HOME

Berlin vertraulich!: Neue Brillen trägt das Land

Ist Ihnen CSU-Generalsekretär Dobrindt aufgefallen? Auch er trägt nun ein Woody-Allen-Gestell auf der Nase. Schwarz, klobig, kantig. Berlin in Zeiten der Brillen-Manie.

Der CDU/CSU-Fraktionsvorsitzende Volker Kauder hat dieser Tage die Berliner Journalisten begeistert - weil er die Kanzlerin so gut imitiert hat. Mit hoher Frauenstimme, einige Zuhörer berichten sogar von einer "Fistelstimme", habe Kauder zwei Mal sehr unterhaltsam die Angela gegeben. Mit dem Rollenspiel wollte Kauder darüber informieren, wie Angela Merkel, zuweilen auch "Mutti" genannt, ihre Unzufriedenheit zum Ausdruck bringt, wenn es in der CDU/CSU-Bundestagsfraktion politisch mal nicht ganz zu ihrer Zufriedenheit läuft.

*

Vor einem harten Jahr steht der Chef der baden-württembergischen CDU-Landesgruppe im Bundestag, Thomas Strobl. Er hat etwas gemacht, was er selbst als "doppelte Dummheit" beschreibt. Zum einen hat er mit CSU-Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich verabredet, am 30. September am Berlin-Marathon teilzunehmen. Schlimmer noch: Bis dahin, so ist zwischen den beiden Unionspolitikern fest verabredet, wird kein Schlückchen Wein mehr getrunken. Das könnte schwierig werden. Denn Strobl muss natürlich im Mai auch am traditionellen "Trollinger-Halbmarathon" in seinem Wahlkreis Heilbronn mitlaufen. Was wäre, wenn er dort dann ein Schlückchen nehmen müsste, weil er gut abschneidet? Strobls Ehefrau Christine, die älteste Tochter von Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble, schüttelt den Kopf über die Marathon-Verabredung der Männer: "Ihr steckt vermutlich in eurer Midlife-Krise", hat sie ihrem Mann mitgeteilt. Strobl widerspricht nicht: "Vermutlich hat sie Recht."

*

Zuweilen sind die Gedanken von Bundestagsabgeordneten nur schwer zu verstehen. Da bringt es die SPD-Abgeordnete Petra Merkel, immerhin Vorsitzende des gewichtigen Haushaltsausschusses, fertig, sich bei Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) über ihr Gehalt zu beklagen. Zurzeit bekommt Merkel 7668 Euro Diäten. Nicht gerade eine politische Sozialhilfe. Aber Merkel will mehr, weil sie, so ihre Begründung, als Ausschussvorsitzende härter arbeite. Merkel zur Berliner "B.Z.": "Ich mache mehr als der normale Abgeordnete." Schließlich bereite sie Sitzungen vor, berufe sie ein und leite sie. Das ist im Prinzip richtig, doch hat sie dafür auch erheblichen höheren politischen Einfluss. Was vollends verblüfft, ist die Internetseite der Sozialdemokratin. Dort kann man schon über die Diäten von Bundestagsabgeordneten lesen: "Das ist viel Geld." Jedenfalls mehr als viele Wählerinnen und Wähler verdienen würden. Merkel dazu völlig logisch: "Es wäre deshalb auch falsch, wenn sich Abgeordnete darüber beklagten, dass sie zu wenig verdienen." Was kann Lammert der Genossin antworten? Wir schlagen vor: "Am besten ziehen Sie sich als Hinterbänklerin zurück. Dann können Sie gut bezahlt faulenzen."

*

Woran liegt es, dass sich der FDP-Vorsitzende Philipp Rösler so schwer tut, ein wenig mehr politisches Profil zu gewinnen? Ganz einfach, sagt die Brillenindustrie: Der guckt immer noch randlos in die politische Szene. Viele andere Politiker haben längst das Problem erkannt: Wer keine Masse auf der Nase trägt, hat kein politisches Gewicht. Massig und kantig blickt inzwischen fast jeder daher: Etwa Guido Westerwelle, der angeblich mit neuer Brille den Versuch wagen will, in der FDP irgendwie wieder nach oben zu kommen. "Rebellisch-wuchtig", so die modischen Dingen eher nicht zugewandte "Frankfurter Allgemeine", die dem Thema gleich fast eine ganze Seite gewidmet hat, blicke inzwischen auch der FDP-Aufmüpfler Frank Schäffler drein, der ja seine Partei in den letzten Monaten ordentlich rumgeschüttelt hat. Aber keiner kommt mit seiner neuen Brille so auffällig daher wie Alexander Dobrindt, der CSU-Generalsekretär. Bisher trug er gar keine, jetzt kommt er laut FAZ "woodyesk-klobig" daher. Ob das dem politischen Gewicht der CSU in Berlin dient? Dobrindt selbst, bisher eher von barockem Bäuchlein geschmückt, hat zehn Kilo abgenommen und sich die neue Brille verpasst. Und die CSU? Bräuchte vielleicht auch einen neuen Rahmen.

Von Hans Peter Schütz