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Bildungsministerin unter Plagiatsverdacht: Extrembedingungen für Dr. Schavan

Berlin ist weit weg. Doch auch auf der Israelreise kann Bildungsministerin Schavan den Vorwurf nicht abschütteln, bei ihrer Doktorarbeit geschummelt zu haben. Auf dem Spiel steht mehr als ein Titel.

Von Laura Himmelreich, Jerusalem

Der Tag, an dem über ihr weiteres Leben entschieden werden soll, beginnt mit Business as usual. Arbeitsfrühstück im Hotel King David um 7.45 Uhr. Gegen halb neun steht Annette Schavan vor dem Jerusalemer Luxushotel und wartet auf ihre Limousine. Sie will nicht darüber reden, dass sie heute ihr Amt als Bildungsministerin verlieren könnte: "Ich weiß nicht, ob heute überhaupt etwas entschieden wird", sagt sie etwas pampig. 3000 Kilometer entfernt in Düsseldorf wird wenige Stunden später der Promotionsausschuss über die Vorwürfe beraten, die Ministerin habe bei ihrer Doktorarbeit bewusst getäuscht. Schavan will über das Verfahren nicht sprechen, sie blockt ab: "Im Gegensatz zur Universität, wahre ich die Vertraulichkeit", sagt sie, steigt in ihre Limousine und bringt sich vor weiteren Fragen in Sicherheit.

Israel werde "ihre Abschiedsreise", frohlockt Zuhause in Berlin die Opposition. Auf jeden Fall passt der Titel der deutsch-israelischen Forschungskooperation, für die Schavan nach Israel gekommen ist, zur Situation der Ministerin: "Life under extreme conditions", Leben in Extrembedingungen.

Während der Reise ist die Welt in Ordnung

Zum Skandal ist mittlerweile nicht nur der Vorwurf des Plagiats geworden, sondern auch der Umgang der Uni Düsseldorf mit der Ministerin. Ein Mitglied der Prüfungskommission leitete das Gutachten an die Presse weiter, indem der Ministerin vorgeworfen wird, bei ihrer Doktorarbeit abgeschrieben zu haben. Und das, bevor Schavan selbst von den Anschuldigungen erfahren hat. "Ich werde kämpfen", sagt die Ministerin trotzig in die Fernsehkameras, als sie vor dem Hörsaal der Hebrew University steht. "Das bin ich mir schuldig, und das bin ich der Wissenschaft schuldig."

Doch sollte die Prüfungskommission dem Gutachten zustimmen, wird Annette Schavan sich nicht mehr blicken lassen können, in den Hörsälen dieser Welt. In Jerusalem tragen andere Redner nicht nur einen Titel. Sie dürfen sich gleich "Professor Doktor Doktor" nennen. Schavan betreute nach ihrem Studium selbst zahlreiche Doktoranden, sie leitete eine Studienförderung, sie war Kultusministerin in Baden-Württemberg, sie unterrichtet als Honorarprofessorin an der Freien Universität Berlin. Wäre Schavan ihren Titel los, wäre das auch ihr Abschied aus dem Umfeld, in dem sie ihr Leben verbracht hat.

Zumindest so lange sie in Israel ist, bleibt ihre Welt noch in Ordnung. Während sie im Hörsaal der Uni ihre Rede hält, wirft ein Projektor mehrere Meter breit auf eine Leinwand: "Prof. Dr. Annette Schavan." Der israelische Bildungsminister lobpreist sie: "Ich genieße jedes Treffen mit Professor Schavan." Der deutsche Botschafter sagt: "Es gibt Unterstützung, auch hier in Gesprächen."

30 Jahre Lebensleistung und ein paar Fußnoten

Am Vorabend saß die Ministerin mit rund einem Dutzend Wissenschaftlern bei 25 Grad und gutem Wein auf der Hotelterrasse mit Blick auf die Altstadt von Jerusalem. Bis 23 Uhr wurde geplaudert und gelacht. Auf die Affäre angesprochen wurde sie nicht, sagt einer aus der Runde: "Sie ist Profi und spielt darüber hinweg, wie es ihr geht, aber ich hatte schon das Gefühl, dass sie angespannt war." Der deutsche Wissenschaftler will nicht, dass hier sein Name steht: "Ich spreche hier als Privatperson", sagt er, "aber wir sind alle pro Schavan". Wenn alle Doktorarbeiten mit den Maßstäben gemessen würden, die man jetzt an Schavans Dissertation anlege, würden siebzig Prozent ihren Titel verlieren, schätzt er. "Es kann nicht sein, dass man 30 Jahre Lebensleistung wegen ein paar Fußnoten in Frage stellt."

Als Schavan am Mittwochnachmittag wieder in das Flugzeug zurück nach Deutschland steigt, liegt in der Heimat mittlerweile eine Strafanzeige gegen Unbekannt vor. Die Staatsanwälte sollen sich auf die Suche nach der undichten Stelle machen, durch die das vernichtende Gutachten an die Presse gelang ist. Die Universität Düsseldorf hat ihr Urteil über Annette Schavans Zukunft an diesem Nachmittag noch nicht gefällt. In Jerusalem sagte der Präsident der Hebrew University: "Frau Schavan, Sie haben noch ein Jahr im Amt. Ich zähle nicht die Tage." Er meinte das nett. Doch vielleicht hat Annette Schavan wirklich nur noch ein paar Tage, die sie in ihrem Amt verbringen darf.