen müssen? Wie hätte es verhindert werden können? Warum haben Warnsysteme nicht funktioniert?

Besonders eindrucksvoll äußerten sich die drei eingeladenen Bürgermeister aus den Städten Trier, Grimma und Sinzig. Der Verzicht auf Bundespolitiker im Wahlkampfmodus tat der Sendung besonders gut. Lokalpolitik ist nun mal ganz nahe am Menschen dran. Und schlicht: bodenständig. "Die Leute wollen jetzt von mir wissen, was tust du", berichtete Triers Oberbürgermeister Wolfram Leibe. Auch wenn es wichtig sei, über den Klimawandel zu sprechen, brauche man momentan keine "zu akademischen Debatten".

Das sagten die Gäste bei "Markus Lanz"

Die Gäste (in alphabetischer Reihenfolge) und ihre wichtigsten Statements:

Matthias Berger, Oberbürgermeister von Grimma, erinnert sich, denn bei der Jahrhundertflut im August 2002 war Grimma die am stärksten geschädigte Kommune an der Mulde: "Vor zwanzig Jahren waren wir arglos, wir kannten sowas nur aus dem Fernsehen." Seither habe man viel in Schutzmaßnahmen investiert, unter anderem in ein modernes Sirenensystem. Die Vb-Wetterlage (gesprochen: Fünf-B-Wetterlage) führte 2002 und 2013 zu schwerem Hochwasser entlang von Saale und Elbe. "Daher reagieren wir ganz anders, wenn wir Vb hören als anderswo", erklärte er. Vb sei auch vor der jetzigen Flutkatastrophe gemeldet worden. Warum man dann nicht entsprechend reagiert habe, erklärt er sich so: "Man konnte das wohl nicht einordnen." Beim Wiederaufbau, so riet er, solle man überlegen, ob man nicht an manchen Stellen darauf besser verzichten solle: "Es muss nicht alles so werden wie vorher."

Axel Bojanowski, Wissenschaftsjournalist, ging mit den öffentlich-rechtlichen Medien hart in die Kritik. Man habe vorab nicht eindringlich genug gewarnt: "Unwetterartig war das härteste Wort, das ich in diesem Zusammenhang gehört habe." Kritisch sieht er auch die aktuellen Debatten: Selbst wenn der Klimawandel real sei, so brauche es für "solche Unwetter" nicht die Bezeichnung "Klimakatastrophe": "Mit solchem Wetter muss man in Deutschland rechnen." Allerdings gebe es in vielen Landkreisen "kein Gedächtnis für Katastrophen", was nicht verwundere, denn manche Fluten würden Jahrhunderte zurückliegen und hätten sich mitunter im Mittelalter ereignet. Er machte deutlich: "Auch wenn Unwetter zum Klimawandel gehören, dürfen wir uns nicht darauf herausreden." Politiker würden es sich damit zu leicht machen. In Bezug auf Warnsysteme könne man von Mosambik lernen: "Da kommen Menschen mit dem Fahrrad und sagen jedem Bescheid, der da wohnt." Seither habe es keine Tote mehr gegeben.

Andreas Geron, Bürgermeister von Sinzig (Rheinland-Pfalz) berichtete von den tragischen Folgen der Flutkatastrophe im unteren Ahrtal: "Das hat unsere Vorstellungskraft gesprengt, wir suchen immer noch nach einem richtigen Namen; Katastrophe trifft es nur teilweise." Allerdings hätten die meisten die Gefahr unterschätzt: "Wir sind zu den Leuten gefahren und haben die Überschwemmungen angekündigt, da hieß es dann, ach was, uns passiert nichts." Wie es zu den 14 Toten kam, die in einem Pflegeheim lebten, sei noch nicht geklärt. Er verwehrte sich gegen den Vorwurf der "Katastrophendemenz": "Wir haben dafür sehr wohl ein Gedächtnis." Nur wenn Flutkatastrophen eines Gebietes über 10.000 Jahre zurücklägen, dann dürfe man das schlechte Gedächtnis niemandem übelnehmen.

Wolfram Leibe, Oberbürgermeister von Trier, schilderte die Auswirkungen der Unwetter-Katastrophe auf die Region Trier, in der über eintausend Menschen in Sicherheit gebracht werden mussten: "Das Wasser kam von allen Seiten, wir konnten noch nicht mal Rettungsboote einsetzen." Das sei unmittelbare Gewalt gewesen. "Man ist ausgeliefert." Dennoch, man sei vorbereitet gewesen. Es habe keine Verletzten und Toten gegeben. Er verwies darauf, dass man nun vor Ort gefragt sei und prüfen müsse, was zu tun sei. Und warnte davor, sich ausschließlich in Debatten um den Klimawandel zu verlieren: "Klimawandel ist kein Schutzargument."

Lamia Messari-Becker, Bauingenieurin, sprach über die Versäumnisse der Vergangenheit: "Wir haben zu spät angefangen mit der Klimaanpassung." Es sei entscheidend, nicht gegen, sondern mit der Natur zu bauen. Und mit Konzepten, die künftige Katastrophen verhindern. Als Beispiel nannte sie sogenannte "Schwammstädte", wo die Oberflächen Regenwasser durchlassen. Man müsse auch mehr auf Laubbäume setzen, da diese mehr Wasser speichern würden." Aktuell sei es wichtig, die Infrastruktur schnell anzupassen. Man müsse dafür sorgen, dass in solchen Katastrophenlagen die Strom- und Wasserversorgung weiterlaufen könne.

Sven Plöger, Meteorologe, wusste um die bedrohliche Lage, erklärte aber, es sei vorab dennoch schwer einzuschätzen gewesen, welche Regenmassen herunterkommen würden. Daher habe er genau abwägen müssen, wie er das bevorstehende Unwetter ankündigen solle: "Man hätte sicher noch mehr Gas geben können in der Kommunikation." Dass eine solche Katastrophe passieren könne, sei für die meisten Menschen in Deutschland allerdings schwer vorstellbar: "Wir haben eine sehr starke Einschätzungs-Problematik. Es gibt Video-Aufnahmen von Menschen, die noch ins Wasser stiegen, als die Katastrophe schon im vollen Gange war. Wie kann man sowas machen? Warum?"

Tina Rass, Flutopfer aus Rösrath (NRW) berichtete, wie die Wassermassen erst in den Keller ihres Hauses drangen und dann immer höher stiegen. Der nahe Fluss, sonst siebzig Zentimeter, stieg auf fünf Meter. "Wir konnten nichts mehr retten, nur noch uns retten", schilderte sie. Auch ihre drei Autos wurden mitgerissen. "Alles verloren, alles weg." In der Nachbarschaft gab es Tote. Es habe keine Sirenen gegeben und auch sonst keine Hinweise auf die Gefahr: "Wir sind nicht gewarnt worden."

Hochwasser in Ahrweiler: Mallorca-Urlauber kehren in ihr Haus zurück

Beate Ratter, Geografin, sprach den "Faktor Mensch" an: "Wir haben das Problem: Sind die Leute offen dafür, zu hören, wovor Meteorologen warnen?" Sie fühle sich an die Sturmflut 1962 in Hamburg erinnert: "Da wurde auch gewarnt. Da wurden auch die richtigen Worte gesagt. Aber es kam nicht an." Das Risikobewusstsein der Menschen basiere auf bereits gesammelten Erfahrungen: "Und eine solche Erfahrung hatten wir noch nie gesammelt." Das sei der "klassische schwarze Schwan", etwas, was man sich nicht vorstellen könne.

Dirk Steffens, Wissenschaftsjournalist, war erkennbar wütend: "Ich bin genervt von der Politik, seit dreißig Jahren Verzögerungsgerede." Seine Kritik galt besonders Armin Laschet. Es passiere nicht genug, während der Klimawandel weiter voranschreite und die Katastrophen dadurch größer würden. Es müsse jedem längst klar sein: "Umweltschutz ist preiswerter als Umweltreparatur." Er sprach noch weitere Faktoren an wie Forstpolitik und die Versiegelung der Flächen – vier Hektar täglich in Deutschland: "Wir haben zwei Drittel der Auenflächen verloren." In Sachen Prävention ging der Blick nach Tokio, wo es unterirdische Kathedralen gebe, die fünfzig Meter in die Tiefe reichten, und in die Regenwasser abfließen könne.

Die komplette "Markus Lanz"-Sendung können Sie in der ZDF-Mediathek nachsehen.
wue

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker