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TV-Kritik

"Anne Will": Olaf Scholz hat "keine Zeit" für den SPD-Parteivorsitz

Anne Will ändert wegen des Rücktritts von Andrea Nahles das Thema ihrer Sendung. Statt Klimapolitik stand die Zukunft der Groko auf der Agenda. Eine in der Runde machte da nicht mit. Und Olaf Scholz gab Überraschendes bekannt.

Von Sylvie-Sophie Schindler

Ließ sich zu Andrea Nahles' Rücktritt nicht aus der Reserve locken: Olaf Scholz

Ließ sich zu Andrea Nahles' Rücktritt nicht aus der Reserve locken: Olaf Scholz

Leider, liebe Frau Nahles, gelang es auch Anne Will nicht, mit Ihrem Rücktritt eine ganze Stunde zu bestreiten. Sie sind eben nicht der Klimawandel und scheinen daher nicht genug Stoff zu bieten. Oder mit den Worten eines Users aus dem Forum zur Sendung ausgedrückt: "Ohne Phrasen wäre die Sendung in fünf Minuten vorbei." Aber bitte deshalb nicht ärgern. Um mit Ihren Worten zu sprechen, hoffentlich gibt's deshalb nichts in die Fresse.  Eigentlich war ein anderes Thema vorgesehen: "Schlechtes Klima - wird die GroKo jetzt grüner?" Doch dann kam die Meldung, Andrea Nahles sei von ihren Ämtern als SPD-Vorsitzende und Fraktionschefin zurückgetreten. Die Frage an die Gäste lautete deshalb: "Wie geht es weiter mit der Groko?".

Die Gästeliste bei "Anne Will":

  • Olaf Scholz (SPD), Vizekanzler und stellvertretender Parteivorsitzender
  • Norbert Röttgen (CDU) Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses des Deutschen Bundestages
  • Luisa Neubauer, "Fridays-for-Future"-Aktivistin
  • Cerstin Gammelin, stellvertretende Leiterin des Parlamentsbüros der "Süddeutschen Zeitung"
  • Claudia Kade, Ressortleiterin für Politik bei der "Welt"


Luisa Neubauer und Cerstin Gammelin waren die Einzigen, die es von der alten Gästeliste in die neue schafften. Dagegen schien der zum ursprünglichen Thema eingeladene Philipp Amthor nicht mehr gefragt zu sein. Andere wurden für die größeren Spezialisten gehalten. Mag sein. Letztlich aber hätte so ziemlich jeder, der gut darin ist, viel zu reden und nichts zu sagen, auf dem Talkshow-Sessel Platz nehmen können. Die Chance, über Inhalte zu reden, wurde mal wieder vertan. Erwartungsgemäß setzte sich Neubauer zwar für "ihr" Thema, die Frage der Klimapolitik, ein. Aber auch diese blieb weitestgehend unbeantwortet - obwohl es minutenlang um nichts anderes ging. Die beiden Politiker strengten sich an, den Eindruck zu machen, dass ihnen das Klima zwar verdammt wichtig sei. Sicherlich nicht das Verkehrteste. Klare Antworten vermieden sie trotzdem.

Ostdeutschland bewegen andere Themen

Aber wo nur blieben die anderen Themen? Wie die Wahlergebnisse aus den östlichen Regionen im Land gezeigt haben: Klimapolitik allein reicht nicht aus. Dazu Claudia Kade: "Im Osten gibt es andere Themen als den Klimahype." Ihre anderen Stichwörter: Arbeit, Rente, Pflege, Krankenkasse. Das wären weitere Belange der Deutschen. Ach so, ja, es geht immer noch um das Personal. Anne Will ließ sich freilich nicht davon abhalten, bei Olaf Scholz nachzufragen, ob er "es macht". "Nein", sagte der, er habe, beansprucht von seinen Ämtern, schlicht keine Zeit, um in die Nahles-Fußstapfen zu treten. Aber weil der Olaf schon mal da ist und weil er so gut mit der Andrea befreundet ist, vielleicht lässt sich wenigstens die eine oder andere Vertraulichkeit aus ihm herauspressen.

"Nein", sagte er auch da. Er breite nichts in der Öffentlichkeit aus, was er mit der Andrea unter vier Augen besprochen habe. Nur so viel: Sie habe es sich nicht leicht gemacht und er, der Olaf, sei voller Trauer, die stecke noch "in allen Kleidern". Und zwar massiv. Außerdem: Der frauenfeindliche Anteil in der Kritik an Nahles dürfe nicht vorkommen "in dieser Zeit". Cerstin Gammelin kritisierte außerdem, dass Nahles nun als alleinige Verantwortliche "für das Desaster" dastehe. Kade nannte die SPD in Bezug auf ihren Umgang mit dem Spitzenpersonal "die brutalste Partei, die wir in Deutschland" haben. Scholz beteuerte, er habe Nahles "nicht den Rückhalt verweigert".

Zwischendurch ein Blick in die User-Kommentare mit dem Tenor: Worüber reden Sie da, Frau Will?

Olaf Scholz und Norbert Röttgen gezeichnet von Rezo

Bei Scholz und Röttgen schien Rezos Video seine Spuren hinterlassen zu haben. Beide begaben sich in die Rolle desjenigen, der viel aufzuholen hat. Scholz zur Klimapolitik: "Da muss man nicht drum herumreden, das genug geschehen wäre, das kann niemand behaupten." Und grundsätzlich: "Wir müssen mit Taten was zustande bringen." So auch Röttgen: "Wir müssen beweisen, dass wir den Schuss gehört haben." Es mangle an Ernsthaftigkeit und Fokussierung. "Wir brauchen neuen Schwung." Wie wahr. Dem ist nichts hinzuzufügen.

"Jetzt macht's hoffentlich nicht der Olav Scholz" – sehen Sie Twitterreaktionen auf Andrea Nahles Rücktritt im Video:

Andrea Nahles und Martin Schulz sitzen beim SPD-Sonderparteitag 2018 zusammen