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Bayern: Am Vorabend der Schicksalswahl

Heute wählt Bayern. Es könnte dieses Mal ganz knapp für die CSU werden, jüngsten Prognosen zufolge steht die absolute Mehrheit auf der Kippe. In München kann man die politische Frühlingsstimmung an manchen Orten spüren – wenn man sich durch Berge von Bierleichen durchgearbeitet hat.

Von Sebastian Christ

Während des Oktoberfests ist München alles, nur nicht normal. In den Straßen drängen sich noch mehr Menschen als sonst, und die Mütter mit ihren Kinderwagen fluchen, weil ihnen die Betrunkenen nicht aus dem Weg gehen. Auf dem Marienplatz lassen sich asiatische Touristen mit großen, blonden Münchnerinnen im Dirndl fotografieren. Es heißt, dass solche Erinnerungsfotos eine Menge Prestige in der Heimat bringen. Und in den U-Bahnschächten südlich und westlich des Hauptbahnhofs stinkt es täglich spätestens ab 17 Uhr nach Bier und Erbrochenem. An den Bahnsteigkanten stehen dann Angestellte des Verkehrsverbunds, die alle Betrunkenen mit lockeren Sprüchen in die U-Bahnen winken und dabei aufpassen, dass keiner aufs Gleis fällt. Passiert es doch einmal, kann es sein, dass ein paar Minuten lang der gesamte Verkehr gestoppt werden muss.

Heute wird gewählt in Bayern, auch in München, und man kann sich kaum vorstellen, wie eine gesamte Hauptstadt im Feierrausch plötzlich wieder für einen Tag zurechnungsfähig werden sollte. Hunderttausende schütten sich am Wochenende die Hucke zu. Und sie haben Verstärkung bekommen: Unzählige Italiener sind am Freitag und am Samstag in der Bajuwarenmetropole eingetroffen, um es den Bayern gleich zu tun. Es sind Polizisten auf den Straßen unterwegs, die wenigstens ein paar Worte Italienisch sprechen. Längs der Theresienwiese gehen trotzdem immer wieder junge Frauen und Männer verloren, die nach der vierten Maß nicht mehr wissen, wo ihr Hotel ist.

Während Jugendliche mit Hühnermützen über den Odeonsplatz laufen, liegt die Staatskanzlei in romantischer Ruhe. Auf wundersame Weise verirren sich hier hin kaum Oktoberfestbesucher. Es ist still, die Sonne scheint, und nachmittags liegen verliebte Pärchen auf der Wiese vor dem Kuppelbau. Vor ein paar Tagen sind die Grünen gekommen, nachts, und haben einen Wahlkampf-Slogan an die Mauern des palastähnlichen Regierungsgebäudes projiziert: "Geht mit Gott. Aber geht." Guerilla-Wahlkampf. Fast scheint es, als nehme sich die Opposition diesmal mehr raus als sonst.

Einige Hundert Meter weiter sind in den Zeitungskästen die Samstagsschlagzeilen zu lesen: "CSU bangt um Status", titelt die Süddeutsche Zeitung. Die Abendzeitung schreibt gar: "Kippt die CSU vom Sockel?" Nur die wertkonservative "tz" dreht den Spieß um, arbeitet aber auch mit Fragezeichen: "Beckstein: Schafft er die absolute Mehrheit?" Egal ob hoffnungsfroh oder abwartend: Die Kommentatoren sind sich einig, dass es für die CSU so eng wie seit 42 Jahren nicht mehr wird. Und die Leute machen mittlerweile ganz öffentlich Witze über die CSU-Oberen. Im Mathäser-Kino am Stachus zeigen sie am Abend den "Baader-Meinhof-Komplex". Davor läuft Werbung. Sekundenlang wird ein Bild von CSU-Chef Erwin Huber und Ministerpräsident Günther Beckstein eingeblendet. Eigentlich ein nettes Bild. Beide lächeln. "Was sind denn das für hässliche Zahnreihen?", lästert eine Frau. "Wollen die mir jetzt den ganzen Abend versauen", ärgert sich ein anderer. Schließlich verschwindet das Bild. Ein Schriftzug erscheint: "Sie können das übrigens auch abschalten." Dann folgt das Logo der Bayern-SPD. Dutzende Zuschauer lachen erleichtert und klatschen.