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Pressestimmen

Deutsche Medien zum Rückzug: "Merkel hielt sich für unersetzbar. Sie ist es nicht"

Bundeskanzlerin Angela Merkel zieht sich auf Raten aus der Politik zurück: Erst gibt sie den Parteivorsitz ab, dann die Kanzlerschaft und ihr Bundestagsmandat. Die deutschen Medien zeigen sich von dem Schritt überrascht.

Bundeskanzlerin Angela Merkel wird nicht wieder als Parteivorsitzende der CDU kandidieren. Sie will Bundeskanzlerin bleiben, aber nach der Legislaturperiode kein politisches Amt mehr übernehmen. Mit dieser Ankündigung sorgt Merkel für einen Paukenschlag. So kommentieren deutsche Medien Merkels Rücktritt auf Raten: 

Frankfurter Allgemeine Zeitung

"Ihr (Merkels, Anm. d. Red.) Schritt, den Parteivorsitz abzugeben, ist damit zugleich ein erstes Zugeständnis an die Tatsache, dass es in der Politik eben nicht allein um die Sacharbeit geht, sondern auch um die Kraft der Symbolik. Auch wenn die Debatte, ob die Kanzlerin die Trennung von Parteivorsitz und Amt wirklich bis zum Ende der Legislaturperiode durchhalten könne und ob sie mit dem Parteivorsitz jetzt nicht das 'falsche Amt' abgebe, wie der FDP-Vorsitzende Christian Lindner es formuliert, den Erneuerungsdruck auf Merkel weiter aufrechterhalten wird."

Süddeutsche Zeitung

"Der Schritt passt eben doch zu jener Frau, die seit Beginn ihrer politischen Karriere stets betont nüchtern bis kalt mit Karrieren umging. Bislang bezog sich das stets auf die Karrieren anderer, jetzt gilt es auch für ihre eigene. Das ist nur konsequent und verdient Respekt. Auch wenn das auf den ersten Blick absurd klingen mag: Angela Merkel ist sich damit selbst treu geblieben."

Spiegel Online

"Es war höchste Zeit. Was hätten die Wähler sonst noch machen sollen, damit die in Berlin begreifen: es ist vorbei? Tomaten ans Kanzleramt werfen? Diese Bundeskanzlerin ist über ihre Zeit hinaus im Amt geblieben. Das war ein schwerer Fehler. Und ein Zeichen unentschuldbarer Hybris. In der Krise - aber wann ist keine Krise? - hielt Angela Merkel sich für unersetzbar. Sie ist es nicht."

Die Welt

"Dass Merkel die Hängepartie nun selbst beendet, dürfte für viele Mitglieder im CDU-Führungszirkel dennoch eine faustdicke Überraschung sein. Oft ist der Parteivorsitzenden in den vergangenen Jahren ja vorgeworfen worden, zu zögerlich zu handeln und sich zu wichtigen Entscheidungen eher treiben zu lassen, als sie selbst zu gestalten. Dies ist nun anders: Ob die Physikerin Merkel, bekannt als Taktikerin der Macht, mit dem jetzigen Schritt Erfolg haben und ihre Kanzlerschaft retten kann, ist allerdings noch offen."

Frankfurter Rundschau

"Ein Coup ist Merkels Entscheidung dennoch. Sie hat viele in der Partei überrascht, auch und vor allem ihre Gegner, die sich nun schnell sortieren müssen. Sie steht nun als Handelnde da, nicht als Getriebene und vor allem nicht als Vertriebene. Das ist immer noch die beste Option, wenn eine Niederlage einzuräumen ist."

RP Online

"Hätte Merkel nicht bis zuletzt die Ämtertrennung abgelehnt, wäre es jetzt leichter für sie und die Partei. Denn das Kanzleramt hat Merkel im Griff und sie gilt weiterhin als herausragende Persönlichkeit und Mittlerin auf der derzeit so schwierigen und problembeladenen internationalen Bühne. Es könnte nur einen weichen Übergang für die CDU nach Merkel geben, wenn die Partei – und Merkel selbst – die Ämtertrennung nun mit aller Energie zum Positiven wendet."

tkr