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Berlin³ zum Anschlag in Halle: Woher kommt der Hass? Warum wir mit der Schuldfrage nicht leichtfertig jonglieren sollten

Die Versuchung ist groß, den Täter von Halle politisch zu instrumentalisieren. Wir sollten damit vorsichtig sein. Ein Plädoyer zur Mäßigung.

Nach Anschlag in Halle: "Rechtsextremismus führt zwangsläufig zu Gewalt" – Extremismusforscher über rechte Ideologie

Der Mörder von Halle ist ein Rechtsextremist. Ein Antisemit. Ein Islam-Hasser. Einer, dem in seiner im Internet hochgeputschten Verachtung auf "das Andere", auf das "Fremde" die Wahl seiner Opfer letztlich egal war. Stephan B., 27, ist einer, dem das Wertesystem, unser Wertesystem, auf dramatischste Weise aus den Fugen geraten ist. All das wird man nach ersten Erkenntnissen und bei aller gebotenen Vorsicht am Tag danach behaupten dürfen, selbst dann, wenn ihm ein psychologisches Gutachten in ferner Zukunft attestieren sollte, dass er in einer Wahnwelt lebte oder lebt. Psychisch krank womöglich bis hin zur Unzurechnungsfähigkeit. Aber das wissen wir noch nicht. Ein Einzeltäter mutmaßlich. Aber auch das ist noch nicht gesichert.

Die Öffentlichkeit hat ein Recht darauf, zu erfahren, was seinen Hass auf "das Andere" so groß hat werden lassen. Was ihn zu dieser unfassbaren Tat getrieben hat. Die Familien und die Freunde der Opfer haben es vor allem.

Blumen und Kerzen liegen nach dem Angriff auf die Synagoge in Halle mit zwei Toten am Vortag am Geoskop auf dem Marktplatz

Sachsen-Anhalt, Halle: Blumen und Kerzen liegen nach dem Angriff auf die Synagoge in Halle mit zwei Toten am Vortag am Geoskop auf dem Marktplatz

DPA

Das sollte schnell geschehen. Aber nicht vorschnell.

Für die Verfasstheit einer aufgewühlten, verunsicherten Gesellschaft ist es wichtig, die Motive derer zu kennen, die sie bedrohen. Hat sich der Täter von Halle instrumentalisieren lassen? Wurde er angestiftet? Aus welchen Teilen hat er sein menschenverachtendes Weltbild zusammengepuzzelt? Und wer hat ihm diese Teile, und sei es unabsichtlich, geliefert?

Manchen geht es auch nur um die Etikettierung

Die Ursachenforschung läuft. Nicht alle betreiben sie von purem Erkenntnisinteresse geleitet. Manchen geht es auch nur um die Etikettierung. Das ist ärgerlich. Und unnötig ist es auch. Es sind nun schon wieder die ersten Debattenbeiträge für alle zu besichtigen, die es nicht so genau wissen wollen. Leider haben sich in dieser Hinsicht auch Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) und der SPD-Abgeordnete Karl Lauterbach ungeschickt angestellt, ein Mann der, immerhin, demnächst Parteichef werden will.

Herrmann spricht von "geistigen Brandstiftern", Lauterbach twitterte sogar: "Es ist die Hetze der AfD, die dem Rechtsextremismus eine politische Stimme gab. Durch diese Hetze fühlen sich einzelne Verbrecher legitimiert, ihre Grausamkeiten zu begehen. Den Hetzern der AfD wollen die Verbrecher, auch der in Halle, gefallen. Die AfD trägt eine große Mitschuld."

Das ist offenbar schnell dahingeschrieben und im Zorn. Oder schlimmer noch: aus Kalkül. Dem wichtigen Kampf gegen die Rechten – die AfD ausdrücklich eingeschlossen – hilft das nicht. Lauterbach und Hermann machen es der AfD damit zu leicht, sich aus der Verantwortung zu stehlen. Nicht für die Morde in Halle. Sondern für ein gesellschaftliches Klima der Verrohung. 

Die Tat von Halle aber ist zu monströs, um mit der Schuldfrage leichtfertig zu jonglieren.

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