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CSU-Experte Oberreuter: "Seehofer ist eine Wahlkampflokomotive"

Stoiber war gestern, in der CSU ist der Kampf um sein Erbe voll entbrannt. Was spricht für das Tandem Beckstein-Huber, was für Seehofer als Parteichef? Im stern.de-Interview analysiert der CSU-Experte Heinrich Oberreuter die verfahrene Situation.

Herr Oberreuter, Edmund Stoiber tritt ab, obwohl er sich bis zuletzt dagegen gewehrt hat. Was war jetzt der entscheidende Faktor? Das entscheidende Faktor ist gewesen, dass die beiden Schwergewichte Erwin Huber und Günther Beckstein sich geeinigt und den gordischen Knoten zerhauen haben. Ich habe gehört, Kurt Faltlhauser, der auch von Stoiber sehr geschätzt wird, sei dann der Bote gewesen. In so einer Situation muss jeder Amtsinhaber merken, dass das, was seine Ratgeber in der Staatskanzlei ihm in die Ohren blasen, Schall und Rauch ist. Deren Idee, man könne das verloren Charisma und Vertrauen durch eine Charmeoffensive wieder gewinnen, ist absolut unsinnig geworden.

Ist Stoiber über die Landrätin Pauli gestürzt? Stoiber ist nicht über Pauli gefallen. Sie war der Auslöser für eine offene, breite Diskussion, die es zuvor kryptisch längst gegeben hat. Die Debatte hat wegen des übermütig-ruppigen Regierens nach dem exorbitanten Wahlsieg 2003 eingesetzt und ihren Gipfelpunkt mit Stoibers Rückzug aus Berlin erreicht. Dieser ist ihm niemals verziehen worden. Das hat die bayerische Seele verletzt.

Was bedeutet Stoibers Rückzug für die CSU?

Edmund Stoiber hat sich als Regierungschef und Parteivorsitzender immense Verdienste erworben. Im Augenblick bedeutet sein Rückzug für die CSU jedoch eine notwendige Beruhigung. Ein Fortwirken dieses chaotischen Zustandes mit einer täglichen Beteuerung von Ratlosigkeit und Ausweglosigkeit, hätte die Partei in einen Strudel und eine Zerreißprobe hineingezogen, die sie nicht ohne tiefe Beschädigungen überlebt hätte - im Innern und gegenüber der Öffentlichkeit.

Was ist für die CSU jetzt das Wichtigste? Um der Partei ihr Rückgrat und ihre Seele wieder zurückzugeben, muss man zunächst den Stabwechsel so organisieren, dass er nicht nur ohne tiefere Verletzungen vor sich geht - und das scheint jetzt möglich zu sein - sondern auch so, dass er eine gewissen Symbolkraft für die Zukunft ausstrahlt. Das Gegenstück zu einer verdienten, symbolischen und emotionalen Verabschiedung Edmund Stoibers muss eine weihevolle Inthronisierung der beiden Nachfolger sein.

Wie bewerten Sie das Tandem Beckstein-Huber?

Die Variante, die da gefunden worden ist, ist interessant. Sie kann nur durchgehen, weil man im Augenblick für jede vernünftige Lösung dankbar ist. Der Charme diese Lösung besteht darin, dass die beiden sich potenziell blockierenden mächtigen Kandidaten Beckstein und Huber sich eben nicht mehr blockieren. Für jeden gibt es einen interessanten Beritt. Beckstein, der Beliebtere, kriegt das Regierungsamt, Huber, der ihm in Sachen Sympathie etwas nachsteht, der aber das dank seiner bisherigen Ämter das breitere politische Spektrum repräsentiert, wird Parteichef und bleibt Wirtschaftsminister. Das ist eine sehr mächtige Position.

Wie ist Hubers "Standing" in der Partei? Huber ist mit Sicherheit nicht unumstritten. Ich würde aber sagen, Seehofers "Standing" in der Partei ist auch nicht unumstritten. Die Ursachen sind aber andere: Huber kreidet man in Partei und Fraktion die Rigidität der Durchsetzung der Reform- und Sparpolitik von 2003 an. Seehofer kreidet man seine Alleingänge an, den Wirtschaftsflügel hat er auch gegen sich. Keiner von beiden wäre ein lupenreiner, unumstrittener Kandidat. Der Vorteil für Seehofer läge in seinem Charisma als Wahlkampflokomotive.

Es gibt Störfeuer aus Berlin. Landesgruppenchef Peter Ramsauer sagt, die Personalien seien noch nicht unter Dach und Fach. Werden die Berliner das Tandem aushebeln?

Ich halte das für unwahrscheinlich. Wenn das bayerische Machtzentrum sich auf eine solche Funktionsteilung einigt und das in die Öffentlichkeit gerät, wird das aus Berlin nicht mehr ausgehebelt werden können.

Hat die "Bild"-Berichterstattung Seehofer als möglichem Nachfolger an der CSU-Spitze den Garaus gemacht? Man sagt, dass dies Seehofers politische Karriere nicht beeinträchtigen darf. Nur, in dieses Ereignis hinein eine Führungsentscheidung zu treffen, ist natürlich hoch problematisch. Hätte man sich, wie ursprünglich angedacht, drei, vier Monate Zeit genommen, dann hätte Seehofer noch eine Chance gehabt, dieses Ereignis wegzudrücken. Wegen seiner Potenz als Charismatiker und Wahllokomotive wäre er hoch willkommen gewesen.

Hat die CSU einen vergleichbaren Erbfolgekrieg jemals erlebt?

Nein, so einen Erbfolgekrieg hat die CSU noch nicht erlebt. Im Vergleich zu dem, was wir gegenwärtig erleben, war die Auseinandersetzung zwischen Stoiber und Waigel im Jahr 1993 ein Säuseln.

Interview: Florian Güßgen