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Bundesparteitag in Neumünster: Drei Piraten auf dem Grill

Die Partei wählt ihren neuen Vorstand. Die Kandidaten stellen sich der Basis. Jeder einzelne soll ins Kreuzverhör genommen werden. Hier die wichtigsten Bewerber.

Von Timo Brücken und Frauke Ladleif

Am Wochenende grillen die Piraten ihre Vorstandskandidaten. Die Partei versammelt sich zum Bundesparteitag in Neumünster und wählt ihre Führungsriege neu. Und jeder Bewerber wird von der Basis ins Kreuzverhör genommen - Grillen eben. Für den Chefposten bewerben sich elf Piraten, gefährlich für Amtsinhaber Sebastian Nerz könnten besonders zwei von ihnen werden: Sein Stellvertreter Bernd Schlömer und die Feministin Julia Schramm.

Julia Schramm

Schramm ist die einzige ernsthafte weibliche Kandidatin für den Vorstand. Da will sie unbedingt rein. Deswegen bewirbt sie sich gleichzeitig als Vorsitzende, Stellvertreterin und Beisitzerin. Die 26-jährige Politologin nennt sich selbst "Post-Gender-Feministin" und inszeniert sich als Denkerin. Sie bloggt "aus dem Leben in der Metamoderne" und zitiert in Diskussion auch mal Hanna Arendt. Mit ihren Positionen eckt Schramm an, auch parteiintern. Auf "Spiegel Online" sagte sie, das Recht auf Privatsphäre sei ein Relikt der 80er-Jahre und forderte: "Keine Macht den Datenschützern". Sie selbst breitet ihr ganzes Leben im Internet aus. Derzeit meidet sie jedoch die Öffentlichkeit, um ihre Kandidatur nicht zu gefährden. Denn aufmüpfige Piraten mit zu viel Medienpräsenz werden von der Basis gerne abgestraft.

Bernd Schlömer

Bernd Schlömer ist mehr der Typ des disziplinierten Beamten. Der 40-Jährige ist Regierungsdirektor im Bundesverteidigungsministerium. Sein Tagesablauf: Um sechs Uhr aufstehen und Partei-E-Mails beantworten. Dann bis 17 Uhr ins Büro. Und nach Feierabend weiter für die Piraten arbeiten, oft bis Mitternacht. Zeit zum Fußballgucken bleibt dem St.-Pauli-Fan da kaum noch, erzählte er dem "Hamburger Abendblatt". Schlömer glaubt fest daran, dass die Piraten mittelfristig irgendwo mitregieren. Schließlich seien sie die "neue digitale Volkspartei" und derzeit "drittstärkste Kraft" in Deutschland - umstrittene Umfragen hin oder her.

Sebastian Nerz

Auch dem jetzigen Piratenchef Sebastian Nerz mangelt es nicht an Selbstbewusstsein. Sollten die Piraten irgendwann in der Regierung sein, wäre er gern Innenminister, sagte Nerz. Seine Ratschläge klingen jedenfalls schon ganz amtsgerecht: Die Menschen müssten lernen, mit ihren Daten sorgsam umzugehen und den Unterschied zwischen einem privaten Gespräch und einem öffentlichen Forum kennen, schreibt er im Piraten-Wiki, dem internen Info-Medium. Als Informatiker und Softwareentwickler ist Nerz quasi ein Prototyp-Pirat, "Nerd" ist für ihn keine Beleidigung. "Zweiter Helmut Kohl", wie er kürzlich bei Twitter lesen musste, aber wahrscheinlich schon. Berliner Abgeordnete hatten gegen den Vorstand gehetzt, Nerz beschwerte sich beim Fraktionschef - und der Shitstorm brach los.

Ob Nerz das nachhängt, zeigt sich am Wochenende. Die Piraten entscheiden, wer sie führen soll: Der Nerd, der Beamte oder die Feministin

FTD

Von:

Timo Brücken und Frauke Ladleif