VG-Wort Pixel

In der Mitte der Gesellschaft Repräsentative Studie: Knapp ein Viertel der Deutschen ist ausländerfeindlich eingestellt

Kandel
Demonstranten, die dem bürgerlich-rechten bis rechtspopulistischen Spektrum zugerechnet werden, demonstrieren im April 2018 unter dem Motto "Migrationspolitik, Innere Sicherheit" im rheinland-pfälzischen Kandel. Ende 2017 war in dem Ort eine 15-Jährige von ihrem Ex-Freund erstochen worden. Dieser war zuvor als minderjähriger unbegleiteter Flüchtling aus Afghanistan eingereist.
© Uli Deck / Picture Alliance
Knapp jeder vierte Deutsche ist ausländerfeindlich eingestellt, jeder zehnte denkt, die Deutschen seien anderen Völkern von Natur aus überlegen. Ergebnisse einer aktuellen repräsentativen Studie aus Leipzig. 

Ausländerfeindliche Einstellungen sind nicht auf den gesellschaftlichen Rand beschränkt, sondern auch in deren sogenannter Mitte immer stärker verbreitet. Zu diesem Schluss kommen die Autoren der aktuellen Leipziger Autoritarismus-Studie. Die Langzeituntersuchung basiert auf repräsentativen Befragungen und beschäftigt sich seit nunmehr 16 Jahren mit rechtsextremen Dynamiken in der Mitte der Gesellschaft. Der stern bekam die aktuellen Ergebnisse auf Anfrage vorab. 

Ausländerfeindlichkeit zuletzt wieder angestiegen

Demnach stimmen im Westen der Republik rund 33 Prozent der Menschen der Aussage zu, dass Ausländer nur herkommen würden, um den Sozialstaat auszunutzen. Im Osten stimmte mit 47,1 Prozent fast die Hälfte der Befragten zu. Mit 26,5 Prozent war mehr als jeder Vierte Deutsche dafür, Ausländer wieder zurückzuschicken, wenn Arbeitsplätze knapp werden. Und mehr als jeder dritte Deutsche, 35,6 Prozent, gab an, die Bundesrepublik sei durch die vielen Ausländer im gefährlichen Maße überfremdet - 44,6 Prozent im Osten, 33,3 Prozent im Westen. 

Die geschlossene manifeste Ausländerfeindlichkeit, sprich: die Zustimmung zu allen dreien der oben angeführten Aussagen, ist seit der letzten Befragung 2006 wieder angestiegen. Zwischendurch war sie nach 2012 zunächst wieder rückläufig, wie die untenstehende Grafik zeigt. Fast ein Viertel der Deutschen weist demnach eine ausländerfeindliche Einstellung auf, im Osten ist es fast ein Drittel: 

"Damit beobachten wir hohe Zustimmungswerte für die Einstellung, die in der Forschung als 'Einstiegsdroge' in den Rechtsextremismus gilt: Die Hemmschwelle diesen rechtsextremen Aussagen zuzustimmen, ist besonders niedrig", gibt Studienleiter Oliver Decker an.

Zufriedenheit mit der Demokratie insgesamt gestiegen

Zusätzlich zur Verankerung rechtsextremer Einstellungen klopft die Studie seit 2006 die Zufriedenheit der deutschen Bevölkerung mit der Demokratie ab. In diesem Zeitraum ist die Zustimmung der Deutschen zur Idee der Demokratie im Vergleich zu anderen Staatsformen mit deutschlandweit 93,3 Prozent im Jahr 2018 auf konstant hohem Niveau geblieben.

Bei der Zufriedenheit mit der Demokratie, wie sie in der deutschen Verfassung festgelegt ist, geht die Entwicklung in Ost und West allerdings  auseinander. 75,6 Prozent der Befragten in den alten Bundesländern äußerten sich zufrieden - 2012 waren es noch 80 Prozent. In den neuen Ländern kletterte der Zufriedenheitswert dagegen von 57,2 Prozent im Jahr 2006 auf 79,9 Prozent in der aktuellen Befragung an. 

Deutlich niedriger fallen die Zustimmungsraten dagegen bei der Demokratie, wie sie in der Bundesrepublik Deutschland funktioniert, aus. Nur ein wenig mehr als die Hälfte der Befragten ist mit der konkreten Umsetzung der Demokratie hierzulande zufrieden, in den neuen Ländern nicht einmal die Hälfte, wie die untenstehende Grafik zeigt: 

Feindschaft gegenüber Muslimen hat zugenommen

Zusätzlich zu einer allgemeinen Ausländerfeindlichkeit wurde der Fokus der aktuellen Studie auf Gruppen gelegt, die in besonderem Maß von Vorurteilen und Fremdenfeindlichkeit betroffen sind, etwa Muslime.

Rund 44 Prozent der Befragten bestätigten laut Studienergebnis die Aussage, dass Muslimen die Zuwanderung nach Deutschland untersagt werden solle. 2014, also vor der gehäuften Zuwanderung von Flüchtlingen im Jahr 2015, waren es noch 36,5 Prozent. In den vergangenen Jahren stieg parallel dazu ebenfalls die Anzahl derer an, die angaben, sich durch die Muslime manchmal wie ein Fremder im eigenen Land zu fühlen. Im Jahr 2014 sagten das noch 43 Prozent, 2018 waren es bereits rund 56 Prozent der Deutschen.

61,5 Prozent der Befragten denken wiederum, dass die meisten Asylbewerber nicht wirklich eine Verfolgung im eigenen Land fürchten würden. Und mit rund 79 Prozent findet ein sehr großer Teil, dass der Staat bei der Prüfung von Asylanträgen nicht großzügig sein solle. Beide Werte sind in den vergangenen Jahren gestiegen.

Weitere ausgewählte Ergebnisse der Studie: 

  • 9,1 Prozent der Deutschen stimmen der Aussage dazu, Juden hätten "etwas Besonderes und Eigentümliches an sich und würden nicht zu uns passen".
  • 11,3 Prozent finden, dass die Deutschen anderen Völkern von Natur aus überlegen seien
  • 10,1 Prozent der Deutschen finden, dass es wertvolles und unwertes Leben gibt
  • Neun Prozent denken, dass man Hitler ohne die Judenvernichtung heute als großen Staatsmann betrachten würde
  • 21,6 Prozent der Befragten sagen, dass sie selbst keine Gewalt anwenden würden. Sie finden es aber gut, dass es Leute gibt, die "mal ihre Fäuste sprechen lassen, wenn es anders nicht mehr weitergeht".

Über die verwendeten Daten und die Leipziger Autoritarismus-Studie

Wissenschaftler der Universität Leipzig beobachten gemeinsam mit wechselnden Stiftungspartnern seit 2002 die Entwicklung autoritärer und rechtsextremistischer Einstellungen in Deutschland. Bis 2012 waren die Untersuchungen als "Mitte-Studien" bekannt. Für die aktuelle repräsentative Befragung wurden im Frühjahr 2018 bundesweit 2416 deutsche Staatsangehörige beiderlei Geschlechts im Alter zwischen 14 und 91 Jahren befragt. Die Befragten entstammen sämtlichen Familienständen sowie Einkommens- und Bildungsschichten. Alle Ergebnisse der Studie sind im Buch "Flucht ins Autoritäre", herausgegeben von Elmar Brähler und Oliver Decker, erschienen, das hier online verfügbar ist.

In der Mitte der Gesellschaft: Repräsentative Studie: Knapp ein Viertel der Deutschen ist ausländerfeindlich eingestellt
rös

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker