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Meinung

Berlin³: Angela Merkel geht mit Größe, hinterlässt aber politische Verwüstungen

Angela Merkels Karriere an der Parteispitze ist beendet. Sie räumt nach 18 Jahren freiwillig das Feld. Dieser Schritt zeugt von Größe, doch Merkel hinterlässt auch eine lädierte CDU.

Merkel Kommentar Teaser

Kanzler-Dämmerung: Merkels Statement live im Fernsehen

DPA

Im Abgang zeigt diese Frau Größe, das muss man ihr lassen. Es ist eine Größe, die sie vorher lange nicht mehr gezeigt hatte. Angela Merkel beginnt loszulassen. Und wie sie es macht, wie sie ihren Abschied von Parteivorsitz (im Dezember) und Kanzlerschaft (spätestens 2021) jetzt erklärt, das hat Stil. Ganz ohne den üblichen, technokratischen Merkel-Sprech räumt sie ein, das Bild der von Ihr geführten Großen Koalition sei "inakzeptabel". Sie wolle Ihrer Partei jetzt "Freiräume eröffnen" und ihre Ämter "in Würde verlassen". 

Es ist ein Rückzug auf Raten, angekündigt im allerletzten Moment. Denn Angela Merkels lange, beeindruckende politische Karriere drohte, in einer Tragödie zu enden: Im erzwungenen Abschied, sei es durch die eigene Partei, die ihrem Niedergang nicht mehr tatenlos zusehen mochte, sei es durch den Regierungspartner SPD, der ums politische Überleben kämpft und nur noch einen Mini-Schritt vom Koalitionsbruch entfernt ist.

Zuletzt war Merkels Rechthaberei nur schwer zu ertragen

Merkel hat sich politisch verbraucht. Sie hat dem Land und ihrer Partei nichts mehr zu geben. Dass sie jetzt den Weg frei macht, ist nobel. Aber die CDU wird lange brauchen, um sich von ihr zu erholen. Und Deutschland wird lange brauchen, um sich von ihrer Kanzlerschaft zu erholen. Mit preußischen Tugenden, mit Fleiß und Disziplin bis zur Selbstaufgabe, hat Merkel das Land durch all die Finanz-, Euro- und Flüchtlingskrisen der vergangenen Jahre gesteuert. Das verdient Anerkennung.

Aber sie hat auch Verwüstungen angerichtet. Ihre Politik der offenen Grenzen im Herbst 2015 und – noch schlimmer – ihr unfassbar lässiger Umgang mit den Folgen der Massenmigration: All das hat Deutschland gespalten, das gesellschaftliche Klima nachhaltig vergiftet. Es hat die AfD, die fast schon tot war, zur kleinen Volkspartei hochgezüchtet, die CDU fast ruiniert und einen Keil in die Europäische Union getrieben, der die Gemeinschaft in ihrer Existenz bedroht.

Angela Merkels politisches Kapital war aufgebraucht

Merkel wird nicht von der Bühne gejagt, sie geht erhobenen Hauptes. Ihre Würde hat sie gerade noch gerettet. Ob sie als politisch Gescheiterte geht, darüber werden später die Historiker urteilen müssen. Aber Stoßseufzer der Erleichterung begleiten ihren Abgang nicht nur in der CDU. Die technokratische Abgehobenheit dieser Kanzlerin, ihre Unfähigkeit zur großen politischen Erzählung, ihr mit zunehmendem Alter immer deutlicher zu Tage tretender Zug zu pampiger Rechthaberei – all das konnten auch wohlmeinende Zeitgenossen am Ende nur noch schwer ertragen.  

Merkel hat – nicht immer, aber viel zu oft – den Eindruck erweckt, die große alte CDU und letztlich auch das Wahlvolk störten sie beim Regieren nur. Das kann man eine Zeit lang machen. Aber in einer Demokratie ist das politische Kapital dann irgendwann aufgebraucht. Bei Angela Merkel ist das jetzt ohne Zweifel so.

Dass sie all diesen Gedanken zumindest zugänglich war, auch wenn sie viele davon nicht teilen mag, zeigt, dass sie eben doch mehr ist als nur eine Machtmaschine. Es zeigt, dass sie eine kluge Frau ist, die über sich und ihre Zeit hinausdenken kann. Eine Frau, die genau deshalb einen angemessenen Platz in den Geschichtsbüchern verdient hat.

Lindner gegen Merkel