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ARD-"Wahlarena" Willkommen in Bullerbü! Baerbock gibt richtige Antworten auf drängende Fragen – doch lässt sich das bezahlen?

Annalena Baerbock erreicht die ARD-Wahlarena
Grüne-Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock erreicht die ARD-Wahlarena in der Kulturwerft in Lübeck
© Axel Heimken / DPA
In der ARD-"Wahlarena" stellte sich Annalena Baerbock den Fragen der Bürgerinnen und Bürger. Dabei ging es viel um persönliche Sorgen, die nur wenig mit der Allgemeinheit zu tun haben.

"Wir sind das Original", schickte der NDR-Chefredakteur Andreas Cichowicz, am ersten "Wahlarena"-Abend voraus, bevor er zusammen mit WDR-Chefredakteurin Ellen Ehni durch die Sendung führte. Die Aufgabe des Moderatoren-Duos bestand vor allem darin, aus den 65 anwesenden Menschen und den fünf per Videoscreen zugeschalteten Personen auszuwählen, wer eine Frage an die Grünen-Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock stellen durfte. Scheinbar kannten die beiden die Fragen aber auch nicht. Sonst hätte vielleicht jemand im Vorfeld darauf einwirken können, dass die Fragen zum einen kurz gehalten werden, zum anderen nicht nur persönliche Themen in erschöpfender Länge diskutiert werden sollten.

Ja zu Tempolimit 130

Ein Mann der im Vertrieb tätig ist, wollte von Baerbock wissen, ob sie als Kanzlerin am 130er Tempolimit festhalten wird. "Ja, das ist was, wofür ich mich stark machen werde", kam es wie aus der Pistole geschossen. Natürlich folgten dann einige Worthülsen, aber die Antwort war klar. Der Mann war damit aber nicht zufrieden, argumentierte eher fragwürdig, dass es ja kein Tempolimit bräuchte, weil ab 2030, wenn nur noch E-Autos zugelassen werden sollen, schon deswegen ein Tempolimit herrschen würde, weil die Autos nicht so leistungsfähig sind. Von der Grünen-Politikerin auf das eigene Fahrverhalten angesprochen, stellte der Vertriebsmitarbeiter dann noch klar, dass er untertags eh oft im Stau stehen würde. Aber die Freiheit nachts um 3 Uhr mit unbegrenzter Geschwindigkeit über die Autobahn zu brettern, die wolle er sich eben nicht nehmen lassen. Das war nur ein Moment von vielen, bei denen man sich an diesem Wahlkampfabend fragen konnte, was der einem als zuschauende Person nun eigentlich gebracht hat.

Pflegeberufe und Polizeidienst aufwerten

Nach dem Tempolimit ging es um mangelndes Personal und schlechte Arbeitsbedingungen in der Pflege und bei der Polizei. Die Lösung der Kanzlerkandidatin: Die Bedingungen verbessern, Mindestlohn zahlen, die 35-Stunden-Woche einführen. Außerdem auch Fachkräfte aus dem Ausland anwerben und diesen Prozess deutlich vereinfachen. Die Fragenstellerinnen und Fragensteller wirkten zufrieden und Annalena Baerbock ebenfalls. Weil sie die Antworten lieferte, die die Menschen dort hören wollten. Weil sie das tat, was Politikerinnen und Politiker im Wahlkampf eben so tun: Versprechen abgeben. Sie kam an diesem "Wahlarena"-Abend tatsächlich nicht ins Straucheln, selbst dann nicht, als ein Mann immer wieder auf einen möglichen Versorgungsengpass beim Strom vom 14. August zu sprechen kam, den er konsequent als "Stromausfall" bezeichnete. Großen Teilen der Bevölkerung dürfte der aber entgangen sein. Die Grünen-Politikerin hörte aufmerksam hin, ging immer auf die fragenstellende Person zu und bot mehrfach an, sich persönlich um ihre oder seine Belange zu kümmern. Bei einer Rollstuhlfahrerin kniete sie sich für die Beantwortung ihrer Frage nieder. Natürlich weiß Baerbock um die Macht solcher Bilder.

Wer zahlt das eigentlich alles?

Was sie nicht getan hat, was aber vielleicht nötig gewesen wäre: Erklären, dass diese Sendung und auch ihre Kanzlerinnenschaft kein Wunschkonzert ist. Natürlich gehört es zum Wahlkampf dazu, möglichst viel zu versprechen. Aber das Füllhorn, das Annalena Baerbock da über den Menschen im Studio auskippte, von schnellerem Internet an jedem Ort in Deutschland über stündliche Busfahrten in jedem Dorf bis hin zur bürgerlichen Versicherung, erinnerte auch an Bullerbü. Wer wäre denn, um mal beim Slogan der Grünen "Bereit, wenn ihr es seid" zu bleiben, nicht bereit für all diese Neuerungen? Was dabei vergessen wird: Irgendwer zahlt leider am Ende immer die Zeche. Passenderweise fragte kurz vor Sendungsende dann auch mal jemand nach, wovon das eigentlich alles bezahlt werden soll, was die Grünen da versprechen. Baerbocks Antwort: Einkommenssteuererhöhung um ein Prozent bei denen, die mehr als 200.000 Euro Jahresverdienst haben, Vermögenssteuererhöhung ab zwei Millionen Euro bei Freistellung von Betriebsvermögen und vor allem durch die Bekämpfung von Steuerbetrug. Ob das reichen wird, ist selbstverständlich vollkommen offen. Klar ist nur, die, die laut Baerbock für das Gemeinwesen am meisten zahlen sollen, die fanden sich vermutlich nicht in der "Wahlarena".

Irritierende Fragen und Behauptungen

Und deswegen fragten viele auch nicht nach Themen, die die Gesamtgesellschaft betreffen, sondern teilweise irritierende Sachen, die leider kommentarlos übergangen wurden. Ein zugeschalteter Mann aus München wollte etwa wissen, was Baerbock gegen die "Uran-Munition, die die USA über uns verschießen" tun wird. "Ich weiß nicht genau, was Sie meinen", antwortete Baerbock und konzentrierte sich auf ihren Wunsch nach nuklearer Abrüstung und einer "aktiven europäischen Außenpolitik". Das ginge am besten "aus dem Kanzlerinnenamt" heraus und kurz muss man schon grinsen, dass sie es doch geschafft hat, diesen Terminus in ihren Antworten unterzubringen. Baerbock gab sich volksnah, schreckte aber doch vor klaren Worten zurück, als eine junge Frau ihr erklärte, dass die Coronaimpfung ja vielleicht doch nicht so sicher sei, die 2G- Regel, die die Grünen wollen, zu einer Zwei-Klassen-Gesellschaft führen könnte. Hinter der 2G-Regel stehe sie, erklärte Baerbock, auf die Impfkritik ging sie nicht ein.

Baerbock denkt an Familien

Dafür war sie es aber selbst, die immer wieder auch das Thema Familien und Kinder ansprach. Denn bis auf eine Mutter im Publikum spielten Familien mal wieder bei all den Fragen aus der Bevölkerung kaum eine Rolle. Stattdessen ging es um Probleme beim Lesen von Verbraucherinformationen auf Produkten, Tierwohl bei Industriebauern oder die Hoffnung einer Gästin, dass sie als Heilpraktikerin Psychotherapie anbieten kann, die von den gesetzlichen Krankenkassen bezahlt wird. Natürlich lassen sich diese Themen irgendwie abstrahieren und auf ein allgemeines Interesse runterbrechen. Aber an der Stelle wäre eine Moderation, die die sehr individuell vorgetragenen Probleme zusammenfasst, damit die Beantwortung für möglichst viele Zuschauende Klärung bringt, wünschenswert gewesen.

Jede Stimme hilft

Die Fragen an die Kanzlerkandidatin waren stark geprägt von dem Gedanken, was Baerbock für jeden Einzelnen der dort Anwesenden tun könne. Es ging leider weniger um das große Ganze, darum, was gut für viele sein wird und das Leben der Meisten bereichern könnte. Diese Abstraktion übernahm Annalena Baerbock so gut es ging, sie versuchte persönlich zu antworten und gleichzeitig das Wahlprogramm ihrer Partei bestmöglich zu verkörpern. Sie fragte nach, was leider auch dazu führte, dass insgesamt eher wenig Fragen gestellt werden konnten. Das symbolisierte Nähe, Zuhören und "da sein". Und doch, ihre Bereitschaft sich mit einigen der Fragenden nach der Sendung zu vernetzen, das stieß unangenehm auf. Weil diesen Angeboten ein Geschmäckle von "jede Stimme hilft" anhaftet, statt eben auf möglichst viele zu schauen. Aber genau das, die Mehrheit im Blick haben, das ist auch die Aufgabe einer Kanzlerin. Annalena Baerbock versprach, dass "Politik über sich hinauswachsen" muss und das unter ihrer Führung tun wird. Ob all die an diesem Abend gemachten Wahlversprechen dazu beitragen, bleibt abzuwarten.

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