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Berlin vertraulich!: Alles neu macht der April

Die Berliner-CDU trauert um einen ihrer großen Wein-Philosophen. Währenddessen geht Klaus von Dohnanyi gemeinsam mit Thilo Sarrazin gegen die SPD vor. Fehlt nur noch, dass gerade der nun FDP-Spitzenkandidat wird.

Von Hans Peter Schütz

Alles neu in Baden-Württemberg: die CDU weg von der Regierung, die FDP in der Opposition. Aber eine Form der Anbindung ans Ländle bleibt zur höchsten Freude der Berliner Journalisten - das traditionelle Badische Spargelessen, zu dem rund 180 Medienvertreter auch dieses Jahr zum 27. Mal in die baden-württembergische Landesvertretung an der Spree eingeladen worden sind.

Es findet trotz des Machtverlustes in Baden-Württemberg statt, weil nach Auffassung der CDU rund um Bruchsal und Schwetzingen trotz ihrer Wahlschlappe auch in diesem Jahr wieder frischer Spargel wachsen wird.

Festredner in der Berliner Landesvertretung wird einmal mehr am 19. April Bundesratsminister Prof. Wolfgang Reinhart sein, der seit Jahren seine Gäste außer mit Spargel auch mit besten Weinen aus Deutsch-Südwest und überaus philosophischen Kommentaren über ihre jeweiligen Stärken und Schwächen beglückt.

Dieses Jahr leider zum letzten Mal. Ein Glück seufzen sie in der Landesvertretung, dass die Regierungsumbildung in Stuttgart bis zum 19. April nicht abgeschlossen sein kann. Denn einen vergleichbaren Wein-Philosophen gebe es bei den Grünen garantiert nicht, bei der SPD sowieso nicht.

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Nächste Woche findet in Berlin wieder einmal ein politisches Schachturnier statt, zu dem die Abgeordneten eingeladen sind. Unter anderem wird getestet, wer von den Volksvertretern am längsten dem Schach-Großmeister Jan Gustafson standhält.

Nicht am Brett sitzt jedoch Wirtschaftsminister Rainer Brüderle, den einige seiner FDP-Parteifreunde gerne matt als Minister setzen möchten. Er verteidigt sich schachtechnisch dagegen mit dem Satz: "Der Turm eignet sich nicht als Bauernopfer."

Ob er damit seinen Rang als politischer FDP-Großmeister verteidigen kann? Auf Dauer wohl kaum. Denn die Politik lebt davon, dass zuweilen Damen und Türme wie jetzt bei der FDP als taktische Bauernopfer benutzt werden.

Deshalb haben sich Otto Schily und Wolfgang Schäuble, die beiden besten Schachsspieler in der politischen Szene Berlins, nie darauf eingelassen.

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Wie sehr Wahlergebnisse die politische Wertschätzung verändern können, diese Erfahrung muss jetzt der Stuttgart-21-Schlichter Heiner Geissler (CDU) machen.

Im März wollte die FDP-Fraktion in der Regionalversammlung Stuttgart den Alt-Generalsekretär der CDU für seine Rolle als Schlichter noch für den Hans-Peter-Stihl Preis vorschlagen, "weil er mit seinem Schlichterspruch klare Regeln für die Fortführung des Projekts gesetzt" habe. Er habe damit den Ehrentitel "Regionaut" wie kein anderer verdient.

Das soll nun nicht mehr gelten, nachdem die FDP bei der Landtagswahl die schwarz-gelbe Mehrheit nicht verteidigen konnte. Der FDP-Landespolitiker Wolfgang Weng sagte jedenfalls jetzt, es falle der FDP nicht leicht, an dem Vorschlag festzuhalten, weil "Geissler sich doch immer als Hassprediger gegen die FDP aufführe.

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Weshalb hat sich der Hamburger Genosse und ehemalige Bürgermeister, Klaus von Dohnanyi, als Mitglied in den Ethikrat von Angela Merkel berufen lassen, der den Ausstieg aus der Atomindustrie politmoralisch begleiten soll?

Anfragen dieser Art beantwortet die SPD-Zentrale mit Lächeln und eindeutigem Tippen gegen die Stirn. Von Dohnanyi sei doch sowieso der einzige ehemalige Spitzenmann der SPD, der immer besonders eifrig dabei sei, wenn es gegen die eigene Partei gehen.

Typisch für ihn sei doch, dass er sich dem Noch-Genossen Thilo Sarrazin als Rechtsanwalt für das kommende Parteiausschlussverfahren angedient habe. Er komme mit seinem Bedeutungsverlust nach dem Ausscheiden aus politischen Spitzenämtern einfach nicht klar.

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Wahr oder nicht wahr? In der Politik grundsätzlich eine nur schwer beantwortbare Kernfrage. Deshalb wird die politische Szene von Journalisten gerne für 1.-April-Fragen benutzt. Für reichlich Verwirrung sorgten sie auf der medial gut besetzten Berliner Szene daher in diesem Jahr.

Thilo Sarrazin werde bei den Berliner Landtagswahlen im Herbst als Spitzenkandidat der FDP antreten, meldete der "Tagesspiegel". Der Ex-Finanzsenator Berlins und erfolgreiche Buchautor sei schließlich für die leistungsorientierten Liberalen eine Idealbesetzung, zumal er in seinem Buch - "Deutschland schafft sich ab" - heftige Kritik am deutschen Sozialversicherungssystem übt. Hinzu komme, dass das Sarrazin-Buch eine höhere Auflage habe, als das FDP-Programm jemals erreichen werde.

Aprilmäßig sehr erfolgreich war auch die "Berliner Morgenpost" mit einer groß aufgemachten detaillierten Reportage darüber, dass geplant sei, die derzeit gerade in Renovierung befindliche Siegesgöttin umzudrehen und künftig von Westberlin in den Osten der Stadt blicken zu lassen, um den Ossis nach der Wiedervereinigung durch die "Goldelse" Respekt zu zollen. Auch das haben viele Berliner geglaubt. Denn einige forderten sofort, dann müsse man auch die Quadriga auf dem Brandenburger Tor umdrehen.

Richtigen Ärger bekam der neue Chef der Berliner Grünen, Daniel Wesener , der laut "taz" angeblich eine Sperrstunde für Touristen in Kreuzberg fordere. Er musste den ganzen Samstag lang dementieren: "Mit mir hat niemand darüber gesprochen!" Dass es Menschen gibt, die den Grünen eine Sperrstunde überhaupt zutrauen, hat Wesener besonders verdrossen.