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Angela Marquardt: SPD-Neuling verteidigt "Rote Hilfe"

13 Jahre war sie bei der PDS, nun ist sie in die SPD eingetreten - Angela Marquardt, die "Polit-Punkerin". Ihrer neuen Partei wird sie nicht nur Freude machen. Im stern.de-Interview räumte sie ein, Mitglied der linksextremen "Roten Hilfe" zu sein - und schließt eine rot-rote Koalition auf Bundesebene nicht aus.

Von Kerstin Schneider und Lutz Kinkel

Seitdem bekannt wurde, dass Angela Marquardt in die SPD eingetreten ist, klingelt das Handy der 36-jährigen Ex-Politikerin in einer Tour. "Das ist kein Wechsel. Ich bin keine Überläuferin", wiederholt Marquardt gebetsmühlenartig. "Ich bin schon vor fünf Jahren aus der PDS ausgetreten. Das ist für mich der Eintritt in eine neue Partei." Aufgefallen ist Angela Marquardt, die ihre stachelige Igel-Frisur während der Zeit als Bundestagsabgeordnete abwechselnd rot, gelb oder grün färbte, eigentlich immer schon. Mit 19 trat sie in die PDS ein. Mit 23 wurde die Ziehtochter von Gregor Gysi stellvertretende Parteivorsitzende. "Ein Punk und die roten Mottenkugelmänner" höhnte die Süddeutsche Zeitung. Bald darauf bekam Marquardt Ärger mit der Berliner Staatsanwaltschaft, weil sie von ihrer Homepage einen Link zur verbotenen Zeitschrift "radikal" gesetzt hatte. Als Abgeordnete kämpfte sie fortan gegen Zensur im Internet.

"Habe ein reines Gewissen"

Für Schlagzeilen sorgte Marquardt auch 2002, als im Archiv der Gauck-Behörde eine von ihr unterschriebene Verpflichtungserklärung für die Staatssicherheit auftauchte. Marquardt hatte das Dokument im Alter von 15 Jahren unterschrieben - auf Druck ihrer Eltern. Zwei Stunden lang musste sich die Abgeordnete vor dem Immunitätsausschuss rechtfertigen. Eine Tätigkeit für die DDR-Staatssicherheit konnte ihr nicht nachgewiesen werden. "Ich habe ein reines Gewissen", sagte Marquart damals auf die Fragen von Journalisten. "Ich war kein Stasi-Spitzel".

Wenig später brach Marquardt auf einem Parteitag in Gera einen Streit vom Zaun. "Kein Mensch braucht eine Ostpartei", hielt sie ihren PDS-Genossen mit Blick auf die Schlappe bei der Bundestagswahl vor. Doch die Genossen wollten nichts davon hören. Marquart gab ihr Parteibuch im November 2002 zurück. "Angebote von SPD und Grünen habe ich abgelehnt. Ritualisierte Parteipolitik kommt für mich überhaupt nicht mehr in Frage", sagte sie damals.

Schwierige Jobsuche

Die Ex-Politikerin widmete sich wieder der Theorie. Fast jeden Morgen fuhr Angela Marquardt mit dem Rad von ihrer Wohngemeinschaft im Prenzlauer Berg quer durch Berlin zur Uni. 2005 hatte sie nach 20 Semestern ihren Abschluss als Politikwissenschaftlerin endlich in der Tasche. Marquardt ging auf Jobsuche. Doch nicht mal die Traumnote "eins", mit der sie ihre Diplomarbeit über die NPD abgeschlossen hatte, half. "Ihre Biographie passt nicht zu unserem Unternehmen", bekam Marquardt zu hören. Oder: "Sie sind zu bekannt." Und manchmal sogar: "Mit der PDS wollen wir nicht in Verbindung gebracht werden."

Im Oktober 2006 holte die SPD-Linke Andrea Nahles Marquardt in ihr Bundestagsabgeordnetenbüro. Die Frauen hatten sich bei einem Polit-Diskussionskreis in Berlin kennengelernt. "Andrea Nahles hat mitbekommen, wie schwer es für mich war, einen Job zu bekommen. Und hat mir eine Chance gegeben", erzählt Marquardt.

Neugierig geworden auf die neue Mitarbeiterin von Nahles, traf sich Kurt Beck im November mit Angela Marquardt. Ob sie sich denn auch vorstellen könnte, in die SPD einzutreten, wollte der Parteichef wissen. Marquardt zierte sich ein paar Monate. "Ich bin niemand, der so eine Entscheidung von heute auf morgen fällt. Das ist ja nicht nur eine politische, sondern auch eine sehr emotionale Entscheidung."

Anfang März wurde Marquardt schließlich Sozialdemokratin. "Ich möchte gestalten. Und das geht in Deutschland vor allem über Parteien" begründet sie ihre Entscheidung. Und lässt keinen Zweifel daran, dass sie es auch den neuen Genossen nicht leicht machen wird. "Ich habe immer gesagt, was ich denke. Und das werde ich auch in der SPD tun."

"Rote Hilfe unverzichtbar"

Eine Kostprobe ihres Eigensinns gab Marquardt im stern.de-Interview im "Cafe Einstein". Nachdem die Kameras abgeschaltet waren, räumte sie ein, dass sie seit "vier bis fünf Jahren" Mitglied der "Roten Hilfe" sei. Der Verein, der vom Verfassungsschutz als linksextremistisch eingestuft wird, unterstützt nach eigenen Angaben "politisch Verfolgte aus dem linken Spektrum." Die Juso-Vorsitzende Franziska Drohsel gab ihre Mitgliedschaft in der "Roten Hilfe" im Dezember 2007 nach massivem öffentlichen Druck auf. Marquardt will dabei bleiben. "Die Rote Hilfe ist in den neuen Bundesländern eine unverzichtbare Hilfe - unter anderem im Kampf gegen den Rechtsextremismus", sagte sie stern.de. "Deswegen diskutiere ich nicht darüber. Ich weiß, was es bedeutet, sich mit Neonazis auseinandersetzen zu müssen."

Noch vor laufenden Kameras brach Marquardt gleich mit einem zweiten Tabu: Sie schloss eine Zusammenarbeit mit der Linkspartei nach der Bundestagswahl 2009 nicht aus. "Ich glaube, im Politischen wie im Persönlichen sollte man nie 'Nie' sagen", sagte Marquardt stern.de. Es sei die Entscheidung des Wählers, "wer mit wem wie gucken muss, ob er zusammen arbeiten kann." Parteichef Kurt Beck, der Mann, der sie zu einer SPD-Mitgliedschaft aufgefordert hatte, sieht das bekanntermaßen ganz anders.

Von:

Kerstin Schneider und