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Arbeitsmarkt: Die Mär vom Mindestlohn als Jobkiller

Die SPD will keinen Lohn in Deutschland unter 8,50 Euro je Stunde - und stößt auf erbitterten Widerstand. Doch Mindestlöhne zerstören keine Jobs, zeigen Studien. Die meisten Ökonomen ignorieren das.

Von Andreas Hoffmann

Als die Mehrheit der fünf Wirtschaftsweisen kürzlich davor warnten, einen gesetzlichen Mindestlohn von 8,50 Euro einzuführen, weil der viele Jobs zerstören würde, taten die Ökonomen etwas, was in ihrer Zunft weit verbreitet ist. Sie verweigern sich der Wirklichkeit. Seit Jahren reden die Politiker über den Mindestlohn, und seit Jahren sagen die Wirtschaftswissenschaftler: "Bringt nichts, gefährdet Jobs, schadet der Wirtschaft." Nur belegen können sie ihre Behauptungen nicht. Denn viele Studien zeigen, dass Mindestlöhne kaum Arbeitsplätze zerstören.

In den Vereinigten Staaten hat ein Team um den kalifornischen Professor Michael Reich die Folgen untersucht. Dort gilt ein bundesweiter Mindestlohn, den einzelne Länder und Städte durch eigene Mindestlöhne aufstocken. Was passiert nun, wenn eine Region die Löhne anhebt und der Nachbarbezirk nicht? Fallen dann Stellen weg, müssen Firmen schließen? Die Forscher werteten Daten von 1990 bis 2006 aus 66 Landkreisen aus und fanden – nichts. Höhere Mindestlöhne "führen nicht zu kurz- oder langfristigen Jobverlusten bei Niedriglohntätigkeiten", schrieben sie. Britische Wissenschaftler kamen zu ähnlichen Ergebnissen. Der Mindestlohn gilt dort seit 1997, aber einen Schaden haben die Oxford-Ökonomen um Peter Dolton auch zehn Jahre später nicht ermittelt.

Der Beweis fehlt

In Deutschland wurde ein Mindestlohn erstmals 1997 eingeführt, im Baugewerbe. Damals warnten die Experten, das könne nur schiefgehen. Jeder vierte Bauarbeiter im Osten verdiente seinerzeit weniger als die anfangs vorgeschriebenen acht Euro Mindestlohn. Doch es ging nichts schief, nicht im Osten, nicht im Westen. Experten der drei Forschungsinstitute IAB, RWI und ISG fanden heraus, dass der Mindestlohn "nicht schädlich für die Beschäftigung" gewesen sei. Zwischen 1995 und 2005 fielen auf dem Bau zwar viele Stellen weg, aber das lag an der kriselnden Konjunktur, nicht am Mindestlohn. Nicht mal das Bauen sei teurer geworden, trotz Mindestlohn und höherer Materialkosten.

Eine weitere Studie von sechs Forschungsinstituten untermauerte diesen Befund. Sie untersuchten, wie sich Mindestlöhne in acht Branchen auswirken, von Dachdeckern bis zu Wäschereien. Auch hier zeigten sich "keine negativen Auswirkungen auf die Beschäftigung", schrieben die Wissenschaftler. Dafür hatten die Arbeitnehmer mehr Geld in der Tasche, wechselten nicht so oft den Arbeitgeber und Betriebe, die Dumpinglöhne zahlten, mussten schließen.

8,50 Euro reichen kaum

Allerdings ist der Mindestlohn auch kein Allheilmittel. Den Weg zu Hartz IV verhindert er kaum. Nach einer Studie des Sozialexperten Gerhard Bäcker von der Universität Duisburg-Essen brauchen Familien mit einem Alleinverdiener und ein bis zwei Kindern mindestens einen Stundenlohn von 10,20 bis 10,70 Euro, um nicht auf die staatliche Stütze angewiesen zu sein. In manchen Regionen wie München sind Stundenlöhne von 14,30 Euro und 16,40 Euro nötig, denn Mieten und Lebenshaltungskosten sind hoch. Helfen würde ein Mindestlohn von 8,50 Euro dagegen Alleinerziehenden und Singles, sie könnten dann Hartz IV vermeiden.

Ebenso hilft ein Mindestlohn nicht zwingend gegen Altersarmut. Wer im Alter nicht auf Sozialhilfe angewiesen sein will, muss nach Berechnungen des Bundesverbandes der Rentenberater über 45 Jahre lang als Vollzeit-Beschäftigter mehr als zehn Euro pro Stunde verdient haben. 8,50 Euro reichen bei Weitem nicht. Damit käme er auf eine monatliche Rente von unter 700 Euro, weniger als die Grundsicherung heute zahlt.

Ringen mit dem eigenen Weltbild

Dennoch wäre ein Mindestlohn ein gutes Mittel gegen krasse Lohnausbeutung - auch wenn Wissenschaftler gerne mit dem Horrorszenario vom massenhaften Jobverlust warnen. Und damit an der Wirklichkeit scheitern. Denn dass der Mindestlohn oft anders wirkt, als Ökonomen behaupten, liegt an der Realität, meint der britische Arbeitsmarktforscher Alan Manning. Im Niedriglohnsektor hätten Firmenchefs viel Macht, sie könnten eigenmächtig die Löhne drücken. Erst ein Mindestlohn ändere die Machtverhältnisse. Dass die meisten hiesigen Ökonomen die Realität dennoch ignorierten, wundert Wirtschaftswissenschaftler Gustav Horn vom gewerkschaftsnahen Institut IMK nicht. Der Mindestlohn passe nicht in das Weltbild vieler Ökonomen, sagt er: "Und sein Weltbild - Wissenschaft hin oder her – gibt man niemals auf."