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Gegen den Vertrauensverlust Oberbürgermeisterin Eva Weber: "Junge Menschen müssen ihre Rolle in der Gesellschaft spüren"

Ein Porträt der Augsburger Oberbürgermeisterin Eva Weber
Die CSU-Politikerin Eva Weber ist seit letztem Jahr Oberbürgermeisterin von Augsburg
© Martin Augsburger / Stadt Augsburg
Eva Weber ist erst 43 Jahre alt und seit Mai 2020 die erste weibliche Oberbürgermeisterin der Stadt Augsburg. Was sie besonders umtreibt: Wie bringen wir endlich die Digitalisierung voran? Und wie begeistern wir mehr Jugendliche für die Politik?

Es hakt bei der Digitalisierung, bei den Schulen, der Bürgerbeteiligung – die Corona-Pandemie legte so einige Problemfelder Deutschlands offen. Daraus entsteht eine schwerwiegende Dynamik: Viele Bürgerinnen und Bürger verlieren ihr Vertrauen in die Politik. Einige Kommunen wollen diese Herausforderungen deshalb endlich aktiv anpacken und beteiligen sich jetzt beim Hackathon "Update Deutschland". Auch Eva Weber – CSU-Politikerin und die erste weibliche Oberbürgermeisterin der Stadt Augsburg. Durch die Pandemie "verlorene" Jugendliche will sie unbedingt wieder einsammeln, das ginge aber nur bei der gemeinschaftlichen Suche nach Lösungen, sagt sie im stern-Interview.

"Update Deutschland" ist ein selbsternanntes "Zukunftslabor", das vom 19.-21. März bei einem digitalen Hackathon die großen Fragen der Zukunft beantworten möchte. Bei einem Hackathon werden Freiwillige in neuen Teams zusammengebracht, die unter der Anleitung von Mentorinnen und Mentoren möglichst kreativ und gemeinsam Antworten auf zuvor eingereichte Fragen erarbeiten.

Frau Weber, wie dringend braucht Deutschland ein Update?

Die Coronakrise hat viele Versäumnisse der vergangenen Jahre in den Fokus der Öffentlichkeit gebracht. Jede und jeder einzelne von uns wurde in den letzten Monaten mit diesen Defiziten im Alltag konfrontiert. Nehmen wir zum Beispiel das Digitaldefizit. Auch schon vor Corona war klar, dass Deutschland im internationalen Vergleich aufholen muss. Aber mit monatelangen Homeschooling- und Homeoffice-Erfahrungen am eigenen Leib ist für alle klar: So wie es ist, kann es nicht weitergehen. Das Positive ist, dass wir durch Corona auch eine große Chance haben, eingefahrene Strukturen und Verhaltensmuster anzugehen. Deswegen: Jetzt ist der richtige Moment, das anzupacken.

Sie sprechen mit den von Ihnen eingereichten Fragen besonders die Bereiche Bürgerbeteiligung, gerade von Jugendlichen, und Digitalisierung an. Wieso haben Sie ausgerechnet diese Kernprobleme identifiziert?

Die Pandemie hat die Problemstellung in beiden Bereichen ganz klar aufgezeigt. Wir haben in der Pandemie viele Jugendliche "verloren". Und der Digitalisierungsstand – siehe am Beispiel Schule – in Deutschland reichte bei weitem nicht aus. Die Jugend und der Themenbereich Digitalisierung sind das Zukunftspotenzial für uns alle. Da müssen wir ran.

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Auch andere Städte und Kommunen wie Wuppertal oder Hannover sind bei "Update Deutschland" dabei. Welchen Nutzen erhoffen sich Kommunen wie Ihre von diesem Hackathon?

Besonders jetzt ist Schwarmintelligenz gefragt. Wir Menschen sind besser, wenn wir zusammen für eine Sache brennen und an einem Strang ziehen. Kommunen in Deutschland haben die gleichen Probleme und Sorgen. "Update Deutschland" vernetzt Städte untereinander und gibt uns dann die Möglichkeit, auf Menschen zu treffen, die Ideen haben und den Willen, jetzt zu handeln.

Ist es Ihnen ein besonderes Anliegen, gerade junge Menschen zu erreichen?

Mir ist wichtig, dass die Augsburgerinnen und Augsburger wissen, dass ich mich als Oberbürgermeisterin für alle verantwortlich fühle. Aber gerade junge Menschen leiden stark unter den Auswirkungen der Corona-Pandemie. Vor diesem Hintergrund ist es wichtig, Jugendliche ernst zu nehmen und ihnen zu zeigen, dass sie eine entscheidende Rolle in der Gesellschaft spielen. Ich bin in einem politischen Haushalt groß geworden, hatte also immer Zugang zu politischen Themen – aber wer so einen Zugang nicht hat, resigniert vielleicht schneller, fühlt sich ohnmächtig, und wird damit offener für extremistische Strömungen. Wenn junge Menschen ihre Rolle in der Gesellschaft spüren, wenn sie merken, dass sich etwas durch ihre Handlungen verändern kann, dann verlieren wir sie als aktive, mündige Bürgerinnen und Bürger auch später nicht mehr.

Sollten mehr junge Menschen in die Politik?

Auf jeden Fall. Das Engagement von jungen Menschen in der Politik ging in den letzten Jahren stark nach unten. Das hat natürlich auch mit den neuen Möglichkeiten zu tun, mit denen man sich Gehör verschaffen kann, wie z.B. den sozialen Medien. Und auch mit enttäuschten Erwartungen. Es ist einfacher, eben mal schnell seine Meinung auf Facebook zu posten, als in demokratischen Prozessen und über Gremienarbeit die Leute davon zu überzeugen. Wir müssen alles daransetzen, dass die Leute wieder Interesse an der Politik haben, egal ob kommunal oder auf Bundesebene.

Sie regieren in Augsburg mit den Grünen als Koalitionspartner, Ministerpräsident Markus Söder hat sich auch für den Bund für ein schwarz-grünes Bündnis ausgesprochen. Wie zukunftsträchtig ist diese Koalition auch für den Bund?

Es ist ein spannendes Projekt, da zwei unterschiedliche Partner hier zusammenkommen. Für Augsburg kann ich sagen, dass Schwarz/Grün bis jetzt gut funktioniert. Wir haben starke inhaltliche Diskussionen und ringen um gute Kompromisse für unsere Stadt. Und darum geht es ja in der Politik. Das gilt für Augsburg genauso wie für Berlin.

Eigentlich hatten Sie beschlossen, „nie in die Politik“ zu gehen. Jetzt sind Sie die erste weibliche Oberbürgermeisterin von Augsburg. Was machen Sie anders als Ihre männlichen Vorgänger?

Ich war zuvor über zehn Jahre in der Stadtpolitik tätig, unter anderem als Wirtschaftsreferentin und Zweite Bürgermeisterin. Meinen Vorgänger, Oberbürgermeister Dr. Kurt Gribl, schätze ich nach wie vor sehr, er hat meinen beruflichen Werdegang geprägt und wir haben lange Zeit eng zusammengearbeitet. Aber natürlich ist jeder Mensch anders und hat – unabhängig vom Geschlecht – unterschiedliche Stärken und Schwächen. Ich bin ein sehr bodenständiger und zugänglicher Mensch, was vielleicht den einen oder die andere überrascht, wenn man mir zum ersten Mal begegnet. Der persönliche Kontakt zu den Menschen ist mir sehr wichtig. Das ist natürlich in den aktuellen Coronazeiten schwierig.

Sie fragten zum Weltfrauentag selbst danach: Was ist denn Ihre Vorstellung für eine gleichberechtigte Gesellschaft?

Ich habe ja schon gesagt: Wir Menschen sind besser, wenn wir gemeinsam an einem Strang ziehen und das lässt sich auch auf eine gleichberechtigte und gleichwertige Verteilung der Geschlechter in unterschiedlichen Positionen der Gesellschaft ausweiten. In meiner Vorstellung einer gleichberechtigten Gesellschaft sind also Frauen und Männer in gleicher Anzahl in Führungspositionen vertreten und es wird dabei antizipiert, dass unterschiedliche Lebensphasen unterschiedliche Arbeitszeitmodelle bedürfen – auch und gerade in Aufsichtsratspositionen, in der Geschäftsführungsebene, in verantwortungsvollen Positionen. Und die Zugänge zu eben diesen Positionen müssen für alle gleichermaßen offenstehen – das betrifft jetzt die Bereiche Bildung und Nachwuchskräfteförderung. Wir haben da noch viel Arbeit vor uns, das will ich gar nicht schönreden.

Worauf freuen Sie sich persönlich am meisten, wenn die Corona-Pandemie vorbei ist?

Sich im Freundeskreis treffen zu können. Händeschütteln. Umarmungen. Wieder mit den Bürgerinnen und Bürgern in Kontakt zu kommen und Projekte, die wegen Corona jetzt erstmal warten mussten, zu realisieren.

"UpdateDeutschland" – so können Sie mitmachen

Wer kann mitmachen?

Jeder. Bürgerinnen und Bürger können einerseits ganz konkrete Problemstellungen einreichen. Außerdem können sie sich um eine Teilnahme am Hackathon bewerben. Auch Kommunen können ihre Probleme einreichen. Schon bestehende Initiativen oder Teams können ihre Projekte im Rahmen des Hackathons weiterentwickeln. Und Unternehmen und Organisationen können die Teams während des Kreativwochenendes mit ihrer Expertise unterstützen.
 

Welche Probleme kann man einreichen?

Bei "UpdateDeutschland" heißen Problemstellungen "Herausforderungen". Sie sollen aus den folgenden sechs Themenfeldern kommen:

1. Klimaneutrale, lebenswerte Zukunft

2. Gesundheit und mentales Wohlbefinden

3. Digitaler Staat und digitaler Verbraucherschutz

4. Bildung, lebenslanges Lernen und neue Arbeit

5. Demokratie, Partizipation und Engagement

6. Lebendiges Stadt- und Landleben
 

Beispiel:

Herausforderungen werden als "Wie können wir…"-Fragen eingereicht. Zum Beispiel: "Wie können wir die Teilhabe im digitalen Raum von älteren Menschen stärken?"
 

Wann passiert was?

Bis zum 17.3.2021, 18 Uhr, können Fragen eingereicht werden.

Vom 19.–21.3.2021 findet der Hackathon statt.

Vom 15.4.–19.8.2021 werden die Projekte aus dem Hackathon umgesetzt.
 

Alle Infos und Anmeldeformulare unter https://updatedeutschland.org


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