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Meinung

Corona-Krise: Wir müssen jetzt locker bleiben – auch wenn die Lockerungen noch lange nicht locker genug sind

Wer auf ein Ende des Ausnahmezustands nach Ostern gehofft hatte, dürfte enttäuscht sein: Viele Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie werden uns noch eine Weile erhalten bleiben. Wichtig ist weiter, dass wir darüber nicht die Geduld verlieren. Ein harter Test.

Sehen Sie hier Merkels Statement zur Corona-Krise

Zugegeben, es wäre auch schwierig gewesen für Angela Merkel, uns alle Wünsche auf einmal zu erfüllen: Die einen wollen endlich wieder zu mehr als zwei Personen zusammen sein, die anderen erwarten einen Kickstart für die Wirtschaft. Die Kinder wollen wieder in die Schule, und die Eltern wollen ihre Kinder endlich wieder in die Schule schicken. Der Friseur will seinen Laden öffnen, der Buchhändler aber auch.

Ziemlich viele Forderungen aus einer Bevölkerung, die nach 24 Tagen Ausgangsbeschränkung verständlicherweise immer ungeduldiger wird. Eigentlich klar, dass alles auf einmal nicht möglich sein kann. Ebenso berechtigt sind die regelmäßigen Einwände der Verfassungsrechtler, dass wir unser Dasein gerade in einem quasi grundrechtsfreien Zustand fristen und dies selbstverständlich dringend eine Ausnahme bleiben muss.

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Ziemlich kleine Schritte zurück in Richtung Normalität

Und so war dieser "Tag der Entscheidung" mit nervöser Spannung erwartet worden: Welche Lockerung würde die Bundeskanzlerin verkünden? Wie groß würden die Schritte zurück in Richtung Normalität ausfallen?

Die Antwort: klein.

Ziemlich klein. Aber das war eigentlich schon vorher klar: "Der Pfad, den wir also in den nächsten Wochen gehen müssen, ist ein schmaler: zwischen vorsichtiger, schrittweiser Lockerung und Bewahrung unserer Fortschritte im Kampf gegen die Epidemie", hatte Regierungssprecher Steffen Seibert bereits im Anschluss an Merkels Sitzung mit dem Corona-Kabinett betont.

Und so kommt es zunächst bloß zu behutsamen Lockerungsmaßnahmen, was einen Etappensieg der Hardliner Merkel und Söder über Exit-Drängler wie Laschet belegt: Kleinere Geschäfte sollen wieder öffnen dürfen, auch ein Schulstart ist in Sicht. Demgegenüber steht eine Verlängerung des Kontaktverbots, Großveranstaltungen bleiben sogar noch monatelang untersagt, die Grenzen bleiben dicht und so weiter und so fort.

Es ist viel darüber gesprochen worden, dass die Regierung der Bevölkerung einen Weg aus der Krise aufzeigen müsse, ein Licht am Ende des Tunnels, erst recht bei flächendeckender Verlängerung der Maßnahmen. Am Ende dieses "Tages der Entscheidung" bleibt festzuhalten: Licht ist noch nicht wirklich zu sehen.

Das ist durchaus zum Verzweifeln: für gestresste Eltern, für Selbstständige in Existenznöten, für Alleinstehende im psychischen Ausnahmezustand, für Angehörige in Angst um geliebte Menschen – jeder ist von dieser ungekannten Lage betroffen, viele von uns sogar hart getroffen.

Corona-Krise: Die nächsten Wochen werden noch härter

Und doch haben wir keine andere Wahl, weil wir uns in einer Situation befinden, die keiner von uns je erlebt hat – auch die Entscheidungsträger nicht: Wir müssen ihnen also vertrauen. Weil wir es nicht besser wissen können. Keiner kann das. Wer etwas anderes behauptet, ist entweder Verschwörungstheoretiker oder argumentiert nur aus der eigenen Sorge heraus. Die Krise ist so beispiellos, dass sich Meinungen – außer jener mancher Mediziner – eigentlich verbieten. Wer sich zurzeit klare Ansagen oder gar Versprechungen aus der Politik erhofft, denkt zu kurz – sie wären bloß unseriös. Auch mit Blick auf die Führungen manch anderer Länder müssen wir deshalb fast froh sein, dass wir diese Versprechungen auch heute nicht erhalten haben. Denn wer dieser Tage Maßnahmen ergreifen muss, verlässt sich auf nicht viel mehr als sein bestes Gewissen (und ist darum nicht zu beneiden).

Der "Tag der Entscheidung" hat also kaum eine klare Entscheidung gebracht. Wer Licht am Ende des Tunnels sehen möchte, muss die Augen schon kräftig zusammenkneifen. Wir müssen bei aller Ungeduld weiter versuchen, locker zu bleiben, auch wenn uns die Lockerungen noch lange nicht locker genug sind. Es ist die ernüchternde Erkenntnis eines mit Spannung erwarteten Tages: Die nächsten Wochen werden für uns alle wahrscheinlich noch härter als die vorherigen.

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