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Shammi Haque aus Bangladesch Auf der Todesliste von Terroristen - Wie eine Bloggerin Islamisten trotzt

Musste vor Extremisten nach Deutschland fliehen: Bloggerin Shammi Haque aus Bangladesch
Musste vor Extremisten nach Deutschland fliehen: Bloggerin Shammi Haque aus Bangladesch
© Thomas Krause
Weil sie sich für Frauenrechte und gegen islamistische Fundamentalisten einsetzt, musste Bloggerin Shammi Haque aus Bangladesch fliehen. Ihr altes Leben ließ sie zurück - und kämpft nun von Deutschland aus für ihre Überzeugungen.

Shammi Haque wirkt zart, fast zerbrechlich. Doch den Fehler, die 22-jährige Bloggerin aus Bangladesch zu unterschätzen, sollte man nicht machen. Denn in ihren Facebook-Posts setzt sie sich seit Jahren für Frauenrechte ein - und zieht damit die Wut islamistischer Extremisten auf sich. Dazu gehört Mut: In diesem Jahr wurden in Bangladesch schon fünf weltliche Blogger von Extremisten ermordet.

Ende Februar zerrten Unbekannte Avijit Roy gemeinsam mit seiner Frau in Bangladeschs Hauptstadt Dhaka aus einer Fahrrad-Rikscha und verletzten ihn mit Macheten so schwer, dass er kurz nach der Attacke starb. Seine Frau überlebte knapp. Ende März hackten zwei Männer Oyasiqur Rhaman mit Fleischerbeilen zu Tode. Mitte Mai stachen vier maskierte Personen den atheistischen Blogger Ananta Bijoy Das in Sylhet zu Tode. Anfang August überfielen vier Männer Niloy Neel in dessen Wohnung und schlugen mit Macheten mehr als ein Dutzend Mal auf ihn ein. Er starb auf der Stelle. In allen Fällen verdächtig: Mitglieder des Ansarullah Bangla Teams, einer extremistischen islamistischen Organisation.

Zwei junge Männer verfolgten sie

Wenige Monate später hockt Shammi Haque im Schneidersitz auf dem Boden zwischen Couchtisch und Ledersessel in einem deutschen Wohnzimmer und berichtet über das Leben als Blogger in Bangladesch. "Nach den Morden hat die Regierung kein starkes Zeichen gegen die Fundamentalisten gesetzt. Dadurch haben die Fundamentalisten den Eindruck gewonnen, dass die Regierung ihnen eigentlich positiv gegenübersteht und sie alles tun können, was sie wollen“, sagt sie. Die Bedrohung von Bloggern sei seit Jahren alltäglich. Auch sie selbst wurde bedroht - schon 2013 bekam sie einen unbequemen Anruf. "Aber ich habe das ignoriert", sagt Haque.

Die Angst kam nach dem Mord an Niloy Neel im August. "Da ging ich tagelang nicht mehr vor die Tür", sagt sie. Wie recht sie mit ihren Befürchtungen hat, zeigt sich am Abend des 27. August. Haque will auf einem Markt in Dhaka etwas einkaufen. Auf dem Weg dorthin merkt sie, dass ihr zwei junge Männer folgen und sich verdächtig verhalten. Sie flieht in einen Laden. Dort trifft sie zufällig einen Freund. Der macht Fotos von ihren Verfolgern und sorgt dafür, dass sie sicher wieder nach Hause kommt. Am nächsten Tag geht Haque mit den Fotos ihrer Verfolger zur Polizei - und wird sofort unter Polizeischutz gestellt.

Job weg, Studium weg, Wohnung weg

Obwohl die Sicherheitsbehörden in ihrem Fall schnell reagierten, sieht Haque die Polizei in Bangladesch eher kritisch. So sei Niloy Neel in der Nähe einer Polizeiwache ermordet worden. Ohne, dass die Täter gestoppt oder schnell gefasst worden seien. "Manchmal nehmen sie jemanden fest und dann steht das groß in den Zeitungen", sagt Haque, "aber ein paar Tage später sind die Verdächtigen frei. Sie kommen sehr leicht gegen Kaution auf freien Fuß."

Trotzdem fühlte sie sich unter Polizeischutz sicherer. "Aber es war eine merkwürdige Situation: Immer waren fünf oder sechs Polizeibeamte um mich herum", sagt Haque. Doch das brachte auch Probleme mit sich. Ihr Arbeitgeber wollte sich nicht damit abfinden, dass ständig mehrere Polizisten in den Büroräumen anwesend waren. Also musste Haque ihren Job aufgeben. Auch ihr Marketing-Studium hie im letzten Semester vor dem Examen an den Nagel hängen. Und schließlich kündigte sie ihre Wohnung und begann, abwechselnd bei Verwandten Freunden zu schlafen. "Nicht alle wollten mich unter ihrem Dach haben. Wenn ich anrief, nahmen viele nicht ab oder riefen nicht zurück", sagt Haque.

Flucht nach Deutschland

Dann ging es ganz schnell. Zehn Tage vergingen zwischen Haques Entscheidung, Bangladesh zu verlassen und ihrer Ankunft in Deutschland. "Ich hatte nicht gedacht, dass ich meine Heimat verlassen muss. Denn ich liebe Bangladesch", sagt Haque. "Ich vermisse mein Land die ganze Zeit. Aber ich fühlte, dass wenn ich bleibe, ich ermordet werde."

Ihre Mutter hatte schon länger darauf gedrängt, dass Haque das Land verlässt. Doch Kopf und Herz sagen manchmal unterschiedliche Dinge. "Der letzte Moment mit meiner Familie am Flughafen war sehr traurig", sagt Haque. Dass Deutschland ihr Ziel war, hatte vor allem mit der deutschen Botschaft in Dhaka zu tun. Dort wusste man über die Situation der Bloggerin Bescheid. Binnen Tagen hatte Haque ein Visum.

Erst Blogger ermordet, dann Verleger

Als am 31.10. der Verleger Faisal Arefin Dipan zu Tode gehackt wirde, ist Haque bereits in Sicherheit. Zwei Tage vor dem Mord an Dipan war sie in Deutschland angekommen. "Der Mord geschah genau gegenüber meiner alten Wohnung in Dhaka", sagt Haque. Und sie sieht in dem Mord eine neue Qualität: "Nun greifen die Fundamentalisten nicht nur Blogger, sondern auch Verleger an." Das sei eine große Gefahr für die Gesellschaft. Denn die Verlage seien mitten in den Vorbereitungen für die größte Buchmesse Bangladeschs. Durch Gewalt könnten Fundamentalisten Verlage dazu bringen, kritische Bücher gar nicht erst zu veröffentlichen.

Auch von Deutschland aus sorgt sich Haque weiter um ihr Land. Sie trifft sich mit anderen Bloggern, die ebenfalls aus Bangladesch nach Deutschland geflohen sind, spricht mit Journalisten über die Lage im Land und bloggt weiter ihre Meinung. Den Islamisten ist sie damit ein Dorn im Auge. Anfang November tauchte ihr Name auf einer "Todesliste" des Ansarullah Bangla Teams auf. "Das macht mir keine Angst", sagt Haque. "Denn ich bin an einem sicheren Ort." Aber als sie ihren Namen auf der Liste las, wusste sie auch: Sie hat die richtige Entscheidung zur richtigen Zeit getroffen.


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