VG-Wort Pixel

Anti-Atom-Plakette Die Rückkehr der lachenden Sonne


Das berühmte Anti-Atomkraft-Logo erlebt eine gewaltige Renaissance - sogar die "Bravo" verbreitet ein Poster mit der lachenden Sonne. Ernstes politisches Bekenntnis oder Lifestyle-Trend?
Von Carsten Heidböhmer

Es war in den 80er Jahren das meist verwendete Logo: Die lachende Sonne, umrandet von dem Schriftzug "Atomkraft? Nein Danke" wurde in mehr als 40 Sprachen übersetzt und Schätzungen zufolge bis heute 20 bis 30 Millionen Mal reproduziert. Und es spricht vieles dafür, dass dieses Logo noch sehr häufig gedruckt werden muss.

Denn schon seit vergangenem Jahr erfährt die deutsche Anti-AKW-Bewegung großen Zulauf. Damals hatte die Bundesregierung den Atomkonsens aufkündigt, kurz darauf rollten Castor-Transporte ins Wendland. Rund 50.000 Menschen demonstrierten gegen die strahlende Fracht - so viele wie seit Jahren nicht mehr. Seither ist es wieder chic geworden, den Anti-AKW-Button zu tragen.

800 Bestellungen pro Tag

Durch das Reaktorunglück von Fukushima ist das Anti-Atom-Symbol nun endgültig in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Die Facebook-Seite "Gegen Atomkraft" konnte in wenigen Tagen mehr als 80.000 Unterstützer einsammeln, zigtausende Mitglieder des sozialen Netzwerks haben sich die gelbe Sonne auf ihr Profilfoto kopiert. Schwierig wird es dagegen, will man seine edle Gesinnung in der realen Welt zur Schau tragen: Aufkleber, Fahnen oder Buttons mit der roten, lachenden Sonne sind knapp geworden. Nach Angaben der Anti-Atom-Initiative "ausgestrahlt" sind in den vergangenen zwei Wochen bis zu 800 Bestellungen pro Tag eingegangen. Normalerweise seien es 10 bis 20. Aufgrund der gewaltigen Nachfrage gibt es inzwischen Lieferengpässe.

Der Siegeszug des Anti-AKW-Symbols macht nicht einmal vor deutschen Kinderzimmern halt. In der aktuellen Ausgabe der Teenie-Postille "Bravo" liegt ein großes "Atomkraft? Nein Danke"-Poster bei. Es ist das erste Mal, dass die Zeitschrift ein politisches Poster druckt. Damit wolle man dem großen Interesse der Jugendlichen an diesem Thema nachkommen: "Mit dem Poster sprechen wir unseren Lesern aus dem Herzen", begründet Chefredakteur Philipp Jessen die Aktion.

Geigerzähler sind ausverkauft

Doch was ist das Anliegen der vielen Atomgegner? Ist es Angstempfinden, politisches Bewusstsein - oder doch nur ein aktueller Modetrend? Es dürfte wohl ein bisschen von allem sein. Dass der Angstfaktor eine Rolle spielt, zeigt die Tatsache, dass der Verkauf von Geigerzählern in Deutschland stark angestiegen ist. Hersteller berichten von leergekauften Sortimenten - und das bei Preisen von 300 bis 500 Euro. Bedenkt man, dass in Europa gar keine akute Strahlenbelastung vorliegt, kann man das schon als Zeichen von Hysterie werten.

Wie es aussieht, wenn Anti-AKW-Symbolik vom Lifestyle adaptiert wird, konnte man schon 2009 auf der Berliner Fashion Week sehen. Damals schickte der Designer Michael Michalsky Models mit "Atomkraft? Nein Danke!"-Shirts auf die Straße statt auf den Laufsteg. "Mir ist aufgefallen, dass die Leute im Bio-Supermarkt gar nicht bio aussehen", erklärte Michalsky damals seine Idee im Gespräch mit stern.de. Sein Vorhaben kam jedoch nicht bei allen gut an: Vor allem Linke befürchteten, der Designer setze die Glaubwürdigkeit der Botschaften aufs Spiel. Denn wer sich für Preise um die 50 Euro ein Anti-Atomkraft-Shirt kauft, tut das in erster Linie, weil es schick ist und nicht, weil er die Bewegung unterstützten will. Geschadet hat es jedoch auch nicht: Wie man heute sieht, hat der gelbe Sticker alle Versuche, in ein modisches Accessoire umgewidmet zu werden, unbeschadet überstanden.

"Es entsteht die Bereitschaft, aktiv zu werden"

Ein Großteil der Menschen, die sich dieser Tage mit Anti-Atomkraft-Insignien eindecken, tut dies aus politischem Antrieb. Davon ist jedenfalls Jochen Stay überzeugt, Sprecher der Initiative "ausgestrahlt". Im Gespräch mit stern.de will er von einer Modeerscheinung nichts wissen: "Die Ereignisse in Japan bewegen die Leute, es entsteht die Bereitschaft, aktiv zu werden." Die Aktion der "Bravo", die lachende Sonne als Poster beizulegen, sieht er als klares "Zeichen dafür, dass sich gesellschaftlich etwas verschiebt". Der Jugendforscher Klaus Hurrelmann wittert gar eine Repolitisierung der jüngeren Generation, wie er dem "Zeit"-Magazin sagt.

Aber: Ein Anti-AKW-Button ist flott ans Revers geheftet, ein "Gefällt mir" bei Facebook leicht geklickt. Doch wie nachhaltig sind diese Bekundungen? Gerade bei der Debatte um Karl-Theodor zu Guttenberg zeigte sich, dass zwar schnell eine halbe Million Sympathisanten im Netz die Solidarität mit dem inzwischen zurückgetretenen Verteidigungsminister erklärt, wenn es aber darum geht, den Protest auf die Straße zu tragen, bleiben nur wenige hundert Anhänger übrig.

Mahnwachen an 726 Orten

Doch es spricht einiges dafür, dass es sich bei den Anti-AKW-Protesten anders verhält. Denn hier handelt es sich um eine seit Jahrzehnten gewachsene Bewegung, die in ganz Deutschland vertreten ist, in allen Teilen des Landes gibt es Demo-erprobte Ortsgruppen. Schon im vergangenen Herbst zeigte sich, dass die Bewegung lebt und einsatzbereit ist. Dass Fukushima den Protesten einen neuen Schub gibt, hat Stay in den letzten zwei Wochen erlebt: Innerhalb von 48 Stunden hatten sich in 450 Orten Deutschlands Mahnwachen gebildet, eine Woche später waren es schon 726 Orte, wo Menschen gegen Atomkraft demonstrierten. Für die in verschiedenen Orten Deutschlands für Samstag angekündigten Groß-Anti-AKW-Demos werden über Hunderttausend Teilnehmer erwartet.

Geht es nach Jochen Stay, so hält diese Bewegung noch lange an. Denn er kämpft weiter für den kompletten Ausstieg aus der Kernenergie in Deutschland. Erst dann hat auch der Sonnen-Sticker seine Schuldigkeit getan.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker