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Berlin vertraulich!: Wir Schmierfinken

In der Regel schreiben Journalisten über Politiker. Nun durften endlich mal Berliner Politiker über Journalisten schreiben. Glasklar, dass das Buch mit dem Titel "Schmierfinken" daherkommt. Was steht drin? Und: Stimmt das alles?

Von Hans Peter Schütz

Ende der Woche wird in Berlin ein Buch vorgestellt mit dem sämigen Titel "Schmierfinken. Politiker über Journalisten." Herausgegeben im Heyne Verlag von den Journalisten Mayritt Illner (ZDF) und Hajo Schumacher, früher beim "Spiegel".

Manche Politiker schreiben sich darin ihren Ingrimm von der Seele. Etwa die Bundesvorsitzende der Grünen, Claudia Roth. Sie macht sich über den "Bild"-Kolumnisten Franz Josef Wagner her mit dem Satz: "Lieber Franz Josef Wagner, eigentlich wollte ich ja dem lieben Gott schreiben, aber warum an den lieben Gott, wenn ich auch an Sie schreiben kann." Und dann schlägt sie zu: Die Kolumne Post von Wagner "kann sein wie ein Einschlag ins Leben, nur leider oft schlechter gezielt als beim Blitzeschleuderer Zeus". Ob Roth damit meint, er sei ein Schmierfink?

stern.de-Leser lernen in dem Buch auch Journalisten näher kennen, die oft für sie schreiben. Den stern-Kolumnisten Hans-Ulrich Jörges beispielsweise, den Thüringens Ministerpräsident Dieter Althaus charakterisiert und dabei die Straßenkämpfer-Jugend von Jörges in Frankfurter Sturm- und Drangjahren nicht ausklammert. Dass der "junge Revoluzzer" bei Hausbesetzungen dabei war, beim Rausreißen von Pflastersteinen aus Gehwegen. Einen roten Faden sieht Althaus daher im Leben von Jörges: "Er passt in keine Schublade, weil er den Mut hat zur klaren Positionierung, aber keinem Klischee folgt."

Den stern-Reporter Hans-Martin Tillack, porträtiert die FDP-Europapolitikerin Silvana Koch-Mehrin. Sie räumt fair ein, dass er in seinen fünf Jahren als Korrespondent in Brüssel der mit Abstand beste Rechercheur war. Den Skandal, den er nicht aufdeckte, den gab es nicht. "Fast im Alleingang hat er die EU-Institutionen in Panik versetzt", schreibt Koch-Mehrin.

Es klingt wie ein erleichterter Seufzer, wenn sie ihm nachruft, seit seinem Wechsel nach Berlin sei es in Brüssel "wieder ruhiger geworden". Vielleicht liegt es daran, dass sie Tillack unter die Überschrift stellt, er sei eine "Nachrichtenratte". Eine Attacke unter der Gürtellinie - und riskant, denn Tillacks wachsames Auge reicht noch immer über Berlin hinaus nach Brüssel. Leicht möglich, dass Koch-Mehrin ihm bald mal wieder auffällt. Ihr sparsamer Arbeitseinsatz im Europaparlament könnte ihn zu intensiver Beschäftigung reizen.

Und dann erzählt die FDP-Politikerin Cornelia Pieper wie sie eine "stern-Volontärin" in ihr Umfeld gelassen habe, als eine Art Mentorin der jungen Dame. Die Geschichte, die dann im stern erschien, hatte den Titel "Piep piep, piep, ich hab euch alle lieb". Und beschrieb in ganzen zwei Sätzen, wie der 18-Jährige Pieper-Sohn Hanfpflanzenzucht im Blumentopf betrieb und das Gewächs schnell entfernte, als die Journalistin auftauchte.

Heute behauptet Mutter Pieper, ihrem Sohn sei die aufputschende Wirkung des Hanfs völlig unbekannt gewesen. Der habe damals soeben seine "Liebe zur Botanik" entdeckt und "mit Vorliebe Vogelsamen eingepflanzt". Von sauberer Recherche wolle sie da nicht reden, klagt Frau Pieper, der damals die Drogenfahnder ins Haus kamen.

Einspruch. Präzise ausgekundschaftet war der Hanftopf sehr wohl. Im Gegensatz zu Piepers Behauptung, im stern habe gestanden, "ich würde auf meiner Terrasse Cannabis in Blumentöpfen züchten, oder besser gesagt, mein Sohn". Stand da nirgendwo. Und niemals hat Frau Pieper damals Klage gegen das stern-Porträt über sie erhoben. Den Namen der Autorin nennt sie auch in ihrer spät nachgeschobenen Attacke nicht. Zu feige dazu? Die "Volontärin" war, wir dürfen es verraten, die stern-Reporterin Franziska Reich. Was uns vermuten lässt, dass Piepers anonymisierte Attacke damit zusammen hängt, dass sie in diesem Fall genau weiß: Schmierfinken im Sinne dieses Buches gibt es überall, auch in der Politik.

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Großen publizistischen Erfolg hatte CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt mit dem Satz, der Weg aus der Finanz- und Wirtschaftskrise funktioniere nicht "mit dem Steinmeier-Defekt sondern nur mit dem Guttenberg-Effekt". Speziell für stern.de hat Dobrindt, früher Leiter der Arbeitsgruppe Wirtschaft und Forschung in der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, jetzt die beiden Effekte genauer definiert.

Der Steinmeier-Defekt geht nach seiner Definition wie folgt: "Unternehmern Steuergelder hinterher feuern, wo Manager versagt haben und Eigentümer ihrer Verantwortung nicht nachkommen wollen." Der Guttenberg-Effekt: "Auf dem Boden der sozialen Marktwirtschaft stehen, für Wachstum und Arbeitsplätze kämpfen. Steuergelder verantwortungsvoll einsetzen". Wetten, dass die beiden Begriffe alsbald in den Lehrbüchern für Soziale Marktwirtschaft stehen?

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Als ziemliche Zumutung, politisch betrachtet, konnte man Maybritt Illners TV-Stunde mit Angela Merkel vergangene Woche betrachten. Als unerträgliche Zumutung kam einer ihrer Gäste, der Freiburger Stephan Schwär, ins Bild. Dreifacher Familienvater und zu Langatmigkeit neigender Gerechtigkeitsfanatiker, der vor dem Sozialgericht Freiburg gegen zu hohe Sozialversicherungsbeiträge für Familien klagt. Er komme, obwohl seine Frau halbtags als Krankenschwester mitarbeite, kaum über die Runden, weil die Sozialversicherungsbeiträge für Familien mit Kindern zu hoch seien.

Wie gesagt, sehr mitreißend war Schwär nicht. Aber in einem Punkt hat er die TV-Leute schwer beeindruckt. Er hat darum gebeten, nicht in einem der Berliner Fünf-Sterne-Hotels während des TV-Aufenthalts in der Hauptstadt einquartiert zu werden. Er wolle in ein "normales" Hotel. In den Edelherbergen schmecke ihm schon das überreichliche Frühstück nicht.