Bush in Stralsund Das Schwein steht im Mittelpunkt


Iran? Der Nahe Osten? Kollege Putin? Klar, alles wichtig. Aber in der gefühlten, sonnigen Wirklichkeit des Bush-Besuchs steht etwas anderes im Vordergrund: Ein Schwein und eine kleine PR-Attacke von Greenpeace.
Aus Stralsund berichten Jan Rosenkranz und Florian Güßgen

Irgendwie drängt es sich immer wieder in den Vordergrund. Immer wieder ist es Thema bei der Stippvisite des US-Präsidenten in Stralsund: Das Wildschwein. "Ich freu mich auf das Schwein", sagt George W. Bush, "hab's aber noch nicht gesehen." "Erlegt ist es jedenfalls, es war ja sogar ein Fernsehsender dabei", gibt Kanzlerin Angela Merkel zu Protokoll. Und: "Ich glaub, es muss langsam schon auf dem Spieß sein, damit wir heute Abend was davon haben." Dann nämlich soll das Schwein im 36 Kilometer entfernten Trinwillershagen gut durchgegrillt auf den Tisch kommen. Doch soweit ist es noch nicht. Noch ist Stralsund.

Seit gestern Abend gilt der Großteil der Altstadt, die Rote Zone, als Sperrbezirk. Ohne Sondereinladung und Sicherheitscheck führt kein Weg auf den Alten Markt, auf dem der US-Präsident empfangen wird. Dort warten die sorgfältig ausgewählten Zuschauer, dort hält er eine kurze Ansprache, von dort aus kann die Delegation in das Rathaus einziehen, in dem dann binnen einer Stunde die gesamte Agenda der internationalen Politik abgehandelt wird.

"Das gehört sich nicht"

Thomas Janke gehört zu den 1000 Stralsundern, die eine Sondereinladung bekommen haben - und, sicher ist sicher, ordentlich durchgecheckt wurden. Janke ist Lehrer und stellvertretender Schulleiter des Stralsunder Hansa-Gymnasiums, in dem sich derzeit das Pressezentrum befindet. Jetzt steht er zusammen mit 25 Schülern und etwa 300 anderen Gästen auf dem Alten Markt, dem Epizentrum des Bush-Besuches, in einer Art Gatter und wartet auf die Prominenz. Wenigstens er möchte den Präsidenten freundlich empfangen, wenn das schon der Ministerpräsident nicht ordentlich erledigt. Der hatte gestern Abend auf dem Flughafen Laage bei Rostock ein eher unfreundliches Gesicht gemacht, als er Bush die Hand zum Gruße reichte. "Peinlich" findet Janke das. Und dass die andere Hälfte der Landesregierung, die der Linkspartei angehört nämlich, dass die sich auch noch als Redner auf der Anti-Bush-Demo angekündigt haben - "das gehört sich nicht", findet Janke.

Sascha ist 18 und einer von Jankes Schülern. Er ist mit gekommen, weil er sich für Politik interessiert. Anthea, 17 Jahre alt, ist immerhin hier, um was zu erleben. Darum hat auch sie sich am Einlass zwei offizielle Winkelemente mitgenommen, eine deutsche und eine amerikanische Fahne. Zum Winken, dachte sie. Zum Wer-weiß-wofür, denkt die US-Security. Jedenfalls scheint man den Stralsundern nicht recht zu trauen - und lässt die Fahnenstöcke flugs wieder einsammeln.

Damenprogramm ohne Herrn Sauer

Kurz vor 10 Uhr morgens, kurz bevor die schwarze lange Präsidenten-Limousine auf den Platz einbiegt, nimmt Angela Merkel Aufstellung. Zur allgemeinen Überraschung ist sie nicht alleine gekommen: Ehemann Joachim Sauer, der heute mal das Forschen lässt, steht neben ihr. Am Damenprogramm, das unter anderem einen Besuch in der Kinderbibliothek vorsieht, nimmt er jedoch nicht teil, wird später vermeldet.

Dann kommt Bush. Die Menschen schwenken ihre stangenlosen Fahnen. Das Heeresmusikorchester 14 spielt ein "Unterm Sternenbanner" auf, und Merkel küsst Bush erstmals überhaupt - und dann gleich links und rechts auf die Wange. Und die First Lady berührt sie beim Händedruck sanft an der Schulter. Dann nehmen die beiden ein kleines "Bad in der Menge". Zu viel mehr als einem "Hello" und "How are you?" reicht es aber nicht. Julia Ewers ist hinterher trotzdem glücklich, dem "mächtigsten Mann der Welt einmal die Hand gegeben zu haben." Der Oberbürgermeister überreicht Blumen und der Fischermann ein kleines Holzfass Bismarck-Heringe. Die offizielle Jubel-Party am Alten Markt ist auch offiziell ein Erfolg.

Friedensfahnen und Tofu-Hot-Dog

Gemessen an der Zahl von Gegendemonstranten muss US-Präsident George W. Bush einer der beliebtesten Politiker der Welt sein. 5000 Demonstranten hat der Stralsunder Controlling-Professor Harald Wilde für die Kundgebung in der Nähe des Hauptbahnhofes angemeldet, gekommen sind, zumindest bis Donnerstagmittag, nur eine handvoll. Ein paar Hundert sind es, bei wohlwollender Zählung. Das ist wenig, auch wenn die Demonstration offiziell erst um 13 Uhr los gehen soll. Am Tribseer Damm, einer Straße, die vom Hauptbahnhof wegführt, wollten sich die Demonstranten eigentlich sammeln. Jetzt gibt es dort nur paar Plakate zu sehen, ein paar Stände, zum Teil mit dem üblichen bunten Friedensbewegten-Klimbin. Die WASG ist da, und die Zeitung "Neues Deutschland" hat einen Stand, an dem Kugelschreiber verteilt werden. Ein paar Fahnen in Regenbogen-Fahnen gibt es auch, alle mit dem Aufdruck "Frieden". Im Bioladen am Hauptbahnhof wird so eine Fahne als Tischdecke benutzt. Ansonsten wird dort Tofu-Hot-Dog mit Curry-Soße für 1,50 Euro das Stück verkauft. Noch bewegen sich zwischen den Ständen mehr Journalisten als Demonstranten. In einem Hauseingang sitzt eine Gruppe Punks. Die Stimmung ist sonnig-friedlich.

"Wir können hier nicht die großen Massen mobilisieren"

Am Ende des Tribseer Damms wartet ein verlassen wirkendes Podium, auf das am frühen Nachmittag ein PDS-Politiker steigen soll. Daneben steht jetzt Florian Wilde, einer der Organisatoren der Demonstration. Wilde ist ehrlich. "Das ist echt nicht viel", sagt der Pferdeschwanz-Träger. "Bislang ist die Teilnehmerzahl unter unseren Erwartungen geblieben." Die Weltmeisterschaft, sagt er, liefere eine Erklärung. "Da haben viele frei genommen. Die müssen jetzt nacharbeiten." Und überhaupt, für viele potenzielle Demonstranten liege Stralsund geografisch einfach ungünstig. Zu weit weg. Von Berlin und Hamburg, den nächst gelegenen Hauptstädten, braucht man mit dem Zug jeweils etwa drei Stunden. Wilde kann der Versammlung trotzdem Positives abgewinnen. "Zumindest die Stimmung ist gut", sagt er. "Teilnehmer und Polizisten stehen nebeneinander und scherzen." Ein anderer Organisator will nicht von Enttäuschung sprechen. Die Erwartungen seien ohnehin niedrig gewesen, sagt Willy von Ooyen vom "Bundsausschuß Friedensratschlag," der sich normalerweise um Ostermärsche kümmert. "Wir können hier nicht die großen Massen mobilisieren", entschuldigt van Ooyen.

"Die Polizei kontrolliert sehr scharf"

Auch am Stand der WASG haben sie eine eindeutige Erklärung für die maue Beteiligung an der Anti-Bush-Demo. "Die Polizei kontrolliert sehr scharf an den Autobahnen", berichtet ein Mann. Es gebe Gesichtskontrollen, das Gepäck werde durchsucht, das halte die Demonstrationswilligen auf. "Aber die kommen schon noch", sagt er. Auch ein Zug aus Rostock sei soeben erst dort abgefahren. Der Polizei im Hochsicherheitstrakt Stralsund scheint das an diesem Tag ohnehin einerlei zu sein. Sie ist gut gewappnet. Eine Chance, in die Nähe des US-Präsidenten zu kommen, haben die Demonstranten nicht. Der Stadtkern, die "rote Zone", ist für niemanden zugänglich, in der "gelben Zone" im Rest des Ortes, darf nicht demonstriert werden. Außerhalb der Zonen, in der Nähe des Bahnhofs, stehen Polizisten mit neongelben Westen mit dem Schriftzug "Anti-Konflikt-Team" auf dem Rücken. Normalerweise sorgt die Einheit in Berlin-Kreuzberg für Ruhe, am ersten Mai. Der Einsatz in Stralsund scheint dagegen wie ein Zuckerschlecken.

"Wir sind dicht herangekommen an Herrn Bush"

Auffälliger als die Demonstranten am Hauptbahnhof sind Aktionen der Umweltschutzorganisation "Greenpeace". Auf dem Dach der Marienkirche prangt seit Mittwoch ein knallgelbes Plakat mit der Aufschrift: "No Nukes. No War. No Bush." Vier Aktivisten haben es dort befestigt. Auch auf dem Dach eines ehemaligen Speicherhauses am Hafen haben sie ein Banner angebracht. Am Alten Markt, im Zentrum des Geschehens, sorgt Greenpeace kurz vor dem Eintreffen des Präsident für Unruhe. Zwar hat das Oberverwaltungsgericht Greifswalde der Organisation das Demonstrieren auf dem Marktplatz verboten, aber irgendwie haben sich zwei "Greenpeace"-Aktivisten dennoch in den zweiten Turm der Nikolai-Kirche geschmuggelt. Dort entrollen die beiden vor Bushs Ankunft ein etwa zwei mal zwei Meter großes Plakat. Kurz darauf werden sie von der Polizei festgenommen. Mittlerweile sind sie nach Greenpeace-Angaben wieder auf freiem Fuß. Für Greenpeace-Pressesprecherin Svenja Koch ist die Aktion in jedem Fall ein PR-Erfolg. "Wir sind sehr dicht ran gekommen an Herrn Bush", sagt Koch stern.de. "Wir haben ihm unseren Protest gegen Atomwaffen sehr nahe gebracht."


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