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"Anne Will" Fulminanz durch Ignoranz – so geht die Methode Laschet

Armin Laschet bei Anne Will
Armin Laschet stand Moderatorin Anne Will Rede und Antwort. Klima-Aktivistin Luisa Neubauer (l.) feuerte Klimaschutz-Salven auf den CDU-Kanzlerkandidaten ab
© Wolfgang Borrs/NDR / stern
Schlechte Umfragewerte, gekipptes Klimaschutzgesetz, Maaßen als Spukgespenst im Osten, die Pandemie natürlich – die Zeiten sind rau für die CDU im Allgemeinen, für Kanzlerkandidat Armin Laschet im Speziellen. Sein Rezept: guter Wille. Und ambitiöser werden.
Von Ingo Scheel

"Von Corona-Krise bis Klimapolitik – kann die Union noch Kanzleramt?" – so lautete die große Themenklammer bei Anne Will, zum Ausklang jenes Tages, da SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz auf dem Bundesparteitag plötzlich die Emotions-Bazooka auspackte, von "Leib und Seele" sprach, von "Herz und Verstand". Wie die Chancen von Armin Laschet, NRW-Ministerpräsident, CDU-Vorsitzender und Kanzlerkandidat, contra SPD und Grüne nun wirklich aussehen, schickte sich folgende Runde an, zu erörtern:

Zu Gast bei "Anne Will" waren:

  • Armin Laschet himself
  • Luisa Neubauer ("Fridays for Future"-Aktivistin)
  • Ursula Münch (Politikwissenschaftlerin, Direktorin der Akademie für Politische Bildung in Tutzing)
  • Martin Machowecz (Leiter des "Zeit"-Büros in Leipzig und Redaktionsleiter der "Zeit im Osten")

"Müssen nur wollen"

Wie sang die Band Wir sind Helden in ihrem Song "Müssen nur wollen", als Single fast auf den Tag genau vor 18 Jahren veröffentlicht, doch so treffend:

"Wir können alles schaffen genau wie die tollen

dressierten Affen wir müssen nur wollen

wir müssen nur wollen wir müssen nur wollen

Wir müssen nur"

Laschet reagiert teflonös

Wer gestern Laschet lauschte, konnte sich eines ähnlichen Eindrucks nicht erwehren. Man muss nur wollen, dann geht das schon. Irgendwie. Der Wille muss da sein. Die Ambition, oder besser, das Ausmaß des Ambitiöser-werden-wollens muss stimmen, denn das war der prägende Terminus des CDU-Mannes in der Runde bei "Anne Will": ambitiös. Nicht ambitionierter, nein: ambitiöser. Dabei stand der ausgeruht wirkende Laschet gleich die komplette Auftaktviertelstunde unter Beschuss, ohne dass auch nur einer der anderen Gäste zu Wort kam. "Mal lockern, mal bremsen, das Schlingern, ist das Ihr Stil?", ging Anne Will, passend zum sportiveren Outfit als gewohnt, direkt in die Offensive. Laschet reagierte teflonös, "weder Umfragen noch Söder hätten ihn interessiert" – Fulminanz durch Ignoranz, das Motto – ihm seien vor allem Bildung, Kinder, Jugendliche und Schulen wichtig. "Übrigens auch eine Aufgabe nach der Pandemie", was so keck formuliert klang, als wäre ihm das mit den universellen Pandemie-Verlierern Kids & Co. – Hallo, Meck-Pomm! – eben erst eingefallen. Dafür gab es dann noch ein kompaktes Drei-Punkte-Programm des CDU-Kanzlerkandidaten: 1. Europa zusammenhalten. 2. Aufstieg für jeden ermöglichen. 3. Modernisierung des Landes.

"Warum habt ihr das nicht früher geschafft?"

Dass Klimaschutz hier erst einmal gar nicht auftauchte, dürfte vor allem "Fridays for Future"-Aktivistin Luisa Neubauer sauer aufgestoßen sein. Die allerdings musste sich bis sage und schreibe 22.16 Uhr gedulden, bis sie zum ersten Mal das Wort erheben durfte. Vorher war erst einmal Ursula Münch dran. 28/21/21, so hatte es ein aktueller Wahltrend ergeben, Grün vor Schwarz und Rot. Würde Laschet das noch drehen können, die Frage. Münch hielt den Finger so zielsicher in die Wunde, dass es beim Zuhören in den Ohren sauste. Breitband, Bürokratie, Bildung - all das Versäumnisse der letzten 16 Jahre. "Selbst als Wohlgesonnener fragt man sich, warum habt ihr das nicht früher geschafft?", so Münch. Laschet zog sich auf die Floskel zurück. "Wenn es nicht optimal ist, hätte es besser sein können." Ein verdrehtes Bonmot, das auch für den ambitionösesten Zuhörer nicht ganz einfach zu entschlüsseln war.

Baerbock, Laschet und Scholz im RTL-Interview

Hatte Münch hier so etwas wie ein Ventil geöffnet, dann war es Martin Machowecz von der "Zeit", der die Luft hindurch entweichen ließ. "Mehr Schärfe" hätten sich die Leute im Osten gewünscht, "ein konservativeres Profil", "riesengroß" sei sie dort, die "Sehnsucht" nach Merz und Söder, die größere Chancen gehabt hätten, "sich da reinzustellen". Laschet sah das "mit ziemlicher Ruhe". Das Gespür für den Osten sei wichtig – obwohl ja man nun endlich mal aufhören solle, 30 Jahre nach der Wende, immer noch vom Westen und vom Osten zu reden (woran sich letztlich doch keiner hielt) – Vertrauen ist ebenfalls vonnöten, und mit der AfD werde nicht "geredet, gesprochen oder koaliert". Was man wohl auch nicht muss, wenn man einen wie Hans-Georg Maaßen in seinen Reihen hat. Und in internen Analysen, sogenannten Denkschriften, davon die Rede ist, dass es wieder gelingen müsse, "das Soziale mit dem Nationalen zu verbinden".

Laschet im Abwiegel-Modus

Endlich griff nun auch Luisa Neubauer ins Geschehen ein, verortete Maaßen als Rassisten, Quasi-Identitären und Antisemiten, und betonte die gefährliche Lage für Aktivisten gerade im Osten. Auf ihre Forderung, sich damit auseinanderzusetzen, blieb Laschet im Abwiegel-Modus, geriet kurz ins Stammeln, um zumindest einzugestehen, dass "auch ihm einige Kandidaten nicht passen würden", Maaßen jedoch beileibe kein Antisemit sei. Auch er hätte sich womöglich anders entschieden, aber: "Das muss eine Volkspartei aushalten". Aushalten musste Laschet im Anschluss wiederum die Klimaschutz-Salven, als Neubauer auf das Pariser Abkommen, verfehlte Emissionsbudgets, den verschleppten Kohleausstieg abhob. Was folgte, war der übliche Verweis auf Verfehlungen der politischen Gegner – falsche Ausstiegs-Prio der SPD, Kernkraft-Abkehr der Grünen – und der Refrain im Laschet-Song: Wir müssen nur ambitiöser werden.

Fazit: kaum Erkenntnisgewinn

Fazit: Kaum Erkenntnisgewinn, wenig Greifbares, vielmehr die Bestätigung dessen, was im Sendungsthema eigentlich schon mehr nach rhetorischer Frage als nach tatsächlichem Wissensdurst klang. Oder um es mit Ursula Münch zu sagen: "Es wird schwierig für CDU/CSU".

kng

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