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Berlin³ Die Bundeskanzlerin und das Coronavirus: ein Merkel-Moment


Die Kanzlerin gibt bei ihrer ersten Pressekonferenz zum Coronavirus ein gutes Beispiel ab: Die Lage ist ernst. Sie wird garantiert noch ernster. Ein Grund, in Panik zu verfallen, ist das aber nicht, meint stern-Korrespondent Axel Vornbäumen.

Oh ja, es gab sie schon, die historischen Auftritte von Angela Merkel. Auftritte, mit denen sie unbestritten das Land verändert oder, ganz im Gegenteil, vor großen Veränderungen bewahrt hat. Ihr "Wir schaffen das" gehört in diese Kategorie, Sommer 2015, während der Flüchtlingskrise. Gleiches gilt für das ostentativ unaufgeregte "Die Spareinlagen sind sicher", verkündet auf den Treppen des Kanzleramts an der Seite ihres damaligen Finanzministers Peer Steinbrück, inmitten der Finanzkrise.

An diesem Mittwoch wird die Bundeskanzlerin in der Bundespressekonferenz in Berlin gefragt, wie sie denn selbst auf dieser pseudo-historischen Skala ihren heutigen Auftritt einordnen würde. Es ist die letzte Frage nach einem 75-minütigen Auftritt, den sie gemeinsam mit ihrem Gesundheitsminister Jens Spahn und dem Präsidenten des Robert Koch-Instituts, Professor Lothar Wieler, absolviert. Eigentlich sind es sogar zwei. Denn es ist gewissermaßen die Gretchenfrage zum Ernst der Lage: Kanzlerin, was ist nun mit Corona? Und die Frage danach, ob das mal wieder ein Merkel-Moment sei.

Schlimmer wird es allemal

Das sind gute Fragen. Und Angela Merkel hat eine gute Antwort darauf. Sie sagt: "Wir sind am Anfang einer Entwicklung, die wir noch nicht genau voraussehen können."  

Übersetzt heißt das: Es ist noch nicht so schlimm, mit dem Virus in Deutschland, aber schlimmer als heute wird es allemal. Mutmaßlich sogar schlimmer, als ihr euch das  vorstellen könnt oder wollt. Liebe Landsleute, bleibt ruhig, seid vernünftig, seid solidarisch, zeigt Herz und Verstand. Ich, Angela Merkel, tue das ja schließlich auch.

An diesem Mittwoch in Berlin wird mal klar: Kanzlerin sein, in Zeiten von Corona – das heißt, Dinge zu tun und zu veranlassen, die sich jedem Einzelnen in einer aufs Ego getrimmten Welt nicht auf Anhieb erschließen oder erschließen wollen. Merkel, die Physikerin, folgt dabei einem klaren Fahrplan: Sie verlässt sich auf die Expertise der Wissenschaftler, hält sich an deren Forderungen, dass das Dringendste, was man nun in kollektiver gesellschaftlicher Kraftanstrengung tun muss, ist, die Ausbreitung des Virus möglichst zu verlangsamen. Das mag denen unsinnig erscheinen, die in den kommenden Wochen und Monaten Corona wie einen lästigen Schnupfen überstehen werden. Aber es ist der gebotene solidarische Akt all denen gegenüber, die auf ein funktionierendes Gesundheitssystem angewiesen sind, weil es andernfalls für sie tödlich enden könnte.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn an der Seite von Kanzlerin Angela Merkel 
Bundesgesundheitsminister Jens Spahn an der Seite von Kanzlerin Angela Merkel 
© Sean Gallup / Getty Images

Dieser Mittwoch ist doch ein Merkel-Moment

Dieser Mittwoch ist dann doch ein Angela Merkel-Moment. Weil er auch auf den letzten Metern ihrer Kanzlerschaft zeigt, dass die Dimension für die Bedrohung einer stabilen Gesellschaft offenbar erst noch erfunden werden muss, um sie aus der Ruhe zu bringen. 60 bis 70 Prozent der in der Bundesrepublik lebenden Menschen werden sich in den kommenden Monaten mit dem Virus infizieren, prognostiziert die Kanzlerin.  In einem 80-Millionen-Volk könnten das ungefähr 50 Millionen Menschen sein.  Eine Pandemie. Merkel hält mit diesen Zahlen nicht hinter dem Berg. Im Gegenteil: Sie nutzt sie zur unaufgeregten Einstimmung für gerade erst anbrechende Zeiten, die unser aller Leben in den kommenden Monaten erheblich verändern werden.

Während ihres Auftritts vor der Bundespressekonferenz wird sie an einer Stelle auch gefragt, was sie von den Hamsterkäufen in den Supermärkten hält. Angela Merkel sagt: "Maß und Mitte ist die richtige Antwort."

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