Attentat auf Polizei-Chef Erklärter Feind der Neonazis


Sie treffen sich in "Traudls Café". Im niederbayerischen Fürstenzell sind Neonazis nicht gern gesehen, aber präsent. Die rechtsextremen Straftaten nehmen in der Region zu. Nun traf es den Polizei-Chef von Passau. Alois Mannichl lebt in Fürstenzell und ist eine Hass-Figur der Rechten. Alles deutet darauf hin, dass ihm seine Haltung beinahe zum Verhängnis geworden wäre.

Die Vorfreude auf Weihnachten prägt am frühen Samstagabend die Wohnsiedlung am Rande der niederbayerischen Marktgemeinde Fürstenzell. Das Grundstück in der Ringstraße, wo der Passauer Polizeichef Alois Mannichl wohnt, wird von einem großen Schneemann geziert. In der eng bebauten Ringstraße steigt eine Adventsparty. Gegen 17.30 Uhr läutet es am Privathaus des Polizeidirektors. Der 52-Jährige geht an die Tür. Er hat keine Chance zu reagieren. Ein 1,90 Meter großer, kräftiger Mann mit Glatze ruft: "Viele Grüße vom Nationalen Widerstand, du linkes Bullenschwein. Du trampelst nicht mehr auf den Gräbern unserer Kameraden rum." Im selben Moment rammt der Mann dem Polizeichef ein Messer mit einer elf Zentimeter langen Klinge in die linke Bauchseite.

Der Täter verfehlt nur um zwei Zentimeter das Herz. Der schwer, aber nicht lebensgefährlich verletzte Beamte hört ein Motorengeräusch. Um 17.34 Uhr verständigt seine Frau die Einsatzzentrale, sechs Minuten später sind zwei Polizeistreifen vor Ort. Die Spurensicherung läuft an, die Beamten finden das Tatmesser im Garten des Opfers. Mannichl ist zu diesem Zeitpunkt schon im Klinikum notoperiert und außer Gefahr. Er steht nun unter Personenschutz, ebenso seine Frau und seine beiden erwachsenen Kinder.

Zahl rechter Straftaten nimmt deutlich zu

Eigentlich fällt in der ländlichen Marktgemeinde mit ihren gut 8000 Einwohnern jeder Fremde auf, der nicht bloß durch das Straßendorf ins Rottal will. Seit zwei Jahren ist man besonders wachsam - im ganzen Bereich der Polizeidirektion Passau, wo sich die rechtsextremistischen Straftaten seit dem vergangenen Jahr schon jetzt auf 83 verdoppelt haben. Aber die Wachsamkeit ist auch in Fürstenzell stärker geworden. In der Universitätsstadt Passau fand sich kein Lokal für regelmäßige NPD-Treffen. Also wichen die Neonazis in die Marktgemeinde aus, nicht selten attackiert von der linken Szene, abgelehnt von den Bürgern.

Im Interner zur "Antiperson" geworden

Die Rechten sitzen in "Traudls Café" beisammen. Gegenüber haben die Fürstenzeller ein Schild aufgestellt: "Kein Platz für Extremismus". All dies trägt sich zu am Wohnort des Polizeichefs. Mannichl ist inzwischen erklärter Feind für die Neonazis. Mannichls oberster Chef, der bayerische Innenminister Joachim Herrmann, zeigt sich einen Tag nach der Gewalttat auf einer Pressekonferenz bestürzt. Der Beamte sei aus Sicht der Neonazis in besonderer Weise zum Symbol der aktiven Polizeiarbeit gegen den Rechtsextremismus geworden. "Er wurde in unflätiger Weise im Internet angegriffen und ist dort zur starken Antiperson geworden. Es ist eine völlig neue Dimension, einen führenden Polizeibeamten anzugreifen, für sein Agieren gegen Rechtsextreme zu bestrafen oder einzuschüchtern."

Mannichl, der seit September 2004 Leiter der Polizeidirektion ist und von 1994 bis 1997 ihr Vizechef war, ist nach Worten von Polizeipräsident Hans Junker ein umsichtiger und professioneller Einsatzleiter. Er sei bekannt für sein geradliniges und konsequentes Einschreiten gegen Extremismus von links und von rechts.

Hakenkreuzfahne im offenen Grab

Für die Anspielungen bezüglich der Gräber, die der Attentäter machte, gibt es zwei Anlässe. In beiden Fällen war Mannichl präsent. So beim Begräbnis von Neonazi Friedhelm Busse in Passau am 26. Juli. Damals gab es Ausschreitungen um einen linken Journalisten sowie eine sichergestellte Hakenkreuzfahne, die NPD-Funktionär Thomas Wulff in das offene Grab legte. Am 16. November, dem Volkstrauertag, soll Mannichl einen NPD-Funktionär - so der Jargon in der rechtsextremen Partei - "belästigt" haben. Er habe ihm die Sicht am Soldatenfriedhof genommen, beschweren die Rechtsextremisten sich im Internet. Aktuell allerdings gibt sich dort die Passauer NPD lammfromm und "verurteilt diese feige Tat aufs Schärfste und wird den Ermittlungsbehörden behilflich sein, den Täter ausfindig zu machen".

Kein Einwohner und kein Partygast in Fürstenzell hat am Tatabend etwas bemerkt. Möglicherweise waren die Attentäter zu zweit - einer könnte mit laufendem Motor in einem Auto gewartet haben, doch auch das fiel offenbar niemandem auf. Der andere Täter schellte an der Haustür, um Mannichl zu töten. So könnte es sich abgespielt haben. Ausreichend Belege für einen solchen Tathergang gibt es bisher aber nicht.

Ermittlungen wegen Mordversuchs

Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen eines heimtückischen Mordversuches. Die Sprüche des Täters und die Vorgeschichte legen die Vermutung nahe, dass es ein Täter aus der rechtsextremistischen Szene war. Dennoch muss die Staatsanwaltschaft in alle Richtungen ermitteln. Die Fahnder bildeten noch am Samstagabend eine 20-köpfige Sonderkommission und überprüften einschlägig bekannte Rechtsextremisten. Die Suche wurde auf Bayern, Österreich und Tschechien ausgedehnt, ohne dass der oder die Täter bisher gefasst werden konnten. Mannichl liegt im Krankenhaus und ist auf dem Weg der Besserung. Das Weihnachtesfest kann er vielleicht zu Hause feiern. Vorfreude auf das Fest wird in Fürstenzell nun aber kaum wieder aufkommen.

Christine Pierach, AP AP

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