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Arbeit für Flüchtlinge So finden Asylbewerber in Deutschland einen Job


Viele Asylbewerber in Deutschland wollen arbeiten, doch nur wenige bekommen einen Job.  Ein Grund ist die Bürokratie. Hoffnungslose Lage? Diese neuen Initiativen wollen den Asylbewerbern schneller zu einer Arbeit verhelfen.
Von Beke Detlefsen

Wenn Shaikh Tajuddin von der Macht der Gewürze, Kräuter und exotischen Früchte seiner pakistanischen Heimat berichtet, beginnen seine Augen hinter der kantigen Brille zu leuchten. Der Redefluss ist kaum zu stoppen. Die jahrhundertealten Traditionen der Mogul-Küche sind sein Spezialgebiet. Sein Wunsch ist es, dieses Wissen weiterzugeben. "Wenn ich mit anderen Menschen koche, fühle ich mich lebendig und gebraucht", sagt der 47-jährige Pakistaner. "Ich glaube jeder hat eine Gabe, ein Talent. Meine ist das Kochen, und die möchte ich in Deutschland mit den Menschen teilen."

Kein Problem sollte man meinen. Shaikh Tajuddin ist ein studierter Mann und hoch motiviert, sich seinen Lebensunterhalt mit seiner Leidenschaft selbst zu verdienen. Doch er ist Asylbewerber - und hier beginnen die Schwierigkeiten.

Der deutsche Behördendschungel

Nach Prognosen der Bundesregierung werden dieses Jahr deutlich mehr Flüchtlinge nach Deutschland kommen als bisher gedacht. Der Chef der Bundesagentur für Arbeit (BA), Frank-Jürgen Weise, fordert eine bessere finanzielle Unterstützung seiner Behörde, die den hohen Flüchtlingszahlen schon jetzt kaum gewachsen ist. Auch eine Vereinfachung der Abläufe hält er für dringend notwendig. Denn wer in Deutschland bleiben möchte, den erwarten ein veraltetes Asylverfahren und ein Behördendschungel. Für viele ist es auf diese Weise so gut wie unmöglich, Arbeit zu finden.

So wie Kareem Alkteeb* aus Syrien. Der 27-Jährige ist vor dem Bürgerkrieg geflohen und seit fünf Monaten in Deutschland. Der schlanke, hoch gewachsene Mann mit Glatze und gepflegtem Dreitagebart hat in Damaskus Ingenieurwesen studiert. Mit dem Arbeiten hätte er am liebsten gleich nach der Ankunft angefangen. Stattdessen verließ er den Termin, auf dem er seinen Asylantrag stellte, ohne Perspektive und mit großer Ungewissheit.

"Ein mühsamer Weg"

Ein Pilotprojekt in Berlin will genau diesen ersten Kontakt zwischen Flüchtling und Behörde stärker nutzen. Seit Anfang August sind zwei Mitarbeiterinnen der BA im Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) in Spandau eingesetzt, die die beruflichen Qualifikationen der Bewerber sofort ermitteln und entsprechende Beratung leisten sollen. "Diese Möglichkeit wird bisher gut angenommen", sagt Oliver Kurz von der Regionaldirektion Berlin-Brandenburg der BA. "Wir hatten in der ersten Woche täglich circa 20 Teilnehmer, von denen viele sagen, so ein Beratungsangebot sei der beste Willkommensblumenstrauß. Aber es muss noch einiges mehr passieren. Weitere Hürden müssen abgebaut werden."

Hinzu kommt nämlich: Wer in Deutschland einen Asylantrag stellt, darf die ersten drei Monate nicht arbeiten. Nach dieser Frist entscheidet die Ausländerbehörde, ob jemand eine Arbeitserlaubnis bekommt. Voraussetzung dafür ist, dass die Arbeitsaufnahme ausreichend begründet, die nötigen Formulare eingereicht und verschiedene Kriterien erfüllt wurden. So gibt die Behörde innerhalb der ersten 15 Monate Aufenthalt zum Beispiel nur dann ihre Zustimmung, wenn die sogenannte Vorrangprüfung erfolgt ist: Kein EU-Bürger oder regulärer Arbeitsloser in Deutschland darf für den Job eher in Frage kommen. 

"Es ist ein mühsamer Weg und wahnsinnig kompliziert, wenn man helfen möchte", sagt Cornelia Schulze, Inhaberin des Café May am Ufer in Berlin-Neukölln, in dem Shaikh Tajuddin nach vielen Ämterbesuchen auf Minijob-Basis ein wenig Geld verdienen darf. "Die Ausländerbehörde ist überfordert, es gibt keinen freien Termin."

Vor einigen Monaten lernte Shaikh Tajuddin Cornelia Schulze kennen, die ein Start-up für Flüchtlinge gründen will. Mit ihr zusammen plant der ehemalige Unternehmer, der in Pakistan als Importeur arbeitete, nun weitere Projekte: Die Vorbereitungen für Kochkurse und einen Mini-Shop mit eigenen Gewürzen im Café May sind im vollen Gange. "Ich habe großes Glück gehabt", sagt er, der in seinem Heimatland von politischer Verfolgung bedroht ist. "Ich habe Leute gefunden, die mir helfen, auf meinen eigenen Beinen zu stehen. Ich muss Gott und den Menschen dafür danken."

Deutschlands große Chance

Gelareh Sadatakhavi aus dem Iran hat nach drei Jahren in Deutschland noch immer keine Arbeit gefunden. Die 44-Jährige hat als studierte Hebamme viele Jahre in Teheran gearbeitet. Hier ist sie in einer aussichtslosen Spirale gefangen: "Die Ausländerbehörde sagt mir, wenn ich einen Arbeitgeber finde, könnte ich die Erlaubnis zum Arbeiten bekommen. Die Krankenhäuser aber wollen mich ohne Arbeitserlaubnis nicht einstellen. Das verstehe ich einfach nicht. Deutschland braucht doch Hebammen."

Viele Branchen beklagen einen Mangel an Arbeitskräften. Auch dieses Jahr werden eine Menge Ausbildungsplätze unbesetzt bleiben. "Für die hiesige Wirtschaft sind die zu uns kommenden Menschen eine große Chance, bringen sie doch Qualifikationen und Kompetenzen mit, die benötigt werden", sagt Constantin Terton, Bereichsleiter Wirtschaftspolitik der Industrie- und Handelskammer (IHK) Berlin. "Wir müssen den Menschen, die länger bei uns bleiben werden, eine Perspektive bieten."

Die IHK Berlin hat bereits im Juni zehn Vorschläge veröffentlicht, die das Aufnahmeverfahren von Flüchtlingen beschleunigen und ihre Integration in den deutschen Arbeitsmarkt erleichtern sollen. So verlangt die Kammer zum Beispiel eine bessere Vernetzung zwischen den Institutionen, die teilweise noch über einfache Papierzettel erfolgt. Außerdem fordert auch sie, dass die beruflichen Kompetenzen der Asylbewerber möglichst frühzeitig ermittelt werden.

"Eine Frage der Zeit"

Vorhaben, an denen die Arbeitsagentur in Berlin fleißig bastelt. Neben dem Modellprojekt in Spandau läuft die Iniative "Early Intervention". Bis Ende des Jahres unterstützt sie qualifizierte Asylbewerber bei der Anerkennung von Abschlüssen und der Suche nach Sprachkursen. Ab dem 1. September richtet die Arbeitsagentur außerdem eine zentrale Beratungsstelle für ausländerrechtliche Fragen ein. Ein speziell geschultes Team soll dort Asylbewerbern und auch Unternehmen zur Seite stehen.

Denn viele Firmen sind durchaus bereit, Flüchtlinge einzustellen. Die Ende Juli gestartete Internetplattform "workeer" versucht, Asylbewerber an Unternehmen zu vermitteln. Die Nachfrage war von Beginn an riesig. Fast 700 Nutzer haben sich mittlerweile registriert. Kareem Alkteeb ist einer davon. Bisher waren seine Versuche aber erfolglos. "Wir haben leider noch keinen Vermittlungserfolg gehabt", geben die Erfinder der Plattform, David Jacob und Philipp Kühn, zu. Doch sie sind zuversichtlich: "Das ist nur eine Frage der Zeit. Die formalen Abläufe sind einfach sehr aufwendig. Allein die Zustimmung von der Ausländerbehörde kann vier bis sechs Wochen dauern."

Aufgeben ist keine Option

Kareem Alkteeb und Gelareh Sadatakhavi suchen weiter nach Unternehmen, die bereit sind, sich dem Behördendschungel zu stellen. Sie machen Sprachkurse, um ihre Chancen zu erhöhen. "Diese Situation ist schrecklich für mich. Ich hatte immer eine Stelle, und nun fühle ich mich so nutzlos. Ich schäme mich vor meinen Kindern. Aber ich versuche trotz der vielen verschlossenen Tore optimistisch zu bleiben. Man muss kämpfen", sagt Gelareh Sadatakhavi, die mit Sohn und Tochter auf dem gefährlichen Weg durch die Türkei nach Deutschland geflohen ist.

Auch Kareem Alkteeb, der seine Verlobte und eine neunköpfige Familie in Syrien zurück lassen musste, sieht sich als Kämpfer: "Die Angst ist immer da. Ich fühle mich sehr verloren und weiß nicht was passieren wird, aber ich gebe nicht auf. Die vielen Projekte und Träume in meinem Kopf, ich habe so viel zu geben und möchte arbeiten." Beide versuchen in Deutschland ein neues Leben zu beginnen und hoffen wie Shaikh Tajuddin, dass ihr Asylantrag bald anerkannt wird.

Eine Rückkehr in ihre Heimatländer ist für alle drei keine Option. "Wenn mein Antrag abgelehnt wird, springe ich vielleicht in den Fluss", sagt Shaikh Tajuddin, und man glaubt ihm sofort, "Wenn ich nach Pakistan zurückgehe, bedeutet das den Tod für mich. Überleg doch mal: Was für eine Situation lässt dich deine Heimat verlassen? Das macht kein Mensch einfach so."

*Name geändert.


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