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Becker-Aussage im RAF-Prozess: Sie bricht ihr Schweigen - und sagt nichts

Mit Spannung wurde erwartet, was die Ex-RAF-Terroristin Verena Becker im Prozess um den Buback-Mord aussagen würde - doch sie enttäuscht. Und am Ende ihres Vortrags vor Gericht sind mehr Fragen offen als zuvor.

Von Malte Arnsperger, Stuttgart

Verena Becker will reden. "Bin ich gut zu verstehen?", fragt sie die Richter. Nicken. Dann liest die zierliche Frau mit fester Stimme von den vor ihren liegenden Blättern ab. Rund zwanzig Minuten lang, unterbrochen nur von einem Schluck aus dem Wasserglas. Es sind keine Sätze im berühmt-berüchtigten verworrenen RAF-Sprech, sondern klare, verständliche Worte. Am Ende ihres Vortrages zieht sie die Sonnenbrille mit den runden dunklen Gläsern wieder auf, und tut das, was sie während der zurückliegenden 88 Prozesstage auch getan hat: Schweigen.

Es ist das erste Mal, dass sich die ehemalige RAF-Terroristin in dem Prozess am Stuttgarter Oberlandesgericht zu den Vorwürfen gegen sie geäußert hat. Seit September 2010 sind Dutzende Zeugen aufgetreten, Gutachter haben ausgesagt, Urkunden und alte Aktenvermerke wurden verlesen. Doch nach wie vor ist völlig unklar, ob Verena Becker tatsächlich am Mordattentat auf den damaligen Generalbundesanwalt Siegfried Buback am 7. April 1977 beteiligt war, wie die Bundesanwaltschaft glaubt. Nachdem Beckers Anwälte vor zwei Wochen eine persönlicher Erklärung ihrer Mandantin angekündigt hatten, waren wilde Spekulationen aufgekeimt. Wird die heute 59-Jährige die Geschichte der RAF ein Stück weit neu schreiben? Wird sie womöglich alles zugeben? Oder wird sie zumindest, nach mehr als 35 Jahren, Michael Buback, dem Sohn von Siegfried Buback, die Gewissheit geben, wer seinen Vater umgebracht hat?

Verena Becker enttäuscht. Sie sieht zwar den bis auf den letzten Platz gefüllten Gerichtssaal, die vielen Kameras, die auf sie gerichtet sind. Sie weiß wohl auch selber, welch riesigen Erwartungen an ihre Erklärung geknüpft sind. Doch gleich in ihren ersten Sätzen, die sie direkt an den nur wenige Meter entfernt sitzenden Michael Buback richtet, lässt sie alle Hoffnungen wie eine Seifenblase zerplatzen: "Sie wollen wissen, wer Ihren Vater getötet hat. Diese Frage kann ich Ihnen nicht beantworten, denn ich war nicht dabei."

Becker widerspricht der Aussage von Ex-RAFler Boock

Für die Bundesanwaltschaft ist dies nicht neu. Sie ist nie davon ausgegangen, dass Verena Becker an jenem Apriltag 1977 in Karlsruhe tatsächlich auf dem Motorrad saß, von dem aus auf das Auto von Siegfried Buback geschossen wurde. Die Ermittler glauben, dass Verena Becker an den Planungen des Anschlag aktiv mitgearbeitet hat und haben sie deshalb wegen Mittäterschaft angeklagt. Aber Michael Buback hat stets an der These von der Schützin Verena Becker festgehalten. Der Göttinger Universitätsprofessor, als Nebenkläger eine treibende Kraft dieses Verfahrens, wird später zwar sagen: "Wir haben uns nie fixiert auf einen Namen. Uns geht es nur darum, die beiden Täter kennen zu lernen." Aber dem Mann mit dem schütteren grauen Haar ist der Frust deutlich anzumerken, als er in den Prozesspausen auf seinen Laptop einhackt.

Mit gutem Grund. Denn nicht nur die ersten Worte von Verena Becker sollten mehr Fragen aufwerfen als Antworten bringen. Dabei kündigt sie selber an: "Die Anklage macht mir konkrete Vorwürfe, ich antworte ebenso konkret." Diese konkreten Antworten sehen dann so aus. Im Sommer 1976 sei sie im Jemen im Camp der "Volksfront zur die Befreiung Palästinas" gewesen. "Ergebnisoffen" sei dort über "Aktionen" gesprochen worden. Eine definitive Entscheidung sei aber nicht gefällt worden. Kein Wort dazu, wer dort mit ihr war, oder ob auch eine Attacke auf Buback diskutiert wurde.

Ende 1976 habe es dann ein Treffen im Harz gegeben, dort sei ein Anschlag auf den Generalbundesanwalt Thema gewesen. Alle der versammelten RAF-Leute, trägt Becker vor, hätten das "starke Bedürfnis" gehabt, die in Stammheim inhaftierten RAF-Köpfe zu befreien. "Eine Aktion gegen Generalbundesanwalt Buback wurde von uns allen für richtig gehalten. Ich billigte das." Allerdings seien "konkrete Örtlichkeiten, zeitliche Einzelheiten" nicht abgehört worden, auch seien keine "Teilnehmer" für das Kommando benannt worden. Eins steht aber für Verena Becker fest: "Ich war definitiv dafür nicht vorgesehen."

Diese Aussage steht im Gegensatz zu dem, was ihr ehemaliger RAF-Kumpane Peter-Jürgen Boock ausgesagt hatte und worauf sich die Anklage stützt. Becker sei nämlich die treibende Kraft gewesen um den Befehl der Stammheimer Häftlinge "der General muss weg" umzusetzen. Stimmt nicht, meint die Angeklagte. "Entgegen der Aussage von Boock habe ich mich nicht hervorgetan." Becker bezichtigt ihren einstigen Weggefährten der Lüge und ist damit nicht die erste und einzige. Dem zwielichtigen Book wird von vielen Prozessbeobachtern eine zweifelhafte Beziehung zur Wahrheit attestiert, die Verteidigung hat immer wieder seine Glaubwürdigkeit attackiert. Doch die Bundesanwaltschaft wertet die Aussagen Becker sogar als Bestätigung ihres wichtigen Zeugen, schließlich habe die Angeklagte die Treffen – analog zu Boock - bestätigt.

Mehr aber auch nicht. Denn Verena Becker bleibt bei ihren äußerst wagen Aussagen. Bei einem Treffen im Frühjahr 1977 sei sie nach kurzem abgereist, und im fraglichen Zeitraum Anfang April 1977 sei sie mit drei Begleitern "im Nahen Osten" gewesen. Wer, warum, wo genau? Keine Angaben. Am 8. April, also einen Tag nach dem Mordanschlag, sei sie dann "über ein osteuropäisches Land, ich glaube Jugoslawien" nach Rom gereist. Dort erst habe sie von der Tat erfahren. Was hat sie genau erfahren? Keine Angaben. Ebenso geht sie mit der drängenden Frage um, warum bei ihr wenige Wochen später die Tatwaffe gefunden wurde. "Wir wollten sie ins Ausland bringen."

Staatsanwalt appelliert an Beckers Gewissen

Es sind diese Ungenauigkeiten im Beckerschen Vortrag, die Michael Buback und die Staatsanwaltschaft hinterher heftig kritisieren. "Sie sagen, Sie könnten die Frage nach den Schützen nicht beantworten", sagt Bundesanwalt Walter Hemberger an Becker gerichtet, die jede Nachfrage verweigert. "Es ist nur die halbe Weg, denn Sie haben nicht gesagt, ob Sie das überhaupt erfahren haben. Ihr Schweigen zeigt mir, dass Sie wissen, wer es war." Hemberger appelliert dann mit ungewöhnlich deutlichen Worten an Beckers Gewissen. "Es gibt Angehörige, die es aber wissen wollen, die genau dies umtreibt."

Hemberger nimmt einem dieser Angehörigen, der hinter ihm sitzt, die Worte aus dem Mund. Und trotzdem richtet auch der unermüdliche Michael Buback das Wort an die Frau, die er für die Mörderin seines Vaters hält. "Meine Hauptfrage ist: Wer waren die Karlsruher Attentäter? Und haben Sie Hinweise, wer die Täter waren?" Und noch etwas will Michael Buback wissen: "Warum kommt diese Erklärung so spät? Der Prozess ist lange und quälend: Warum haben Sie sich und uns diese Belastung nicht erspart?"

Becker selber sitzt ungerührt auf ihrem Stuhl, ihre Hände liegen gefaltet auf dem Tisch. Ihre Verteidiger werben um Verständnis. "Ich kann Ihre Ungeduld und Ihre Bedürfnisse nach einer Antwort sehr gut verstehen", sagt Walter Venedy. Aber Becker sei schließlich eine Angeklagte, auch deshalb seien Bubacks Erwartungen nicht zu erfüllen. Und zwar komme die Erklärung spät, "aber Verena Becker hat damit dem Senat die Gelegenheit gegeben, die Dinge nochmal neu zu bewerten".

  • Malte Arnsperger