Berlin vertraulich! Die SPD sucht einen Verlierer


Sucht die SPD einen Kanzlerkandidaten für 2009? Nein, eher den Mann, der dann verlieren darf. Da hat Kurt Beck, der "natürliche Kandidat", die besten Chancen. An einen Wahlsieg glaubt keiner mehr. Man wäre schon zufrieden, wenn die SPD "nicht auf dem Misthaufen" landet.
Von Hans Peter Schütz

Egal, was irgendwo irgendeiner der Genossen in der SPD-Spitze derzeit treibt: Sofort bemächtigt sich die politische Spekulation des Ereignisses. Da verkündet der kurzzeitige SPD-Vorsitzende und brandenburgische Ministerpräsident Matthias Platzeck, dass er im Juni gedenke, die ihm standesamtlich bereits angetraute Jeannette Jesorka nun auch kirchlich zu heiraten. So weit, so belanglos. Dass sich aber unter den 200 geladenen Gästen auch Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier befindet, wird von den Getreuen um Parteichef Kurt Beck, (ja, die gibt es tatsächlich noch) selbstredend als Signal dafür gewertet, dass Platzeck dem von ihm geschätzten Genossen Steinmeier eine Bühne zur Verfügung stellen will, sich als Kanzlerkandidat zu profilieren. Die schlichte Tatsache: Steinmeier kandidiert 2009 in Brandenburg für den Bundestag.

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Oder: Da verlässt eine Pressemitteilung die Berliner SPD-Zentrale, in welcher der "Tägliche Fehltritt des Michael Glos" angeprangert wird. Als Absender grüsst der Ex-SPD-Vorsitzende und Ex-Arbeitsminister Franz Müntefering. Schon wieder ein Manöver, um den Koalitionsfrieden zwischen Angela Merkel und Kurt Beck zu stören? Merkwürdig nur, dass "Münte" in der Pressemitteilung als "Generalsekretär der SPD" zeichnet. Ist er vom Krankenbett seiner Frau in die Berliner Politik zurück geeilt, weil es bei der SPD drunter und drüber läuft? Mitnichten. Die Pressemitteilung ist vom 18.Juli 2002. Da war die SPD noch in bester Schröder-Form und Glos einer ihrer Lieblingsgegner gewesen. Aber kennzeichnend für die Lage ist: Dass die Journalisten immerhin in der SPD rückgefragt haben, ob es denn möglich sein könne, dass... Hatte Müntefering denn nicht letzthin erklärt (besser: angedroht), er werde dafür sorgen, dass die SPD bei der Bundestagswahl 2009 "nicht auf dem Misthaufen" lande?"

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Oder: Aufmerksam wurde notiert, dass während der letzten SPD-Fraktionssitzung vor der Osterpause Beck und Steinmeier drei Stunden lang nebeneinander saßen - und die ganze Zeit kein Wort miteinander wechselten. Das wurde sofort als Beweis dafür genommen, dass der SPD-Chef im Außenminister einen echten Konkurrenten bei der Kanzlerkandidatur für 2009 sieht.

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Und dann mischt auch noch der SPD-Fraktionsvorsitzende Peter Struck mit. Der nennt zwar Beck den "natürlichen Kandidaten" für die Kanzlerkandidatur. Fügt dann aber eher tückisch den Satz an: "Ich halte Frank-Walter Steinmeier für geeignet, Kanzlerkandidat zu sein." Und weil er schon mal so schön am Spekulieren ist, murmelt er hintendrein, auch Bundesfinanzminister Peer Steinbrück gehöre in die Kandidaten-Riege. Das wurde sofort als zusätzlichen Knietritt Strucks gegen den SPD-Chef interpretiert, denn Steinmeier und Steinbrück gelten als Befürworter der Politik von Ex-Kanzler Gerhard Schröder, der wiederum nichts hält vom "Linksruck" Becks und dessen Abschied von der Agenda 2010. Alles klar in der SPD? "Alles Quatsch," sagt ein Mitglied der SPD-Führung. "In der Verfassung, in der sich die SPD derzeit befindet, benötigen wir einen speziellen Kandidaten: Einer, der es auf sich nimmt, die Wahl 2009 zu verlieren." Alle anderen suchten ihre Chance im Jahr 2013. Also wer wird's? Wir wetten: Beck.

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Apropos Wetten. Eine Flasche Grand Cru hat der bayerische Bundesratsminister Markus Söder mit uns darauf gewettet, dass die CSU trotz ihres eher bescheidenen Abschneiden bei den Kommunalwahlen locker ihr sich selbst vorgegebenes Wahlziel von 50 Prozent plus X bei der Landtagswahl im Herbst erreichen wird. Als wir dies bezweifelten, sagte Söder: "Da halte ich sofort dagegen, obwohl meine Frau mir immer verbietet zu wetten" und schlug ein.

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Die neue Juso-Vorsitzende Franziska Drohsel hat immer noch nicht realisiert, dass sie im neuen Amt nicht mehr in der politischen Kreisklasse spielt, sondern in der Bundesliga. In Hintergrundgesprächen mit Hauptstadt-Journalisten fällt sie dadurch auf, dass sie nach 45 Minuten nichts mehr zu sagen hat. Vollends auf die Nase fiel sie, als sie sich traute, mit Gregor Gysi über den Neoliberalismus zu diskutieren. Der macht schon im Bundestag die führenden Sozialdemokraten rhetorisch regelmäßig nieder. Drohsel ging im Duell mit ihm völlig unter. Ihre Verteidiger argumentieren jetzt damit, dass die junge Genossin ja ohnehin für ein Bündnis mit den Linkssozialisten sein.


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