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Bundestagswahl 2021 Scholz und Baerbock – ein Leben auf zwei Planeten

Annalena Baerbock im roten Kleid und Olaf Scholz im blauen Anzug
Annalena Baerbock und Olaf Scholz während einer Diskussionsveranstaltung des Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft in Berlin
© Clemens Bilan / Getty Images
Diese Woche verriet viel über die Kampagnen der beiden Kanzlerkandidaten – der Finanzminister feierte einen Erfolg in den USA, Annalena Baerbock kämpfte erneut um ihren Ruf. Die eine steigt ab, der andere schreitet gelassen über die Weltbühne.

Blicken wir diese Woche einmal auf zwei der drei Kandidaten für das Kanzleramt, auf Olaf Scholz und Annalena Baerbock. Sie lebten und erlebten die Woche auf zwei Planeten. Scholz als Finanzminister in den USA, im geübten Spaziergang auf der Weltbühne, Baerbock wurde tief zwischen die Absätze eines Buches gezogen, in dem sie die Welt erklären wollte. Scholz gab sich ganz als großer Staatsmann, der mit Notenbankchefs und Finanzministern auf Augenhöhe redet und eine globale Steuerrevolution anschiebt. Baerbock, die eigentlich mal vom Völkerecht kam, wurde noch mal kleiner, weil sie größer werden wollte.

Die so genannte "Plagiats-Affäre" finde ich im Kern ein wenig erbärmlich. Das ist demütigend für Baerbock, aber auch für uns, denn man muss sich ja schon fragen: Wie konnte es so weit kommen, dass wir uns auf diesem Niveau, auf Copy-Paste-Ebene, befinden? Wenn Baerbocks Stern sinkt, sinkt man ein bisschen mit. Denn eigentlich will man sich mit ihr über andere Dinge streiten.

Baerbock wird seziert

Die Passagen als "Plagiat" zu bezeichnen, ist hart, ein wenig schäbig, auch wenn das Buch nun ganz auseinandergenommen werden soll. Warum nur hat sie es geschrieben? Im Kern geht es um das Muster, das die Kanzlerkandidatin beschädigt: dass Baerbock größer sein wollte und sich kleiner machte. Die diebische Freude ihrer Gegner ähnelt nun der, wenn die Klassenbeste beim Abschreiben erwischt wird.

Die Vorstellung, dass sie oder ein Ghostwriter per "Copy Paste" Textpassagen von der Bundeszentrale für politische Bildung rüber zieht, will man nicht haben, ist aber kein Vergehen. Haben viele mal gemacht, in der Oberstufe oder im Grundstudium. Macht man auch als Journalist, wenn man sich drei, vier Zahlen in den Text holt – dann aber wird besser wieder selbst formuliert. Nur: Wir bewerben uns auch nicht ums Kanzleramt, das für Baerbock plötzlich sehr weit weg scheint.

Die harschen, wütenden Reaktionen der Grünen zeigen, wie überfordert sie inzwischen sind, wie blank die Nerven liegen. Da entstehen Opfernarrative, man werde zu hart angegangen und mit Schmutz beworfen, weil man bestehende Strukturen bedrohe. Unsinn. Die Grünen werden hart angegangen, weil sie das Kanzleramt erobern und danach das Land umkrempeln wollen – und dafür eine Kandidatin auserkoren haben, die zwar sympathisch und frisch ist, aber in ihrer Bewegung wie die Gamestop-Aktie. Steil hoch und wieder runter – gab es also eine grüne Blase? Dennoch muss man feststellen: Baerbock wird seziert, härter angegangen als frühere Kandidaten, auch damals als Peer Steinbrück, der seine Kanzlerträume mit einem Mittelfinger beerdigte.

Um Größe ging es auch in den USA, bei Olaf Scholz, und es ist eine rätselhafte, aber beständige Größe, die sich nach außen als zuverlässig und standfest zeigt. Zu Baerbock schwieg der Kandidat der SPD vornehm, auch wenn man gerne ein Zentimetermaß an sein Grinsen angelegt hätte, das er immer wieder zeigte.

Annalena Baerbock, Kanzlerkandidatin der Partei Bündnis 90/Die Grünen, stellt sich den Fragen in der Gesprächsreihe "Brigitte Live".

Scholz' Erfolg

Was Scholz in Washington präsentierte, ist in der Sache ein Meilenstein: 130 Länder bekennen sich zu einer globalen Mindeststeuer, 15 Prozent, weltweit, es ist auch Scholz‘ Projekt, daran arbeitet er, wie er sagt, seit er Finanzminister ist. Sollte das Projekt auf dem Treffen der G20 in Venedig am nächsten Wochenende verabschiedet werden, wäre das auch sein Erfolg. Scholz sprach von einem "kolossalen Fortschritt", und das vor gut gewählter Kulisse, dem Kapitol. Das ist seine Botschaft seit Wochen: Ich mache das hier, ich regle das, ich führe, ich sorge als Finanzminister für dies und das, für Demokratie und Gerechtigkeit, für alles, was die Welt zusammenhält. Ergo: Es gibt nur einen, der Kanzler kann, und das ist der Vizekanzler.

Das ist sehr weit weg von der grünen Mitbewerberin, die Schönheitsfehler der Show sieht man nur aus der Nähe: Scholz verkündet den Deal am Donnerstag  an einer Straßenecke, leider an der Rückseite des stolzen Kapitols, das von Zäunen und "Area Closed"-Schildern umstellt ist. Fünf Meter hinter Scholz leuchten Baustellenhütchen, die extra umgestellt wurden, gerade fuhr noch ein Bagger vorbei, links mäht ein Gärtner den Rasen des Supreme Courts. Dass der ja nicht seine Kurve zieht, wenn Scholz die Revolution verkündet!

Und als Scholz mit Entourage zu Fuß abkommt, frisch von Gesprächen mit Kongressleuten und dem Senator von Delaware, Chris Coons, und vom Durchbruch spricht, vom Ende des Steuerwettlaufs nach unten, mäht der Mann natürlich seine Kurve, dazu röhrt im Hintergrund hinter den "Area Closed"-Zäunen ein Mann mit einem Laubpuster und übertönt Scholz. Der lässt sich nichts anmerken, pariert Nachfragen zu Amazon und Ausnahmen für britische Banken, sagt danach alles nochmal auf Englisch. Breakthrough, success, race to the bottom. Kann er.

... wenn da nicht die SPD wäre

Und darum geht es in dem Moment: dass Scholz hier ein paar Minuten vor Kameras steht, neben dem Supreme Court und hinter ihm die Kuppel des Kapitols. Da stören der Laubpuster nicht, und auch nicht die Nachfragen der Journalisten, warum die offiziellen Termine im Programm so rar sind – und warum es keinen gemeinsamen Auftritt mit US-Finanzministerin Janet Yellen gibt. Was tut er hier wirklich, und was ist Inszenierung? Schwierige Frage, das Bild und das Ergebnis zählen.

Es ist eine ganz andere Flughöhe und Bewegung als bei Baerbock und zwar seit Wochen: unbeirrt und unbekümmert, aber auch unwirklich. Ohne Ausreißer, aber auch ohne Abgründe. Scholz’ Werte sind gut, die der SPD eher auf Mindeststeuerniveau. Fragen wie "Herr Scholz, jetzt mal ehrlich: Wie wollen Sie Kanzler werden mit 14 oder 15 Prozent?", grinst er weg. Er ist das, was bleibt, wenn Merkel weg ist, nur mit mehr Leadership, mehr Anpacken. Das ist die Story: Er kann 100.000 Wohnungen in Hamburg bauen lassen und es mit Amazon aufnehmen. Darüber, so das Kalkül seiner Strategen, werden die Leute an der Wahlurne nochmal nachdenken, und dafür reichen gut 20 Prozent, wenn die Grünen drunter liegen und man die FDP gewinnt. Die auf den ersten Blick absurde Vorstellung, er würde Kanzler, wird dann plötzlich ein wenig wahrscheinlicher. Könnte klappen.

Bleibt zum Schluss die Frage: Was macht eigentlich der "Deutschlandfonds" von Armin Laschet, der ja Teil eines "Modernisierungsjahrzehnts" sein sollte? Egal, ein anderes Mal.

Der Text ist zunächst auf capital.de erschienen. Capital erscheint wie der stern im Verlag Gruner + Jahr.


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