HOME

Atomtransport erreicht bald Grenze: Castor-Gegner blockieren Bahnstrecke

Der Castor-Transport mit Atommüll passiert bald die französich-deutsche Grenze. Mehrere hundert Atomkraftgegner warten schon auf ihn: Sie haben die Bahnstrecke hinter der Grenze blockiert.

Der Castor-Transport mit hoch radioaktivem Atommüll wird heute in Deutschland einrollen. Atomgegner und Polizei erwarten den Castor-Transport mit hoch radioaktivem Atommüll am Samstagmittag in Deutschland. Demonstranten in Frankreich rechnen damit, dass der Zug gegen 13.15 Uhr bei Lauterbourg die Grenze passieren wird. Mehrere hundert Atomkraftgegner haben in Berg in Rheinland-Pfalz die Bahnstrecke unmittelbar hinter der französisch-deutschen Grenze besetzt, um die geplante Durchfahrt des Castor-Zugs zu blockieren. Die Beamten sind mit zahlreichen Einsatzkräften vor Ort, um die Blockaden zu verhindern.

Bis der Zug im niedersächsischen Wendland eintrifft, wo der Atommüll in Gorleben gelagert werden soll, wird wahrscheinlich noch bis Montag dauern. Doch der Protest hat sich dort schon formiert: Heute werden nach Angaben von Bürgerinitiativen rund 40.000 Demonstranten in Dannenberg zu einer der größten Atom-Proteste erwartet.

Auch die Spitzen der Grünen und Linken wollen an der Kundgebung teilnehmen. So will Linken-Fraktionschef Gregor Gysi gar einen Trecker steuern und so an einem der Konvois teilnehmen.

Die Polizei aus fast allen Bundesländern ist mit mindestens 16.500 Beamten im Einsatz. Beinahe an jeder Straßenecke waren bereits am Freitag Einsatzfahrzeuge postiert, Wasserwerfer standen bereit. Sorgen macht den Einsatzkräften das strafbare "Schottern", bei dem Atomkraftgegner massenhaft Steine aus dem Gleisbett entfernt wollen.

Der Castor-Zug war am Freitag nahe der Wiederaufarbeitungsanlage La Hague in Nordfrankreich losgefahren. Schon kurz nach dem Start stoppten ihn Atomkraftgegner für rund drei Stunden. Sie hatten sich bei Caen an das Gleis gekettet. Sieben Aktivisten, darunter ein Deutscher, wurden festgenommen.

Änderung der Route

Nach Angaben der französischen Anti-Atomkraftgruppe "Sortir du nucléaire" wurde die Fahrtroute des Zuges in der Nacht zum Samstag geändert. Statt über Arras, Valenciennes, Fourmies Hirson und Charleville sollte der Transport nun weiter südlich von Amiens in Richtung Reims und dann über Metz zur deutschen Grenze führen. Gründe für die Streckenänderung wurden nicht genannt.

Im Wendland selbst kam es in der Nacht zum Samstag zu vereinzelten Straßenblockaden, die Polizei drängte einige Demonstranten ab. Die größten Proteste sind aber voraussichtlich erst mit der Ankunft der elf Castor-Behälter in Dannenberg zu erwarten. Am Verladebahnhof werden die Container auf Tieflader umgesetzt, um die letzten 20 Kilometer auf der Straße zum Zwischenlager Gorleben zurückzulegen.

1000 heikle Kilometer

Angesichts der Entscheidung der Bundesregierung, die Laufzeiten der Kernkraftwerke um durchschnittlich 12 Jahre zu verlängern, rechnet die Anti-Atom-Bewegung mit einem besonders großen Zulauf für ihre Protestaktionen. Zudem wird die Wiederaufnahme der Erkundung des Salzstocks kritisiert, der ganz in der Nähe des oberirdischen Zwischenlagers liegt. Die Bevölkerung fürchtet, dass hier das Endlager für hoch radioaktiven Atommüll errichtet werden soll.

Wann der Transport das Wendland erreicht, hängt auch von den Protesten der Atomkraftgegner ab. Die Castor-Behälter enthalten 123 Tonnen Atommüll aus deutschen Kernkraftwerken. Der Transport muss von der Wiederaufarbeitungsanlage La Hague bis ins Zwischenlager Gorleben rund 1000 Kilometer zurücklegen.

Gabriels Aufforderung

SPD-Chef Gabriel forderte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) auf, nach Gorleben zu fahren und gemeinsam mit den vier Vorsitzenden der Atomkonzerne mit den Demonstranten zu diskutieren. "Denn Frau Merkel und ihre vier Freunde sind es, die einen gesellschaftlichen Großkonflikt wieder eröffnet haben, der durch den Atomausstieg längst befriedet war", sagte Gabriel der "Passauer Neuen Presse".

Gorleben solle gegen alle Bedenken durchgedrückt werden, weil sonst für die längeren Laufzeiten der Entsorgungsnachweis für den Atommüll fehle, sagte Gabriel. "Wer diesen Wahnsinn verantwortet, der kann sich jetzt nicht hinter den Polizisten verstecken. Gabriel selbst war in seiner Zeit als Bundesumweltminister (2005-2009) dafür eingetreten, auch im Süden Ton- und Granitformationen als mögliche Endlager zu prüfen, Bayern und Baden-Württemberg sind aber dagegen.

"Regierung will Konflikte mit Wasserwerfern lösen"

Die Grünen-Führung machte die Bundesregierung für eine mögliche gewalttätige Eskalation bei den Protesten verantwortlich. "Die Regierung redet nicht mit der Bevölkerung, sondern will Konflikte mit Wasserwerfern lösen", sagte Parteichef Cem Özdemir der "Bild am Sonntag". Die schwarz-gelbe Bundesregierung habe einen von Rot-Grün befriedeten Konflikt wieder aufgerissen, sagte auch die Parteivorsitzende Claudia Roth dem Blatt. "Merkel hat den Atomkonsens aufgekündigt." Zugleich riefen Roth und Özdemir zu friedlichen Protesten auf.

Umwelt-Staatssekretärin Katherina Reiche (CDU) hat den Grünen eine unredliche Haltung bei ihrem Protest gegen den Castor-Transport vorgeworfen. "Wir werden den Grünen nicht durchgehen lassen, dass sie die Castor-Transporte in gute und schlechte unterteilen", sagte Reiche der Deutschen Presse-Agentur in Berlin. Auch unter dem Grünen-Umweltminister Jürgen Trittin habe es bis 2005 mehrere Atommülltransporte gegeben, betonte Reiche. Die Transporte seien notwendig, weil sich Deutschland zur Rücknahme des hoch radioaktiven Atommülls verpflichtet habe. "Billiger Protest" helfe nicht weiter, sagte Reiche. Die Entsorgung sei eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. "Man kann gegen Kernenergie sein, aber die Endlagerfrage muss gelöst werden."

DPA / DPA