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"Occupy"-Demonstranten in Berlin: Nur noch kurz die Welt retten

Krawallmacher, Wutbürger oder Sozialromantiker: Wer geht bei den Protesten gegen die Finanzwelt in Deutschland auf die Straße? stern.de hat drei Demonstranten in Berlin begleitet.

Von Wolf-Hendrik Müllenberg, Berlin

Heute ist Rüdigers erste Demo. Normalerweise demonstriert der gemütliche Mann aus Berlin-Mariendorf nämlich nicht so gern. "Zu viele Menschen", begründet der 59-Jährige dies knapp. Doch heute ist eine Ausnahme, sagt er. Denn an diesem Samstag seien ja alle auf der Straße, nicht nur hier in Berlin, sondern auch in Frankfurt, in Stuttgart und sogar in Honolulu. Rüdiger, graue Anzughose, blaues Hemd, Bäuchlein, akkurat gestutzter Schnauzer, Kurzhaarschnitt, sagt mit brummiger Stimme und kräftigem Berliner Einschlag: "Ist doch schön, wenn die Menschen gemeinsam etwas unternehmen!"

Rüdiger steht beim Neptunbrunnen direkt hinterm Alexanderplatz mit ein paar Hundert Menschen, die gleich über das Brandenburger Tor Richtung Kanzleramt ziehen wollen. Motto: "Occupy Berlin", nach dem Vorbild der "Occupy Wall Street"-Bewegung in New York. Die Demonstranten fordern mehr politische Teilhabe, soziale Gerechtigkeit und eine strengere Regulierung der Banken. Rüdiger ist heute hier, "weil ich nicht länger mit ansehen kann, wie die Politik sich mit dem Kapital verbündet."

Für ihn ist dieser Pakt zwischen Wirtschaftslenkern und Volksvertretern der Grund für seine Misere: Rüdiger ist seit seinem Herzinfarkt vor ein paar Jahren arbeitslos, weil er dem Stress seiner Branche nicht mehr gewachsen war. "Als längere Ladenöffnungszeiten beschlossen wurden, konnte ich nicht mehr mithalten", sagt er. Der Druck war zu hoch, Rüdiger kündigte bei einem großen Elektronik-Fachmarkt aus Rücksicht vor seiner Gesundheit. Jetzt hält er sich mit einem 1-Euro-Job über Wasser. "Aber eigentlich will ich lieber einen Beruf ausüben, der mich auch erfüllt", sagt Rüdiger, der offensichtlich gerne fotografiert, weil er die Erfahrung seiner ersten Demonstration mit einer kleinen Digitalkamera festhält.

Die 99 steht als Zahl für den Protest

Dass Protest so bunt sein kann, hat er nicht erwartet. Um Rüdiger herum wuseln viele, vor allem junge Menschen, die Sprühdosen in den Händen halten und damit Dinge bemalen. Auf-T-Shirts, Regenschirmen und Transparenten sprühen sie griffige Parolen wie: "Sicherheitsverwahrung für Banker" oder "Genug ausgelöffelt! Jetzt kochen wir!" Rüdiger blickt auf Saskia, die ein paar Meter neben ihm auf dem Boden kniet und mit einem Stück Kreide Folgendes auf den Boden schreibt: "Mehrere Jobs, arbeitslos, Unsere Schulden wollen nicht schrumpfen!" Als Saskia merkt, dass sie beobachtet wird, schaut sie kurz hoch zu Rüdiger, lächelt ihn an und schreibt weiter: Wir sind die 99 Prozent! "Guter Slogan, oder?", fragt Saskia Rüdiger, der nickend bejaht.

Für die Occupy-Bewegung steht die Zahl 99 für die verfehlte Politik der Staaten, bei der Banken und Großkonzerne von der Finanzkrise profitieren und die restlichen 99 Prozent die Zechen zahlen muss. Zu diesen 99 Prozent zählt sich Saskia. Die 26-Jährige ist hauptberuflich Aktivistin. Eigentlich wollte sie Friseurin werden, bekam aber keine Ausbildung für ihren Traumberuf. "Als das Jobcenter mich zwang eine Hotelfachfrau zu werden, wurde ich benahe depressiv", sagt Saskia. Doch statt allein in ihrer Wohnung zu vereinsamen, gründete sie im Juni erstmal eine Gruppe auf Facebook.

Saskia sah die Bilder aus Spanien, wo im Mai über 100.000 Menschen im ganzen Land gegen die politische und wirtschaftliche Krise auf die Straße gingen. Die spanische Jugend baute auf öffentlichen Plätzen Zeltlager und sang "Democracia real Ya" (Demokratie Jetzt!). Das muss es auch in Berlin geben, dachte sich Saskia und war damit nicht allein. Auf Facebook traten viele Nutzer Saskias Gruppe bei. So entwickelte sich auch in Berlin der Protest und Saskia zeltete mit vielen anderen Aktivisten auf dem Alexanderplatz für echte Demokratie.

Protestler nutzen auch Twitter

"Echte Demokratie jetzt, Wir sind die 99 Prozent, Occupy Wall Street oder Occupy Berlin, letztlich sind das nur Parolen", sagt Saskia, "viel wichtiger ist, dass die verschiedenen Bewegungen sich inspirieren und sich dadurch ein globaler Protest entwickeln kann." Heute sei ein Tag, der zeige, dass das bisher schon ganz gut geklappt hat. Die zierliche Saskia koordiniert als Ordnerin der "Occupy Berlin"-Demo den Demonstrationszug, spricht mit Polizisten und nimmt schon mal ein Megaphon in die Hand: "Achtung eine Ansage! In Frankfurt gehen 5000 Menschen auf die Straße!"

Hier, am Neptunplatz in Berlin, sieht es noch nach einer etwas kleineren Menschenmasse aus. "Schwer eine Zahl zu sagen, aber wir sind mehr als 1000 Menschen", twittert Andres Anca mit seinem Smartphone, kurz bevor die Menschen losmarschieren wollen. Andres betreut den Kanal @15O_Berlin und hält die Twitter-Gemeinde über die Entwicklungen der Demonstration auf dem Laufenden. "Vielleicht kommt der eine oder andere ja hierher, wenn er das liest.", sagt der 26-jährige Andres, der ursprünglich aus Spanien kommt und gerade in Berlin an der Technischen Universität seinen Doktor macht. Andres twittert für die Bewegung, weil er so viele Menschen wie möglich erreichen möchte. "Ich will, dass die Menschen verstehen, wie wichtig politisches Engagement derzeit ist", sagt Andres, setzt noch einen Tweet ab und geht mit der Masse Richtung Brandenburger Tor.

In Strapsen zum Protest gegen Krawattenträger

Mittlerweile spricht Attac von 10.000 Menschen, die in Berlin demonstrieren. Unter ihnen sind Menschen unterschiedlichster Couleur. Auf dem Weg twittert Andres: "Einige sind schon am Brandenburger Tor. Wir können das Ende von hier nicht sehen." Andres läuft einem LKW hinterher, auf dem ein DJ Musik spielt. Bunt angezogene Jugendliche, Jongleure, Menschen mit Anonymous-Masken, Männer im Zwirn, ältere Paare in Partnerlook-Jacken - alle singen mit bei Rio Reisers König von Deutschland. "Das alles und noch viel mehr, Würd ich machen, wenn ich König von Deutschland wär!"

Auch der Travestiekünstler Leon von Pullerhan singt mit. Er tippelt in Stöckelschuhen dem Protestwagen hinterher. Der hagere Pullerhan trägt Strumpfhosen und hat ein selbstgemachtes Schild mitgebracht. Darauf steht: Finance my heels, or suck my dick! "Die Banker können meine hohen Schuhe ruhig mal bezahlen", sagt er. Wegen seines Aufzuges wurde er schon von vielen Journalisten interviewt, erzählt Pullerhan. "An Tagen wie diesen kann man die Aufmerksamkeit auf ein wichtiges Thema lenken!" Denn der Kapitalismus sei ein Verbrechen und heute hätten es alle erfahren.

  • Wolf-Hendrik Müllenberg